Stadtprominenz feiert im Friedrichsbau
Bravo Hits zum Anschauen: „Legendary: THE 90’s“ verwandelt den Friedrichsbau in eine kunterbunte, obergeile Party. Stadtprominenz feiert zu Ohrwurm-Hits und Artistik. Doch der 90er-Rausch macht am Ende auch nachdenklich. Wo ist der Optimismus heute? Wir zeigen die schönsten Bilder der Premierenparty.
Ja! Einfach nur: Ja! Diese Show ist ein Fest. Eine obergeile Party – um gleich mal ein Wort aus jener Zeit hervorzuholen. Kunterbunt, ein bisschen verrückt, ziemlich sexy und mit einem Sound, bei dem die Erinnerungen schon nach den ersten Takten Purzelbäume schlagen
Backstreet Boys! Scorpions! Britney Spears! Robbie Williams! Und noch viel mehr! Alles klar? Verdammt ich lieb dich, ich lieb dich nicht. Let me Entertain You!
Gefühlt braucht es bei manchen Liedern drei Takte – dann weiß der ganze Saal Bescheid. Die ersten Lippen bewegen sich, die ersten Köpfe wippen, und wenig später wird mitgesungen.
„Legendary: THE 90’s“ ist Bravo Hits zum Anschauen.
Und mittendrin einer, der diesem wilden Ritt durch die 90er Herz und Haltung gibt: Ruben Dietze. Als DJ Ben, Conférencier und Latzhosenträger führt er großartig durch den Abend – einfühlsam, feierfreudig, lebenslustig, energiegeladen und mit genau jener Portion Nachdenklichkeit, die aus einer reinen Hitparade schließlich doch mehr macht.
Denn Dietze kann beides: die Party hochjagen und am Ende, sitzend auf der Treppe, einen Zweifel stehen lassen. Er ist Gastgeber, Antreiber und emotionaler Mittelpunkt dieser Zeitreise.
Bis es nachdenklich wird, wird allerdings erst einmal gefeiert.
Und wie!
Über zwei Stunden lang tanzt, turnt, singt und fliegt das Ensemble durch den Abend (Regie: Ralph Sun). Man möchte beim Zuschauen schon nach zehn Minuten nach einem Handtuch fragen. Spektakuläre Artistik trifft auf kraftvollen Live-Gesang und Choreografien, bei denen offensichtlich niemand die Anweisung bekommen hat, Kräfte für später aufzusparen.
Der Bass geht durch Mark und Bein. Das Publikum jubelt. Und dann diese Musik!
Man kennt sie. Man kann sie. Und selbst bei Songs, die man angeblich schon damals schrecklich fand, stellt man plötzlich erschrocken fest: Warum kann ich eigentlich immer noch jede Zeile?
Willkommen in den 90ern.
Gameboy. VHS. CDs. Love Parade. Die ersten MP3s. Das Internet beginnt, die Welt zu verändern. Handys haben Tasten, und wer unterwegs einen Film sehen will, muss schon sehr optimistisch sein.
Vor allem aber herrscht Aufbruchstimmung.
Die Mauer ist gefallen. Deutschland ist wiedervereinigt. Der Kalte Krieg ist vorbei. Viele glauben: Jetzt wächst die Welt zusammen. Frieden und Freiheit scheinen nicht wie naive Wünsche, sondern wie eine ziemlich realistische Aussicht.
Zurück in die 90er: Plötzlich ist die Latzhose wieder obercool
Auch gesellschaftlich fallen Grenzen. 1994 wird Paragraf 175 endgültig aufgehoben – jene Vorschrift, mit der homosexuelle Männer in Deutschland jahrzehntelang verfolgt worden waren. 1994 geht auch das neue Friedrichsbau Varieté nach vielen Jahren Pause an den Start – damals in der Rotunde der L-Bank.
In den 90ern geht es voran. So fühlt es sich zumindest an. Und heute?
Heute wissen wir, dass Geschichte keine Einbahnstraße ist.
Genau an dieser Stelle zeigt „Legendary: THE 90’s“, dass die Macher mehr wollten als eine Greatest-Hits-Party mit Akrobatik.
DJ Ben wird nachdenklich.
