Interview
Der gebürtige Stuttgarter Journalist Alex Steudel hat für sein neues Buch 100 Jahre Sportreportagen durchforstet. Im Interview spricht er über große Geschichten, schwindende Recherchezeit, KI – und darüber, warum gerade Lokaljournalismus Zukunft hat. EchtStuttgart sei dafür ein Beispiel.
Der Sportjournalismus hat sich radikal verändert: Ergebnisse gibt es in Sekunden, Vereine produzieren eigene Inhalte, Algorithmen und KI prägen die Berichterstattung. Doch was bleibt von der großen Sportreportage? Alex Steudel hat für sein Buch 100 Jahre deutschsprachige Sportberichterstattung durchforstet und 27 Autorinnen und Autoren ausgewählt. Darunter finden sich auch bekannte Namen des Stuttgarter Journalismus wie Hans Blickensdörfer, Oskar Beck und Peter Sartorius.
EchtStuttgart: Du hast dich durch 100 Jahre deutschsprachige Sportberichterstattung gearbeitet. Wann wusstest du beim Lesen: Diese Reportage muss ins Buch?
Alex Steudel: Entscheidend war hauptsächlich mein Begeisterungsgrad beim Lesen. Ich liebe schöne Formulierungen. Und wenn die immer wieder in einem Text auftauchten, der auch sehr gut recherchiert war, hat das den Ausschlag gegeben.
Zum Beispiel die Maradona-Reportage „Der Spieler“ von Anna Kemper, die vom vergeblichen Versuch der Autorin handelt, ein Maradona-Interview zu bekommen. Sie schreibt eingangs: „In diesen sieben Wochen werde ich die Telefonnummer von Maradonas Schwiegersohn auswendig lernen, Fotos aus fahrenden Autos schießen, Informanten auflauern, einen Wurstboten treffen. Und ich werde jeden Morgen aufs Neue den Mann im Kiosk erschüttern, weil ich eine Frau bin und trotzdem eine Sportzeitung kaufe.“ So etwas liebe ich.
EchtStuttgart: Wie ist die Auswahl entstanden? Hast du am Ende allein entschieden, welche Texte zu den „besten deutschen Sport-Reportagen aller Zeiten“ gehören – und wer hat dich beraten?
Alex Steudel: Es war tatsächlich eine Mischung aus monatelangem Lesen, Lesen, Lesen, dem Quälen von Archivaren, dem Befragen unzähliger Ex-Kollegen und dem Durchforsten von Reporterpreisen. Entschieden habe ich am Ende aber ganz allein. Die wichtigste Anforderung war: Ich musste das Stück auch nach mehrmaligem Lesen noch sehr gut finden.
EchtStuttgart: Was war deine größte Überraschung bei dieser Suche?
Alex Steudel: Ursprünglich hatte ich Angst, dass am Ende alles nur Fußball sein würde. Das war aber nicht so. Es ist etwa fifty-fifty. Die besten Stücke handeln von American Football, Boxen, Reiten, Rudern, Eiskunstlauf oder Rallye. In dieser Anthologie sind eben nicht Messi, Kahn, Matthäus oder Kati Witt die Stars, sondern die 27 Autorinnen und Autoren.
EchtStuttgart: Wenn man die großen Sportreportagen liest, handeln sie oft nur vordergründig vom Sport. Eigentlich geht es um Menschen, um Ehrgeiz, Angst, Scheitern, Triumph oder gesellschaftliche Veränderungen. Ist der Sport für die besten Geschichten manchmal nur die Bühne?
Alex Steudel: Ganz genau. Sport handelt ja sehr oft von Schicksalen und löst Emotionen aus wie kaum ein anderes Ressort – und hat den großen Vorteil, dass nichts vorhersehbar ist. Wenn Geschichten dann gut recherchiert und hervorragend aufgeschrieben sind, ist das unschlagbar. Das sage sogar ich als großer Fan von Sportdokus auf Netflix & Co.
Den letzten Ausschlag, das Buch zu machen, hat das Stück „Locker, Bahne, locker“ von Dirk Kurbjuweit aus dem Jahr 2001 gegeben. Es handelt nicht von Superstars oder Bayern München, sondern von Bahne Rabe, Schlagmann des deutschen Olympiagold-Achters 1988 in Seoul. Aber es geht nicht um Sieg und Gold, sondern um Bahne Rabe, der später im Alter von 37 Jahren an Magersucht starb.
Der Autor besucht Rabes Mitstreiter, seinen Trainer, die Familie und schreibt das Ganze sehr gefühlvoll auf – man leidet richtig mit. Der erste Satz seiner Reportage ist übrigens auch der erste im Buch: „Da steht der Tod auf Stelzen …“ Großartig! Kurbjuweit ist heute Chefredakteur des SPIEGEL.
EchtStuttgart: Große Reportagen brauchen Recherche, Reisen, Gespräche und vor allem Zeit. Gleichzeitig sparen Verlage, Redaktionen werden kleiner, Stellen fallen weg. Können sich Medien diese Art von Journalismus überhaupt noch leisten?
Alex Steudel: Ehrlich gesagt hatte ich bei der Recherche den Eindruck, dass der Aufwand nachlässt, ja nachlassen muss, weil einfach das Geld und damit die Zeit für aufwendige Recherchen heute bei vielen Medien nicht mehr da ist. Leider bleibt oft, nicht immer, nur Zeit für ein bisschen Archiv lesen, eine beteiligte Person zum Kaffee treffen und dann: die Geschichte schreiben. Schade eigentlich.
