Die Uwe-Bogen-Kolumne
„Wie viele Hände hat der Oktopus?“, heißt es in einem Volksfesthit. Man könnte aber auch fragen: Wie viele Bändel hast du am Arm? Unser erster Rundgang über den Wasen – mit Geschichten vom doppelten Dirndl-Lottchen, der Frage, was vier Schläge über einen Mann aussagen, und dem Geheimgang der Spitzbuben, der Rätsel aufgibt
Das Cannstatter Volksfest eignet sich ganz wunderbar, um Themen sehr emotional zu erörtern, die in Wahrheit gar nicht wichtig sind. Aber irgendwie muss man seinen Gefühlshaushalt ja fit halten – und schließlich zeigt ein bisschen Lästern auch, dass einem die Mitmenschen nicht völlig egal sind. Denn wer nicht einmal mehr zum Lästern taugt, muss ein trauriges Dasein führen.
Wie viele Schläge braucht der Oberbürgermeister beim Fassanstich? Dürfen zwei Wirtinnen im gleichen Dirndl auf der Bühne stehen? Und wie viele VIP-Bändel braucht es eigentlich am Handgelenk, damit alle sehen: Hier ist jemand wichtig?
Das EchtStuttgart-Team mit Mustafa Göktas, Phil Hagebölling und Uwe Bogen bringt es am ersten Volksfestabend auf jeweils vier Bändel – passend zu Noppers vier Schlägen beim Fassanstich. Mit einem kleinen Unterschied: Vier Schläge am Fass könnten auf fehlende Kraftreserven deuten – vier Bändel am Arm dagegen sprechen durchaus für Kondition. Schließlich stehen sie für vier Stationen in Clubs und Bars an einem Abend. Spaß haben wir reichlich dabei.
Und ganz nebenbei entsteht der Eindruck, dass sich der gesellschaftliche Rang auf dem Wasen direkt am Handgelenk ablesen lässt. Je mehr Bändel, desto wichtiger? Irgendwann sieht der Arm jedenfalls aus wie der Backstage-Bereich eines Festivals.
Natürlich sind die Bändel vor allem Eintrittskarten aus Stoff oder Plastik. Aber auf dem Wasen wird daraus eine kleine Statusfrage.
Cannstatter Wasen
Das Cannstatter Volksfest wird jedes Jahr in einem anderen Festzelt eröffnet, diesmal in Wilhelmer’s SchwabenWelt. Dass Frank Nopper vier Schläge braucht, bis das Bier fließt – vor einem Jahr waren es noch zwei –, sorgt prompt für Lästereien. Schließlich ist Nopper normalerweise schneller. Aber das war, bevor Stuttgarts Stadtkasse leer geworden ist. Hat ihn das etwa geschwächt? Und der Blick nach München macht es nicht besser: Der neue Oberbürgermeister Dominik Krause brauchte bei seiner ersten Wiesn gerade einmal zwei Schläge.
Aber mal ernsthaft: Ist das wirklich eine Disziplin, in der ein OB glänzen muss? Soll Nopper jetzt ins Trainingslager – Sondertraining mit Holzhammer, Zapfhahn und leerem Fass im Rathauskeller?
Zumal es in Stuttgart noch ganz andere Zahlen gibt: Noppers Vorvorvorgänger Manfred Rommel brauchte einst zehn Schläge. Trotzdem erinnert sich heute kaum jemand an ihn wegen seiner Fassanstich-Technik. Ein Rathauschef muss wichtigere Dinge trainieren.
Die Eröffnungsfeier in der SchwabenWelt ist ohnehin viel mehr als Fass, Hammer und die Frage, wer wie oft draufhaut. Sie ist das große Stuttgarter Familientreffen.
Wir laufen ein paar Meter, schon werden wir aufgehalten. Ein bekanntes Gesicht, ein kurzes Hallo, die Frage, was es Neues gibt. Weiter geht es – und wenige Meter später beginnt das nächste Gespräch. Politiker, Wirte, Unternehmer, Schausteller, Medienleute und Menschen, bei denen niemand so genau weiß, warum sie jedes Jahr dabei sind – aber fehlen würden sie trotzdem.
Für das Team von EchtStuttgart gibt es dabei eine schöne Begleiterscheinung: Mehrfach sprechen uns Menschen an und loben unser Magazin. Volksfest-Eröffnung ist, wenn ein fremder Mann auf uns zukommt und sagt: „Gut, dass wir uns mal sehen – ich wollte Ihnen schon immer mal sagen, wie toll EchtStuttgart ist.“
Das freut uns. Danke dafür! Der Wasen ist eben auch ein großes soziales Netzwerk – nur analog und mit Maßkrügen.
Während der Eröffnungsfeier vibriert das Handy des EchtStuttgart-Berichterstatters gleich mehrfach. „Dirndl-Gate!“, schreibt einer. „Dirndl-Affäre!“, ein anderer.