Und hier zahlt sich aus, dass Ruben Dietze seine Figur nicht nur als gut gelaunten Zeremonienmeister angelegt hat. Der Zweifel, den er zuvor immer wieder durchscheinen lässt, bekommt plötzlich Gewicht. Was ist eigentlich aus all den Hoffnungen geworden?
Denn Mauern gibt es wieder.
Andere Mauern.
Mauern aus Hass. Aus Ausgrenzung. Aus Sprachlosigkeit. Stück für Stück sollte man sie abbauen, appelliert DJ Ben alias Ruben, mit Liebe und Empathie etwa.
Wir erleben Kriege, Krisen und eine Gesellschaft, in der rechtsextreme Kräfte wieder stärker geworden sind. Wer in den 90ern glaubte, Demokratie, Freiheit und Frieden würden sich von nun an fast automatisch immer weiter ausbreiten, dürfte heute ernüchtert sein.
Auf der Bühne steht eine bunt bemalte Mauer. Und sie fällt am Ende tatsächlich.
Natürlich ist das Symbol groß. Aber manchmal dürfen Symbole groß sein. Vor allem nach zwei Stunden großer Gefühle.
Zur Premiere hat sich auch reichlich Stadtprominenz auf die Zeitreise begeben. Und einige Gäste haben offenbar vorher noch einmal sehr gründlich überprüft, was der eigene Kleiderschrank an 90er-Tauglichem hergibt.
Bunt ist Trumpf. Schrill schadet nie.
Gudrun Nopper, Ehefrau des Oberbürgermeisters und Vorsitzende der Aktion „Stille Not“, feiert ebenso mit wie Moderator und Model Mustafa Göktes, DEHOGA-Vorsitzender Dennis Shipley und DEHOGA-Geschäftsführer Jochen Alber. Auch Sänger Damiano Maiolini, Sängerin Alexandra Hoffmann, Clublegende und „Schwulen-Mama“ Laura Halding-Hoppenheit, Model Anni Hoyer, „SOKO Stuttgart“-Schauspielerin Astrid Fünderich, Sängerin Madeline Willers, Modedesigner Tobias Siewert, Chris Fleischhauer von Regio-TV, Autorin Chris Grüneberger, Kunsthändler Frank Zimmermann sowie Manuel Kloker, Christina Semrau, Klaus Schnaidt und Uwe Bogen vom EchtStuttgart-Team lassen sich die Premiere nicht entgehen.
Und vermutlich trägt jeder an diesem Abend seine ganz persönlichen 90er mit sich herum.
Den ersten Kuss. Den Lieblingsclub. Die CD, die auf Repeat lief. Den Song, bei dem sofort wieder Bilder auftauchen.
Und vielleicht auch das eine Kleidungsstück, bei dem es völlig genügt, dass es nur noch in der Erinnerung existiert. Johnny, einer der Besucher, sagt: „Ich bin 1994 geboren, also habe ich die 90er als kleines Kind erlebt. Ich glaube, ich war ungefähr fünf, als ich vorm Radio saß und auf ein bestimmtes Lied gewartet habe, nur um es dann auf Kassette aufzunehmen. Das war damals irgendwie das Größte – bloß nicht zu spät auf Record drücken.“
Warum sollte man „Legendary: THE 90’s“ anschauen? Weil man sich dabei verdammt gut fühlt. So einfach ist das manchmal.
Für zwei Stunden sind die Nachrichten draußen. Die Sorgen auch. Drinnen wird gesungen, gelacht, gestaunt und gefeiert. Die Artistinnen und Artisten liefern großartige Unterhaltung, die Musik fährt direkt ins emotionale Langzeitgedächtnis, und die Lebenslust auf der Bühne springt aufs Publikum über.
„Das war die beste Show ever“, sagt Model Anni Hoyer bei der Premierenparty.
Kann man so stehen lassen.
Vielleicht ist das größte Kunststück dieses Abends aber ein anderes: Man verlässt das Friedrichsbau Varieté beschwingt – und nimmt trotzdem eine Frage mit nach Hause.
Was ist eigentlich aus dem Optimismus der 90er geworden?
Damals fielen Mauern. Vielleicht sollten wir wieder damit anfangen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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