Queere Demonstration
Viele Transmenschen sehen bereits erkämpfte Rechte in Gefahr. Bei der Trans* Pride zieht die Community deshalb an diesem Samstag durch Stuttgart – für Selbstbestimmung und gegen Diskriminierung. Unter dem Motto „Nicht mit uns!“ soll die Demo zugleich eine klare Botschaft gegen den Rechtsruck und die Politik der AfD senden.
Wie viele trans Menschen leben in Deutschland?
Eine exakte Zahl gibt es nicht. Einen Eindruck von der Größenordnung liefern jedoch Bevölkerungsumfragen. In einer Ipsos-Erhebung von 2024 bezeichnete sich rund ein Prozent der Befragten in Deutschland als transgender. Übertragen auf rund 83,5 Millionen Einwohner wären das rechnerisch etwa 835.000 Menschen.
Diese Zahl sollte allerdings nicht als feste Größe verstanden werden. Je nach Studie, Altersgruppe und Definition unterscheiden sich die Ergebnisse zum Teil erheblich. Werden neben trans Menschen auch nichtbinäre, genderfluide und weitere nicht-cis Identitäten einbezogen, fallen die Anteile entsprechend höher aus.
Als grobe Orientierung lässt sich deshalb sagen: Die Zahl der trans Menschen im engeren Sinne dürfte in Deutschland in die Hunderttausende gehen. Es geht also keineswegs um eine verschwindend kleine gesellschaftliche Gruppe.
Auffällig ist vor allem der Blick auf die jüngere Generation: In Umfragen bezeichnen sich junge Menschen deutlich häufiger als trans, nichtbinär oder genderfluid als ältere.
Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass es heute tatsächlich mehr trans Menschen gibt als früher. Eine mögliche Erklärung ist, dass jüngere Menschen heute eher Begriffe für ihre eigene Identität kennen und sich offener dazu bekennen können.
Auch in früheren Generationen dürfte es Menschen gegeben haben, die sich nicht mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizierten. Für viele fehlten jedoch gesellschaftliche Akzeptanz, Sichtbarkeit oder schlicht die Sprache, um offen darüber zu sprechen.
Offen als trans zu leben, kann allerdings auch heute noch unangenehme oder diskriminierende Erfahrungen mit sich bringen – von Blicken und Kommentaren über absichtliches Misgendern bis zu Beleidigungen.
Wie verbreitet Diskriminierung innerhalb der queeren Community weiterhin ist, zeigen Daten der EU-Grundrechteagentur FRA. In deren großer Befragung berichteten 57 Prozent der befragten LGBTIQ-Personen in Deutschland von Belästigung innerhalb des vorangegangenen Jahres.
Die Zahl bezieht sich auf LGBTIQ-Personen insgesamt und lässt sich deshalb nicht eins zu eins auf trans Menschen übertragen. Sie verdeutlicht aber die Größenordnung eines Problems, das für viele Betroffene zum Alltag gehört.
Genau vor diesem Hintergrund findet am heutigen Samstag, 5. September, die Trans Pride Stuttgart 2026* statt. Aufstellung ist um 12.30 Uhr am Rotebühlplatz. Bereits zum siebten Mal geht die Trans* Community in der Landeshauptstadt auf die Straße.
Das Motto in diesem Jahr: „Nicht mit uns!“
Veranstalter Mission TRANS e.V. will damit ein Zeichen gegen politische und gesellschaftliche Entwicklungen setzen, die aus Sicht des Vereins bereits erreichte Fortschritte für trans Menschen wieder gefährden.
Dabei geht es auch um den politischen Rechtsruck. Die Pride soll nach Angaben der Veranstalter deutlich machen, dass die Community eine Einschränkung ihrer Rechte und eine zunehmende Ausgrenzung nicht widerspruchslos hinnehmen will. Die Politik der AfD wird als große Gefahr für die Rechte von Transmenschen angesehen.
Ganz konkret stehen mehrere politische Themen im Mittelpunkt. Dazu gehören geplante Änderungen der baden-württembergischen Meldeverordnung und deren mögliche Folgen für trans*, inter* und nichtbinäre Menschen. Der Verein befürchtet eine dauerhafte Kennzeichnung im Melderegister und warnt vor der Gefahr eines Zwangsoutings.
Auch Forderungen und Regelungen zu Geschlechtertests im Sport beschäftigen die Community. Die Veranstalter sehen dabei Fragen der Menschenwürde, Privatsphäre und gesellschaftlichen Teilhabe berührt.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die medizinische Versorgung. Mission TRANS warnt vor zunehmender Unsicherheit beim Zugang zu notwendigen Behandlungen. Hinzu kommen Sorgen, dass Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem die ohnehin angespannte psychotherapeutische Versorgung weiter verschlechtern könnten.
Für die Organisatoren sind das keine abstrakten Debatten über Verordnungen und Gesetze. Dahinter stehen Menschen, deren persönliche Daten geschützt werden müssen, die Sport treiben und am gesellschaftlichen Leben teilnehmen wollen oder auf medizinische und psychotherapeutische Unterstützung angewiesen sind.
Auf der Trans* Pride sollen deshalb Betroffene, Aktivist*innen und Fachleute selbst zu Wort kommen und schildern, welche Auswirkungen politische Entscheidungen auf ihren Alltag haben.
Gleichzeitig versteht sich die Veranstaltung als Ort der Begegnung. Sie soll zeigen, wie vielfältig und lebendig die trans Community in Stuttgart und Baden-Württemberg ist.
Unterstützung bekommt die diesjährige Pride aus der Landespolitik. Baden-Württembergs Sozialminister Oliver Hildenbrand (Grüne) hat die Schirmherrschaft übernommen. Um 15 Uhr soll er auf der Bühne der Trans Pride sprechen.
Für die Veranstalter ist die Pride damit ausdrücklich mehr als eine Veranstaltung innerhalb der eigenen Community. Sie verstehen sie als politische Demonstration mitten in der Stuttgarter Stadtgesellschaft.
Die zentrale Botschaft des Tages steckt bereits im Motto: „Nicht mit uns!“ – für Selbstbestimmung, eine sichere medizinische und psychotherapeutische Versorgung und gesellschaftliche Teilhabe statt Ausgrenzung.
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