Downhill-Weltelite in Stuttgart
Bevor die weltbesten Urban-Downhill-Fahrer durch Stuttgart rasen, trifft sich die Szene am Freitagabend im DoQu: Breuninger hat mit der Modemarke AlphaTauri zur Racer-Night geladen. Local Hero Johannes „Fischi“ Fischbach spricht mit EchtStuttgart über Heimvorteil, Angst vor Stürzen und den Wirbel um sein Weinberg-Video.
„Fischi! Fischi! Fischi!“ Wenn am Sonntag Tausende Zuschauer an Stuttgarts Stäffele, Straßen und Absperrungen stehen, dürfte Johannes Fischbach seinen Namen ziemlich oft hören.
Ob das ein Heimvorteil ist?
„Auf jeden Fall“, sagt Fischi zu EchtStuttgart. „Das tut gut, wenn viele meinen Namen rufen.“
Aber bekommt ein Fahrer davon überhaupt etwas mit, wenn er mit bis zu 60 km/h durch die Stadt rast, Treppen hinunterfliegt und sich auf den nächsten Sprung konzentrieren muss?
Aber natürlich, sagt Fischbach. Er höre die Menschen. Und mehr noch: „Das turnt mich an.“
Noch etwas spricht für den deutschen Fahrer: Während viele seiner Konkurrenten für das Finale von Red Bull Cerro Abajo um die halbe Welt reisen müssen, hat der 38-Jährige dieses Problem nicht.
Kein stundenlanger Flug, kein Jetlag. Für ihn ist Stuttgart tatsächlich ein Heimrennen.
Und das in einer Stadt, die wegen ihrer Hügel, Weinberge und Stäffele als eine der steilsten Großstädte Deutschlands gilt. Müsste der Kurs hier also nicht besonders hart sein? Fischi muss da ein wenig Wasser in den Wein schütten: „Das mag sein, aber Stuttgart ist die flachste Strecke der internationalen Tour, die einfachste Strecke.“
Fischbach ist dreifacher Deutscher MTB-Meister, wurde beim Cerro-Abajo-Rennen in Genua Zweiter und hat auf einigen der spektakulärsten Urban-Downhill-Strecken der Welt im Sattel gesessen.
Seine Lieblingsstrecke im internationalen Vergleich?
„Valparaíso.“
Dort in Chile liegen die Wurzeln von Cerro Abajo. Durch enge Gassen, über Treppen, Sprünge und Mauern rasen die Fahrer hinunter Richtung Ziel. Cerro Abajo heißt übersetzt ganz unspektakulär: den Berg hinab. Was dabei passiert, ist allerdings alles andere als unspektakulär.
Wer die Bilder dieser Rennen sieht, stellt sich zwangsläufig eine Frage: Wie schafft man es, dabei keine Angst zu haben?
Fischbachs Antwort kommt ohne Umschweife.
„Wenn du Angst hast, musst du gar nicht erst starten.“
Hat er also tatsächlich keine Angst?
„Nein.“
Auch nicht vor einem Sturz?
„Nein.“
Dabei weiß Fischbach ziemlich genau, wie sich ein Sturz anfühlt. Er ist oft genug gestürzt. Für ihn gehört das zum Sport. Aufstehen, weitermachen.
Es ist eine Haltung, die zunächst verrückt klingen mag. Fischbach widerspricht diesem Bild allerdings entschieden.
„Wir sind nicht crazy“, sagt er.
Die Fahrer, die bei Cerro Abajo antreten, seien keine Menschen, die sich unvorbereitet irgendeinen Abhang hinunterstürzen. Viele von ihnen sitzen seit ihrer Kindheit auf dem Mountainbike. Sie sind mit Geschwindigkeit, Sprüngen und Risiko groß geworden. Die Fahrten werden vorbereitet, Gefahren analysiert und Strecken abgesichert
Genau darüber ist Fischbach in den vergangenen Tagen selbst in eine Diskussion geraten.
Ein von ihm veröffentlichtes Video zeigt ihn mit hohem Tempo bei einer Fahrt durch einen Weinberg. Sein Kommentar dazu: Bei fast 60 km/h habe er nicht erkennen können, ob es Rot- oder Weißwein gewesen sei.
