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Pralinen-Ikone Neuhaus eröffnet in Stuttgart: Schoko-Kurs beim Maître aus Brüssel


Uwe Bogen 5 Min. Lesezeit News

Was haben ein kleiner Junge mit zwei Euro, ein Mann namens Casanova und die Hoffnung auf Weltfrieden gemeinsam? Die Antwort steckt in einer Praline. EchtStuttgart-Autor Uwe Bogen war beim Workshop mit einem Maître Chocolatier aus Brüssel in der neuen Neuhaus-Boutique in Stuttgart dabei – und erfuhr, warum Schokolade weit mehr kann, als nur süß zu schmecken.

Mit ruhiger Hand und grüner Spritztüte: Beim Neuhaus-Workshop in Stuttgart bekommen die Pralinen ihren letzten Schliff. Foto: Andreas Engelhard

Es gibt schlechtere Termine für einen Journalisten, als sich an einem Nachmittag die Hände wie ein kleines Kind mit Schokolade zu verschmieren. Wobei: So richtig schmutzig werden sie gar nicht. Schließlich soll die süße Köstlichkeit dort landen, wo sie hingehört – in kleinen Formen, verziert mit Pistazien, Mandeln, Karamell und allerlei anderen Leckereien. Und später natürlich im Mund.

In der neuen Stuttgarter Neuhaus-Boutique an der Kirchstraße, nur ein paar Schritte vom Marktplatz und der Markthalle entfernt, wird an diesem Nachmittag nicht nur genascht. Hier wird gearbeitet. Mit großer Begeisterung, erstaunlich viel Konzentration und jeder Menge Spaß.

Aus Brüssel angereist ist David De Decker, Maître Chocolatier des belgischen Traditionsunternehmens. Er zeigt uns, wie aus flüssiger Schokolade kleine Kunstwerke werden. Und wir dürfen es selbst versuchen.

Die grüne Tüte und die Kunst des richtigen Drückens

Jeder Teilnehmende bekommt eine grüne Spritztüte mit warmer, flüssiger Schokolade. Jetzt kommt es auf die richtige Handhaltung an. Die Schokolade soll möglichst gleichmäßig in die kleinen Vertiefungen der durchsichtigen Kunststoffform fließen.

Unser Autor Uwe Bogen bei der Pralinenarbeit. Foto: Andreas Engelhard

Das braucht Übung. Mal kommt zu viel Schokolade heraus, mal zu wenig. Wer zu zaghaft drückt, bekommt keine schöne Form. Wer zu beherzt zugreift, riskiert, dass die Schokolade über den Rand läuft. Aber genau das macht den Spaß aus. Plötzlich sind wir alle wieder ein bisschen wie Kinder. Es wird gelacht, gefachsimpelt und verglichen. Schließlich möchte jeder besonders schöne Pralinen hinbekommen.

Dann kommt der vielleicht schönste Teil: das Verzieren. Auf dem Holztisch stehen Schälchen mit Pistazien, Mandeln, Karamellstückchen und weiteren Zutaten. Jeder darf auswählen, womit er seine Schokoladenkreationen krönen möchte.

Viel Zeit bleibt nicht. Die Schokolade wird schnell fest. Wer zu lange überlegt, riskiert, dass die Köstlichkeiten nicht mehr haften.

Das Ergebnis? Vielleicht nicht jede Praline ein Meisterwerk. Aber jede ein Unikat. Und der Stolz auf das Selbstgemachte ist mindestens so groß wie die Vorfreude aufs Probieren.

David De Decker (Mitte), Maître Chocolatier des belgischen Traditionsunternehmens Neuhaus, zeigt, wie gute Pralinen gelingen. Unter seinen Schülern ist unser Autor Uwe Bogen (links). Foto: Andreas Engelhard

Eigentlich hieß der Gründer Casanova

Dass hinter Neuhaus eine Geschichte steckt, die fast zu schön klingt, um wahr zu sein, erfahren wir von Isabelle Kimmerlé, Country Managerin für Deutschland und Österreich.

Die Familie des Gründers hieß ursprünglich Casanonoa. Aus Casanova (deutsch: das neue Haus) wurde in der Übersetzung Neuhaus. Die Verführung liegt diesem Unternehmen also gewissermaßen in der Familiengeschichte.

1857 eröffnete Jean Neuhaus, ein Schweizer mit italienischen Wurzeln, in den berühmten Galeries Royales Saint-Hubert in Brüssel eine Apotheke. Eigentlich wollte er Arzt werden, doch der Anblick von Blut soll ihm nicht bekommen sein.

Um bittere Medikamente angenehmer zu machen, überzog er sie mit Schokolade. 1912 hatte sein Enkel Jean Neuhaus junior den entscheidenden Einfall: Warum die Medizin nicht einfach weglassen und die Schokoladenhülle stattdessen mit etwas Köstlichem füllen? Die belgische Praline war geboren.