EchtStuttgart: Oder müsste man die Frage genau andersherum stellen: Können Medien es sich angesichts von kostenlosen Ergebnissen, Livetickern, Videos und Social Media überhaupt noch leisten, keine Reportagen zu produzieren?
Alex Steudel: Das ist ja leider meistens eine reine Geldfrage: Welche Einnahmen „generiert“ ein gut klickender, kurzer Text auf der Website, ein Kurzvideo auf YouTube – und welche eine wochenlang recherchierte Reportage? Darüber könnte man ewig philosophieren.
Mein Kollege Pit Gottschalk, der in dem Buch mit einem Stück über den verstorbenen Andreas Brehme vertreten ist, hat das ganz wunderbar ausgedrückt: „In einer Zeit, in der Sporttexte auf Handyformat geschnitten und von Algorithmen sortiert werden, ist diese Sammlung die schönste Antwort aufs digitale Zeitalter.“
EchtStuttgart: Ergebnisse, Statistiken und Spielzusammenfassungen lassen sich inzwischen mit KI in Sekundenschnelle produzieren. Die Leser sind es gewohnt, alles sehr schnell zu erfahren. Haben sie da noch Zeit für die lange Reportage? Oder steigen sie viel zu früh aus?
Alex Steudel: Ich befürchte: oft Letzteres. Die Lesegewohnheiten ändern sich, Menschen werden schneller ungeduldig. Bei einer Weiterbildung in New York hat bei Facebook schon vor über zehn Jahren jemand zu mir gesagt: „90 Prozent der Leute, die bei uns eine Geschichte teilen, haben selbst nur die Überschrift gelesen.“
Aber genau deshalb braucht es ja Bücher wie diese Anthologie. Als Mittel gegen Mittelmaß.
EchtStuttgart: KI könnte Journalisten viel Routinearbeit abnehmen und ihnen theoretisch mehr Zeit für Recherche, Gespräche und Beobachtung verschaffen. Siehst du diese Chance tatsächlich – oder besteht eher die Gefahr, dass Verlage KI vor allem nutzen, um mit weniger Journalisten noch mehr Inhalte zu produzieren?
Alex Steudel: Auch hier: Letzteres. Aber das soll kein „Früher war alles besser“ sein. Es ist einfach so: Je weniger Geld reinkommt, desto weniger kann ich als Medienmarke ausgeben.
Zum Glück bilden sich Inseln, wo auch KI nicht weiterkommt. Im Lokaljournalismus zum Beispiel. Wenn ich als gebürtiger Stuttgarter und Ex-Lokalredakteur der Stuttgarter Nachrichten, der in Hamburg lebt, wissen möchte, was in meiner alten Heimatstadt los ist, dann hilft mir KI nur bedingt weiter.
Spezialisierung, zum Beispiel Lokaljournalismus, bietet viele Chancen, finde ich. Deshalb funktioniert auch ein Newsletter wie EchtStuttgart.
EchtStuttgart: Die Konkurrenz sind heute nicht mehr nur andere Medien. Vereine, Verbände, Sportler und Influencer erzählen ihre Geschichten selbst. Was muss Journalismus bieten, was diese Kanäle nicht können?
Alex Steudel: Das ist sehr, sehr schwer, weil Marken eben genau dieses Problem haben: Sie sind nur Marken, leblos, aber Influencer leben und erzählen.
Oder nehmen wir den FC Bayern. Als ich noch Bayernreporter war, konnte ich die Spieler selbst anrufen und Geschichten machen. Heute kontrollieren die Vereine alles. Und interviewt werden die Spieler von der Pressestelle des Klubs.
Das führt dazu, dass kaum noch eigene, exklusive Geschichten erscheinen – es können nur noch bestehende Fakten bewertet werden. Und je krasser die Bewertung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, gelesen zu werden.
EchtStuttgart: Und wenn in 25 Jahren jemand die besten Sportreportagen unserer Zeit sammelt: Was glaubst du, wie werden diese Geschichten aussehen – und werden sie überhaupt noch in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sein?
Alex Steudel: Es gibt ja noch Inseln, zum Glück. Wochen- und Monatsmagazine wie SPIEGEL, DIE ZEIT oder 11 Freunde lassen ihren Reporterinnen und Reportern noch die Zeit für große Recherche. Bei Tageszeitungen wird’s schon knapp.
In der letzten Staffel der HBO-Serie „The Wire“ geht es um den Niedergang der Tageszeitung The Baltimore Sun. Am Ende kommt ein echter Journalist zu Wort. Er sagt: „They say you can do more with less. But you can’t. You do less with less.“
Und ein Kollege hat mir diese alte Geschichte aus den 80ern erzählt: „Als ich einen neuen Job anfing, ging ich zu meinem Ressortleiter und sagte: ,Ich würde gern eine Woche zur Badminton-WM fahren und darüber schreiben!‘ Er sagte mir: ,Fahren Sie zwei Wochen.‘“
So etwas passiert heute nicht mehr.
Alex Steudel ist freier Journalist und lebt in Hamburg. Geboren wurde er in Stuttgart. Als Fußballreporter begleitete er 1860 München, den FC Bayern und die deutsche Nationalmannschaft. Er arbeitete unter anderem bei den Stuttgarter Nachrichten, der Münchner Abendzeitung und WELT/WamS in Berlin und war Chefredakteur der Magazine SPORT BILD und Fit for Fun. Heute schreibt er unter anderem Kolumnen für den Fußball-Newsletter Fever Pit’ch.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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