Die spektakulären Bilder sorgten für Aufmerksamkeit – aber auch für Kritik. Aus der Weinbranche kam der Vorwurf, eine solche Fahrt könne gerade während der beginnenden Lese gefährlich sein. Und in den sozialen Netzwerken wurde diskutiert, welche Vorbildwirkung solche Aufnahmen haben.
Im Gespräch mit EchtStuttgart erklärt der 38-Jährige nun seine Sicht.
Die Fahrt sei keineswegs spontan oder ungesichert gewesen. Er habe sie vorher abgesichert und mit dem Winzer besprochen. Was er allerdings unterschätzt habe: Ein Video in sozialen Netzwerken erreicht längst nicht nur Menschen aus der Mountainbike-Szene.
Ärger um Stuttgart-Star Johannes Fischbach vor dem Downhill-Race – Was Red Bull dazu sagt
Wer lediglich die Bilder sehe, könne nicht wissen, was vor dem Dreh passiert sei und welche Vorbereitungen getroffen wurden.
„Wir sind nicht crazy“, betont Fischbach deshalb noch einmal.
Solche Fahrten seien sehr gut vorbereitet. Nur könne man diese Vorbereitung in einem kurzen Social-Media-Video nicht unbedingt erkennen.
Als Aufforderung zum Nachmachen sei der Film ausdrücklich nicht gedacht.
Wie professionell diese Szene miteinander umgeht, zeigt sich am Freitagabend im DorotheenQuartier.
Breuninger und die österreichische Modemarke AlphaTauri, eine Tochter von Red Bull, haben fünf der Top-Rider, die vor dem Finale noch Chancen auf den Gesamtsieg haben, ins Dorotheen-Quartier geholt. Stadtpromis feiern bei der AlphaTauri Members Night in der Sansibar von Breuninger weiter.
Auf der Strecke kämpfen die Fahrer um Hundertstelsekunden und den Gesamtsieg. Abseits des Kurses wird schnell deutlich: Die vermeintlichen Rivalen kennen und schätzen sich. Viele sind Freunde.
Und mittendrin sitzt einer, auf den an diesem Wochenende besonders viele Stuttgarter Augen gerichtet sein werden: Fischi.
Am Sonntag wird aus der entspannten Racer-Night Ernst.
Zum ersten Mal gastiert das Finale von Red Bull Cerro Abajo in Deutschland. Vom Teehaus im Weißenburgpark führt der rund 1,2 Kilometer lange Kurs durch den Stuttgarter Süden bis zum Wilhelmsplatz.
Red Bull Stuttgart Cerro Abajo
130 Höhenmeter liegen zwischen Start und Ziel. Dazwischen warten Stäffele, enge Passagen, Rampen, Kicker und ein spektakulärer Brückensprung von rund 8,5 Metern. Geschwindigkeiten von bis zu 60 km/h sind möglich.
Jede Linie zählt. Jeder kleine Fehler kostet Zeit. Ein großer Fehler kann das Rennen beenden.
Samstag wird trainiert, am Sonntag folgen Qualifikation und Rennen. Und am Ende steht fest, wer sich 2026 den Gesamtsieg der Red Bull Cerro Abajo-Serie holt.
Fischbach ist rechnerisch noch im Titelrennen.
Dass ausgerechnet Stuttgart das Finale austrägt, freut ihn.
„Das Besondere an Stuttgart ist nicht nur die Topografie, sondern dass die ganze Region total bike-verrückt ist“, sagt Fischbach. „Hier gibt es eine riesige Community – bestimmt werden super viele Leute an der Strecke stehen.“
Auch die Unterstützung durch die Stadt hebt er hervor. Fischbach erlebt Stuttgart in diesen Tagen als Gastgeber, der dieses ungewöhnliche Sportereignis wirklich will.
Und vielleicht wird genau daraus am Sonntag jener Heimvorteil, auf den er hofft.
Denn auch wenn Fischi Stuttgart für die einfachste Strecke der internationalen Tour hält: Einfach wird dieses Rennen ganz sicher nicht.
Die besten Urban-Downhill-Fahrer der Welt treten gegeneinander an. Fischbach kennt sie, fährt gegen sie, ist mit vielen befreundet.
Aber am Sonntag zählt für ein paar Minuten nur die Uhr.
Und dann könnten die Rufe von den Stuttgarter Hängen herunterkommen:
„Fischi! Fischi! Fischi!“
Er wird sie hören.
Auch bei Tempo 60.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
Alle Artikel von Uwe Bogen →
5. Sep.News
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.