Drei Jahre später entwickelte seine Frau Louise Agostini das Ballotin, eine elegante Schachtel zum sicheren Transport der empfindlichen Köstlichkeiten. Aus einer Apotheke wurde einer der berühmtesten Pralinenhersteller der Welt.

In Stuttgart hat Neuhaus an der Kirchstraße den zehnten deutschen Standort eröffnet. Foto: Andreas Engelhard
Ohne Worte. Foto: Andreas Engelhard

Mehr Pralinen, weniger Streit?

Isabelle Kimmerlé hat eine eigene Philosophie: Die Welt wäre ein bisschen besser, wenn die Menschen mehr Pralinen essen würden. Denn Pralinen bescheren uns Glücksmomente, machen zufrieden und vielleicht auch gelassener. Und wer zufrieden ist, reagiert womöglich weniger aggressiv auf seine Mitmenschen.

Eine wissenschaftliche Friedensformel ist das nicht unbedingt. Aber eine sympathische Vorstellung. Wer bei unserem Workshop in die Runde schaut, kann ihr kaum widersprechen. Niemand ist schlecht gelaunt, alle lachen, freuen sich über gelungene Kreationen und nehmen kleine Missgeschicke mit Humor.

Vielleicht sollte man bei manchen hitzigen Diskussionen einfach erst einmal eine Schachtel Pralinen auf den Tisch stellen. Schlimmer wird es dadurch vermutlich nicht.

Ein Kilo kostet um die 110 Euro 

Hochwertige Pralinenkunst hat ihren Preis. In Stuttgart kostet ein Kilogramm ungefähr 110 Euro. Das klingt zunächst nach viel Geld. Doch zehn Gramm kosten gerade einmal 1,10 Euro. Dass Kunden derart geringe Mengen kaufen, kommt selten vor, erzählt Isabelle Kimmerlé. Aber es gibt Ausnahmen.

In der Münchner Neuhaus-Filiale kommt jede Woche ein Junge vorbei und kauft für zwei Euro Pralinen. Woche für Woche. Man kann sich vorstellen, wie er vor der Auslage steht und überlegt, welche Köstlichkeit er sich diesmal gönnen möchte.

Vielleicht ist er einer der treuesten Kunden des Unternehmens. Auf jeden Fall zeigt er, dass sich der Wert einer Praline nicht allein in Gramm und Euro messen lässt.

Was macht eine gute Praline aus?

David De Decker weiß: Eine gute Praline darf nicht einfach nur süß sein. Entscheidend sind Qualität, Konsistenz und das Zusammenspiel der Aromen.

Hochwertige Schokolade soll glänzen und beim Hineinbeißen angenehm knacken. Die Füllung darf cremig, nussig, fruchtig oder knusprig sein, aber keine Zutat sollte die andere überdecken. Auch das Verhältnis zwischen Schokoladenhülle und Füllung muss stimmen.

Bei Neuhaus werden die Pralinen weiterhin in Belgien hergestellt. Klassische Rezepturen treffen auf neue Geschmacksideen.

Der neue Store des belgischen Unternehmens an der Kirchstraße. Foto: Andreas Engelhard

Mit der Boutique ani der Stuttgarter Kirchstraße eröffnet Neuhaus nach Unternehmensangaben seinen zehnten eigenen Standort in Deutschland. Neben Klassikern gibt es besondere Kollektionen wie „Les Nuances“, entstanden in Zusammenarbeit mit dem belgischen Modedesigner Christian Wijnants, sowie Weihnachtspralinen und Adventskalender.

Schokolade zum Genießen und Verschenken. Wobei man beim Verschenken besser eine zweite Packung für sich selbst einplant. Sicher ist sicher.

Und plötzlich sind wir alle Chocolatiers

Am Ende unseres Workshops liegen unsere selbst gestalteten Schokoladenkreationen in ihren Formen. Die Schokolade ist fest geworden, Pistazien, Mandeln und Karamell sitzen an ihrem Platz. Aus unseren Versuchen sind tatsächlich kleine Köstlichkeiten entstanden.

Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Vormittags genau darin: Wir haben nicht nur etwas über Schokolade gelernt. Wir durften selbst etwas erschaffen. Ohne Leistungsdruck, einfach aus Freude am Ausprobieren.

Und plötzlich versteht man, was Isabelle Kimmerlé mit ihrer Glücksphilosophie meint.

Die Welt wird durch eine Praline sicher nicht automatisch friedlicher. Aber für einen Augenblick vielleicht freundlicher, süßer und schöner.

Der kleine Junge aus München, der jede Woche für zwei Euro sein Schokoladenglück kauft, hat das offenbar längst verstanden.

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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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