Was ist passiert? Die Wirtinnen Sonja Merz und Daniela Wilhelmer stehen auf der Bühne – im gleichen Dirndl von Riani. Die Modemarke kommt aus Schorndorf, wurde 1978 gegründet und steht für hochwertige Kleidung, die sich preislich im oberen Premiumbereich befindet.
Zwei auf derselben Bühne im gleichen Riani! Skandal! Oder vielleicht auch einfach: ziemlich egal. Zwei Frauen tragen das gleiche Dirndl (nicht dasselbe, wie Kenner der deutschen Sprache wissen). Stuttgart wird es überstehen. Und wahrscheinlich sogar Baden-Württemberg.
Das Land hat jedenfalls größere Aufgaben. Um die kümmern sich hoffentlich Ministerpräsident Cem Özdemir und Innenminister Manuel Hagel. Beide sind bei der Eröffnung nicht dabei. Bestimmt gibt es Wichtigeres als die Frage, wer auf der Wasenbühne welches Dirndl trägt.
„Als wär er net ganz bache“: Wie sich OB Frank Nopper bei der Eröffnung durchs Volksfest reimt
Wir ziehen weiter Richtung Hofbräu-Zelt Beim Benz. Unser Ziel ist der neue Diskowirt, etwas versteckt hinten rechts. Doch bevor wir dort ankommen, sehen wir einen vielleicht 16-jährigen Jungen in Lederhose. Er liegt da, ihm geht es offensichtlich nicht gut. Dann übergibt er sich.
Es ist noch später Nachmittag.
Da ist sie, die andere Seite des Volksfestes. Zwischen Tracht, Tradition und Party gehören eben auch Menschen zum Bild, die zu viel und zu früh trinken. Besonders unangenehm ist der Anblick, wenn sie so jung aussehen. Der Wasen hat nicht nur schöne Seiten.
Wir suchen weiter nach dem Diskowirt. Hinten rechts am Benz-Zelt finden wir schließlich den Zugang – und plötzlich stehen wir in einer anderen Wasenwelt. Bunt, laut, DJ statt Ballermann. Schon am Nachmittag ist ordentlich etwas los.
Der neue Club zeigt einen Unterschied zwischen Cannstatter Volksfest und Oktoberfest: Auf dem Wasen gibt es in und rund um die großen Zelte immer wieder eigene Partywelten. Ein paar Schritte reichen, und aus dem Festzelt wird ein Club mit DJ.
Beim Rundgang fällt noch etwas auf: Champagnerflaschen werden mit sprühenden Funkenfontänen serviert. Wir fragen uns: Wie schnell vergisst der Mensch?
Bei der verheerenden Brandkatastrophe in der Schweizer Bar Le Constellation an Neujahr 2026 kamen Dutzende Menschen ums Leben. Nach Erkenntnissen der Ermittler waren sehr wahrscheinlich Sprühfontänen auf Champagnerflaschen der Ausgangspunkt des Feuers, als sie zu nah an die Decke gerieten.
Natürlich ist nicht jeder Raum gleich. Deckenhöhen, Materialien, Sicherheitsabstände und Brandschutz sind entscheidend. Genau das hören wir auch auf dem Wasen: Die Decken seien hier viel höher, das könne man überhaupt nicht vergleichen.
Mag sein. Trotzdem bleibt ein merkwürdiges Gefühl. Nicht einmal neun Monate sind seit Crans-Montana vergangen – und schon gehören funkensprühende Flaschen wieder zur Partyinszenierung. Als wäre nichts gewesen.
Was ist sonst noch neu auf dem Wasen? Eine Antwort finden wir in der Spitzbubenbar. Dort gibt es einen neuen Geheimgang.
Und schon wird diskutiert: Wo führt der hin? Man flüstert sich zu: Zum Darkroom!
Ob das stimmt? Wir dürfen hineinschauen und den Geheimgang sogar filmen. Demnächst werden wir investigativ mit unserem Filmmaterial aufklären und ein Geheimnis des Volksfestes lüften .
Eine weitere Neuheit finden wir im Dinkelacker-Zelt der neuen Wirtsfamilie Weller: die Brunner Lodge, betrieben von der österreichischen Familie Brunner. Bier gibt es dort auch – wir sind schließlich noch immer auf dem Wasen. Doch stärker im Mittelpunkt steht der Wein.
Das passt. Nicht jeder möchte den ganzen Abend Maß um Maß trinken. Der Wasen wird gastronomisch vielfältiger. Die Tradition bleibt, aber drum herum wird ausprobiert.
Unser erster Rundgang zeigt ziemlich gut, was der Wasen ist: Tradition und Party, Familientreffen und Geschäftstermin, Bier und Wein, Festzelt und Club. Und natürlich die ewige Frage, wer wo hineinkommt.
Dafür gibt es schließlich die Bändel. Wir kehren mit vier nach Hause. Gar nicht schlecht für den Anfang.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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