Dein Viertel
Wähl deinen Bezirk, dann zeigen wir dir Neues von dort zuerst. Gespeichert wird nur in deinem Browser, ganz ohne Konto.
Gerade neu
Specials
Mitmachen & Wissen
Rubriken
NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosStuttgart-Album mit Sage-Foto
Ein gelber Pullover, ein prächtiger Vollbart und bekannte Gesichter aus Radio und Schlagerwelt: Ein Foto von Promifotograf Christof Sage zeigt Moderator Rainer Nitschke und Schlagersänger Erik Silvester in den Siebzigern. Eine Erinnerung an eine Zeit voller Aufbruch und Lebensfreude – und an Menschen, die inzwischen fehlen.
Es muss ein vergnüglicher Abend gewesen sein. Die Stimmung ist gelöst, die Haare sitzen – jedenfalls nach den Maßstäben der Siebziger. Auf dem Tisch stehen unter anderem eine Flasche Kübel Pilsner, ein Brotkorb und eine Zigarettenschachtel. Einer hält lässig eine Zigarette in der Hand. Und mittendrin sitzen Menschen, deren Gesichter damals Millionen Fernsehzuschauern und Radiohörern vertraut waren.
Das Foto stammt vom Promifotografen Christof Sage, der selbst darauf zu sehen ist: mit prächtigem Vollbart, dunklem Sakko und einem Glas Weißwein in der Hand. Wo die Aufnahme entstand, weiß er heute nicht mehr. Vielleicht bei einer Künstlerfeier, nach einem Auftritt oder einfach bei einem gemeinsamen Abendessen irgendwo in Stuttgart.
Ganz links sitzt Rainer Nitschke, damals Moderator beim Süddeutschen Rundfunk (SDR). Der gelbe Pullover, das karierte Hemd mit dem riesigen Kragen und die längeren Haare sind unverkennbar Siebziger.
Nitschke wurde zu einer der bekanntesten Radiostimmen im Südwesten. Im Mai 2026 starb er mit 79 Jahren. Eigentlich sollte er anonym bestattet werden. Doch nach Recherchen von EchtStuttgart und einem Spendenaufruf, bei dem 11.355 Euro zusammenkamen, fand er im August seine letzte Ruhe in einem Baumgrab auf dem Stuttgarter Waldfriedhof. Die größte Einzelspende kam von Peter Maffay.
Auf dem Foto sitzt Nitschke noch mitten im Leben. Niemand am Tisch ahnt, welche Geschichten die kommenden Jahrzehnte schreiben werden.
„Bitte nicht stören“ – die Trauerrede für Rainer Nitschke, die unter die Haut ging, im Wortlaut
Zur Runde gehören auch Erik Silvester und das Schlagerduo Cindy und Bert, die auf dem Foto allerdings teilweise verdeckt sind. Es ist die große Zeit der ZDF-Hitparade, der Schallplatten und der deutschen Unterhaltungsmusik. Silvester feierte mit „Zucker im Kaffee“ Erfolge, Cindy und Bert landeten 1973 mit „Immer wieder sonntags“ einen ihrer größten Hits.
Erik Silvester starb 2008, Bert 2012. Mit Rainer Nitschke ist 2026 ein weiteres bekanntes Gesicht dieser Runde gegangen.
Auch modisch ist das Foto eine kleine Zeitreise. Breite Hemdkragen, lange Männerhaare, Koteletten und Vollbärte gehörten zum guten Ton. Gelbe Pullover, hellblaue Oberteile und weinrote Hemden mit Blumenmustern brachten Farbe in den Alltag.
Geraucht wurde auch am Esstisch. Dazu gab es Bier und Wein. Besonders auffällig ist eine Flasche Kübel Pilsner mit gelbem Etikett – eine Biermarke, die ihre größten Zeiten wohl auch schon hinter sich hat.
Die Siebziger waren eine Zeit des Aufbruchs und der Widersprüche. Die Gesellschaft wurde freier, die Mode mutiger, die Musik lauter. Gleichzeitig blieb die Geselligkeit oft ganz bodenständig: Man traf sich im Lokal, saß zusammen, redete und feierte.
Das Berührende an solchen Fotografien ist, dass die Menschen darauf ihre Zukunft noch nicht kennen. Sie lachen, trinken, unterhalten sich. Für sie ist es ein Abend unter vielen. Für uns ist es ein Stück Vergangenheit.
Christof Sage hat den Augenblick festgehalten, aber den Ort längst vergessen. Auf dem Foto, das er uns geschickt hat, sehen wie die Gläser, hören aber nicht, worauf angestoßen wurde. Wir erkennen die Gesichter, wissen aber nicht mehr, was es zu feiern gab.
Initiative legt Kosten für Beisetzung von Rainer Nitschke offen – Überschuss wird gespendet
Darin liegt der Zauber alter Fotografien, wie unser Geschichtsprojekt Stuttgart-Album dank der Einsendungen unserer Follower immer wieder eindrucksvoll zeigt: Sie bewahren Augenblicke, die sonst unwiederbringlich verloren wären. Sie wecken Erinnerungen, lassen Vergangenes lebendig werden und erzählen Geschichten, die auch für unsere Gegenwart und Zukunft von Bedeutung sind. Oft sind es gerade die kleinen Momente des Glücks, die selbst nach 50 Jahren nichts von ihrem Zauber verloren haben.
Ein gelber Pullover, ein Vollbart, ein Glas Weißwein. Und ein Abend in Stuttgart, der ein halbes Jahrhundert später noch Geschichten erzählt.
Rainer Nitschke, der in Kehl fern seiner Geburtsstadt einsam starb, hatte einst eine große Zeit in Stuttgart – davon erzählt auch dieses Foto. Umso glücklicher sind wir bei EchtStuttgart, dass wir dank der vielen großzügigen Spenden seinen letzten Wunsch erfüllen konnten: in seiner geliebten Heimatstadt die letzte Ruhe zu finden.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
Alle Artikel von Uwe Bogen →
Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.