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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosGroße Ausstellung im Rathaus
Von Mutter und Tochter mit Preisschildern an der Brille über ewige Bauverzögerungen der Bahn bis zu interaktiven Fantasiewelten: Unter dem Titel „Aufbruch in neue Zeiten“ zeigen 46 Mitglieder des Stuttgarter Künstlerbundes ihre Werke im Rathaus – zwischen dem, was war, dem, was ist, und der Frage, was die Zukunft bringen mag.
Zwei Frauen mit auffälligen Brillen blicken selbstbewusst aus dem Bild. An den Brillengestellen baumeln noch die Preisschilder. Der Hintergrund leuchtet in Türkis, Grün und Blau. Das großformatige Acrylgemälde „Shop now“ (138 × 98 Zentimeter) von Holde Klis ist ein echter Blickfang in der Mitgliederausstellung des Stuttgarter Künstlerbundes im zweiten Stock des Rathauses.
Die Entstehungsgeschichte ist ebenso alltäglich wie charmant: Ihre Schwiegertochter und Enkelin hatten der Künstlerin Selfies von einem gemeinsamen Einkaufsbummel geschickt. Die beiden probierten Brillen an und fotografierten sich damit. Diese spontanen Schnappschüsse inspirierten Holde Klis zu ihrem Gemälde. Aus einem Moment beim Shoppen wurde ein farbenfrohes Kunstwerk, das zugleich mit Mode, Konsum und Selbstdarstellung spielt.
„Shop now“ ist in dieser Ausstellung übrigens durchaus wörtlich zu nehmen: Alle ausgestellten Kunstwerke können auch gekauft werden. Wer also beim Rundgang sein persönliches Lieblingsstück entdeckt, kann zuschlagen.
Einen ganz anderen Blick auf Veränderung wirft Wilhelm Betz mit seiner digital bearbeiteten Fotografie „Zwischen den Welten?“. Das Werk vereint Vergangenheit und Zukunft des Stuttgarter Hauptbahnhofs: Im Hintergrund erstreckt sich ein dichtes Gewirr aus Oberleitungen, Masten und Gleisanlagen des alten Bahnhofs, ganz in Schwarz-Weiß. Davor leuchten die geschwungenen Lichtaugen des neuen Tiefbahnhofs in Blau- und Türkistönen.
Vergangenheit und Zukunft überlagern sich. Die Bildkomposition wirkt beinahe surreal und macht den tiefgreifenden Wandel sichtbar, den Stuttgart durch das möglicherweise unendliche Bahnprojekt Stuttgart 21 erlebt. Der fragende Titel lässt offen, wie dieser Wandel zu bewerten ist. Die Stadt jedenfalls hat genug von den ewigen Zeitverschiebungen der Bahn und stets steigenden Kosten.
Eine geheimnisvolle Fantasiewelt mit fantastischen Bauwerken, einer steinernen Brücke und einem riesigen fremdartigen Wesen zeigt Stephanie Naglschmid in ihrem Werk „Verhandlung über die Zukunft“.
Doch das Bild hat eine zweite Dimension: Wer den QR-Code am Bildrand mit dem Smartphone scannt, gelangt in eine interaktive 360-Grad-Erlebniswelt. Aus dem Betrachten wird ein digitales Erkunden. Die Grenzen zwischen klassischer Kunst und virtueller Welt verschwimmen.
Eigentlich sollte der Stuttgarter Künstlerbund schon im März 2020 im Rathaus ausstellen. Alles war vorbereitet, doch nur eine Stunde vor der geplanten Vernissage am 11. März musste die Ausstellung „Amerika“, die sich auf Stuttgarts Partnerstadt St. Louis bezog, wegen Corona abgesagt werden.
Sechs Jahre später ist der Künstlerbund zurück. „Aufbruch in neue Zeiten“ heißt die neue Mitgliederausstellung. 46 Künstlerinnen und Künstler präsentieren ihre unterschiedlichen Perspektiven auf Gegenwart, Wandel und Zukunft.
Bei der Ausstellungseröffnung erinnert Dr. Friedrich Naglschmid, Ehemann der Künstlerin Stephanie Naglschmid, an die bewegte Geschichte des Stuttgarter Künstlerbundes. Der traditionsreiche Verein vereint seit 1898 Künstlerinnen und Künstler der Region und gilt einer der ältesten Kunstvereine Süddeutschlands. Zu seinen prägenden Persönlichkeiten gehörte der Maler Graf Leopold von Kalckreuth. Seit vielen Jahrzehnte ist der Künstlerbund eng mit dem Kunstgebäude am Schlossplatz verbunden.
Die Corona-Pandemie und die anschließende Sanierung des Kunstgebäudes stellten den Verein vor große Herausforderungen. Ende 2020 musste er seine angestammten Räume aufgeben. Ausstellungen an wechselnden Orten und sogar eine Galerie am Bauzaun hielten die Kunst weiterhin sichtbar. Im September 2024 kehrte der Künstlerbund schließlich in seine neu gestalteten Räume im Kunstgebäude zurück.
Mit „Aufbruch in neue Zeiten“ zeigt der Künstlerbund nun auch im Rathaus seine künstlerische Vielfalt. Malerei, Fotografie und plastische Arbeiten eröffnen ganz unterschiedliche Sichtweisen auf unsere Welt. Die Ausstellung zeigt, dass Aufbruch viele Gesichter haben kann. Und manchmal baumeln auch noch die Preisschilder dran.
Titel: „Aufbruch in neue Zeiten“ – Mitgliederausstellung des Stuttgarter Künstlerbundes e. V.
Zeitraum: 2. November bis 18. Dezember 2026
Ort: Stuttgarter Rathaus, 2. Obergeschoss, Marktplatz 1, 70173 Stuttgart
Beteiligte: 46 Künstlerinnen und Künstler
Weitere Informationen: www.kuenstlerbund-stuttgarter.de
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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