An Rubens Fenster live beim irren Spektakel
Das Finale von Cerro Abajo kommt erst am Sonntag, doch Stuttgart ist schon jetzt aus dem Häuschen. Bereits zum Training strömen die Massen. Kuhglocken scheppern, Weltklassefahrer fliegen über die Straßen. EchtStuttgart erlebt das irre Spektakel von oben aus der Wohnung von Schauspieler Ruben Dietze. We love Stuttgart!
Es ist erst Samstag. Nur der erste Tag. Das große Finale kommt am Sonntag. Und trotzdem sieht es an diesem wunderschönen Sommertag im Kessel so aus, als habe der VfB Stuttgart die Champions League gewonnen.
Von überall strömen die Menschen herbei. Junge, Alte, Familien mit Kindern, Jugendliche, Sportfans und solche, die wahrscheinlich vor ein paar Tagen noch nicht einmal wussten, was Urban Downhill ist. Rund um die Rennstrecke und vor allem am Zieleinlauf auf dem Wilhelmsplatz ist der Kessel proppenvoll.
Die Polizei spricht von wesentlich mehr Zuschauern als erwartet. Und wer sich durch die Menschenmassen schiebt, glaubt das sofort.
Stuttgart ist aus dem Häuschen.
Und immer wieder dieses Geräusch:
Klingelingeling!
Kuhglocken.
Sie gehören zum Berg. Und schließlich heißt Cerro Abajo frei übersetzt nichts anderes als: den Berg hinunter. Genau darum geht es bei diesem verrückten Rennen.
Red Bull Stuttgart Cerro Abajo
Bevor um 13.30 Uhr die Schleusen zum Zielbereich am Wilhelmsplatz öffnen, hat sich davor längst eine riesige Menschentraube gebildet. Als es endlich losgeht, wird sorgfältig kontrolliert.
Überhaupt wird Sicherheit großgeschrieben.
Schon in der Nacht zuvor standen Sicherheitskräfte rund um die Uhr an den aufgebauten Hindernissen. Niemand soll dort etwas verstecken oder gar Sprengstoff unterbringen können. Poller sichern Stellen, an denen Autos auf die Strecke oder in die Menschenmengen geraten könnten.
Viele Straßen, die sonst den Autos gehören, gehören an diesem Wochenende plötzlich den Fußgängern.
Und davon gibt es ziemlich viele. Wichtiger Tipp für den Finaltag am Sonntag: Auf keinen Fall mit dem Auto kommen!
Schauspieler Ruben Dietze, bekannt aus der Erfolgsproduktion „La Cage aux Folles“ im Theater der Altstadt, wohnt im ersten Stock über der Westernbar Reboots an der Bopserstraße. Die Rennstrecke führt direkt daran vorbei. Das Lokal, das zu den originellsten Gastro-Orten von Stuttgart zählt, verkauft Drinks nach draußen. Mountain Mule zum Cerra Abajo. Gin Tonic zu den tollkühnen Männern (später auch zu Frauen) auf ihren fliegenden Rädern. Man sieht viele Red-Bull-Dosen. Ruben hat das Team von EchtStuttgart in seine WG eingeladen. Von den beiden Fenstern seines Schlafzimmers aus hat man die beste Sicht auf die Rennstrecke.
Besser kann man an diesem Nachmittag kaum wohnen. Wir haben freie Sicht auf die Rampen, ohne dass wir in der Menschenmenge zusammengedrückt werden. Die Athleten kommen mit großer Geschwindigkeit angeschossen, heben ab – und fliegen über die Straße.
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Jedes Mal dasselbe Ritual.
Erst wird es unruhig.
„Da kommt einer!“
Die Kuhglocken läuten. Die Handys gehen hoch. Der Fahrer kommt. Er springt.
Für einen kurzen Moment scheint die ganze Straße die Luft anzuhalten. Und wenn er sicher auf der anderen Seite landet, geht ein gemeinsames Aufatmen durch die Menge.
Puh!
Dann bricht Jubel aus. Man zittert mit, und ist dann erleichtert
Und schon kommt der Nächste.
35 der besten Urban-Downhill-Fahrer der Welt sind nach Stuttgart gekommen. Sie stürzen sich vom Teehaus im Weißenburgpark über Stäffele und durch Altbaugassen hinunter zum Wilhelmsplatz. Auf sie wartet unter anderem ein 8,5 Meter weiter Brückensprung.
1,2 Kilometer. 130 Höhenmeter. Bis zu 60 Stundenkilometer. Und am Sonntag fällt hier die Entscheidung um den Weltmeistertitel. Zum ersten Mal in Deutschland.
Das merkt man auch daran, wie international Stuttgart an diesem schönen Sommertag klingt.
Ruben Dietze erzählt, dass im Hotel gegenüber eine Frau aus Chile wohnt, deren Sohn beim Rennen startet. Ihr gefalle es sehr gut in Stuttgart.
Man hört fremde Sprachen. Auffallend viele Südamerikaner sind da. Die Weltelite ist im Kessel – und Stuttgart zeigt sich als Gastgeber von seiner besten Seite.
Das ist Echt Stuttgart. Wir sind stolz und lieben diese Stadt!
Das Stuttgarter Sportpublikum war schon immer ganz besonders. Jetzt jubelt die ständig weiter wachsende Menge für Fahrer, deren Namen die meisten zehn Minuten zuvor noch gar nicht kannten.
Weinberge. Stäffele. Altbauten. Halbhöhenlagen. Straßen, die sich durch den Kessel schlängeln – all dies wird zur spektakulären Kulisse für ein Weltfinale.
Einer braucht keinen Langstreckenflug; Johannes „Fischi“ Fischbach. Wo immer der deutsche Local Hero auftaucht, wird es laut.
„Fischi! Fischi! Fischi!“
38 Jahre alt ist er. Man sieht es ihm wirklich nicht an. Er wirkt deutlich jünger.
Vielleicht hält Bergabfahren jung.
Wenn am Sonntag Tausende Menschen an Stuttgarts Stäffele, Straßen und Absperrungen stehen, dürfte Fischbach seinen Namen ziemlich oft hören.
Ob das ein Heimvorteil ist?
„Auf jeden Fall“, sagt Fischi zu EchtStuttgart. „Das tut gut, wenn viele meinen Namen rufen.“
Aber bekommt ein Fahrer davon überhaupt etwas mit, wenn er mit bis zu 60 km/h durch die Stadt rast, Treppen hinunterfliegt und sich schon auf den nächsten Sprung konzentrieren muss?
Aber natürlich, sagt Fischbach. Er hört die Menschen. Und mehr noch: „Das turnt mich an.“
Dabei könnte man meinen, dass ausgerechnet die Stadt der Stäffele, Weinberge und steilen Halbhöhen einen besonders brutalen Kurs bietet. Fischi muss uns diesen Zahn ziehen: „Stuttgart ist die flachste Strecke der internationalen Tour, die einfachste Strecke.“ Seine Lieblingsstrecke war Valparaíso in Chile.
Auch unser Gastgeber Ruben Dietze hat an diesem Wochenende wenig Schlaf. In der Nacht vor dem ersten Downhill-Tag hat er noch Texte geschrieben. Denn während vor seiner Haustür die Weltelite auf zwei Rädern durch Stuttgart fliegt, beschäftigt ihn schon das nächste Ereignis.
Am Freitag feiert die neue Varieté-Show „Legendary: THE 90’s“ Premiere, bei der Dietze, ein Kind der 90er, als Conférencier durch den Abend führt. Gameboy, Love Parade, große Hits, Akrobatik, Tanz – und das Lebensgefühl eines Jahrzehnts, das inzwischen selbst Geschichte ist. Ruben steckt gedanklich also irgendwo zwischen den 90ern und Fahrern, die mit 60 Sachen vor seinem Schlafzimmerfenster durch die Luft fliegen.
Auch das ist Stuttgart.
Drinnen schreibt einer seine Texte für die große Show. Draußen klingeln Kuhglocken.
Unten stehen Menschen Schulter an Schulter. Dann kommt wieder ein Fahrer.
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„Da! Da kommt einer!“
Die Handys gehen hoch. Msn muss schnell sein, Die Glocken läuten. Der Fahrer hebt ab. Für eine Sekunde hält der Kessel den Atem an.
Was für ein Samstag. Was für ein Stuttgart.
Und das große Finale kommt erst noch. Ruben wird dann bei der Probe für die 90er-Show im Friedrichsbau Varieté sein. „Ihr könnt trotzdem in meine Wohnung kommen“, sagt er. Ohne ihn an den Fenstern seines Schlafzimmers? Lieber nicht. Wir werden neue Plätze finden. Und freuen uns schon darauf. Auf Rubens Premiere freuen wir uns natürlich auch.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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