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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosGlamour, Mut und Lebensgeschichten im Malo
Schönheit kennt kein Alter, aber viele Geschichten. Bei „Face of Germany“ im Stuttgarter Malo zeigen Menschen mit Mut, Haltung und einer eigenen Botschaft, dass es auf mehr ankommt als auf eine hübsche Fassade. Einen Gewinner gibt es ganz ohne Juryentscheid: den Verein „Stille Not“.
„Ich bin 57 Jahre alt, habe drei Enkel – aber die will ich noch nicht hüten.“ Kurze Pause. Dann kommt der Satz, der allein schon einen Sonderpreis verdient hätte: „Opi muss erst auf den Laufsteg.“
Das Publikum im Stuttgarter Malo hat seinen Spaß. Und der Mann, der da vor der neunköpfigen Jury steht, offenbar auch. Warum auch nicht? Andere kaufen sich mit 57 ein Motorrad, er möchte eben noch einmal Model werden. verspätete Midlife-Crisis? Von wegen. Eher verspäteter Midlife-Catwalk.
Willkommen bei „Face of Germany“, einem neuen Wettbewerb, der mit alten Regeln der Schönheitsbranche aufräumen möchte. Jung, ledig, makellos? Kann man sein. Muss man aber nicht. Verheiratet, geschieden, Großmutter oder Großvater? Alles erlaubt. EchtStuttgart ist Medienpartner der Face-Wahl im Malo.
Einen Gewinner gibt es bei der Stuttgarter Vorentscheidung noch vor dem Juryentscheid:: den guten Zweck. Marc Wenger, lokaler Veranstalter, der alles bestens organisiert hat, begrüßt die Gäste im Malo und überreicht 1000 Euro an Jury-Mitglied Gudrun Nopper für ihren Verein „Stille Not“, der älteren Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt.
Während auf dem Laufsteg um Aufmerksamkeit geworben wird, kommt das Geld Menschen zugute, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen. Eine schöne Geste. Und vielleicht der wertvollste Auftritt dieses Sonntags.
26 Kandidatinnen und Kandidaten sind am Sonntag angetreten. Wer eine Parade austauschbarer Instagram-Schönheiten erwartet hat, wird überrascht. Da stehen Menschen, die sich etwas trauen. Von denen etliche nicht mehr 20 sind, die vielleicht nicht den klassischen Modelmaßen entsprechen, dafür aber etwas mitbringen, das sich weder mit Botox noch mit Beautyfiltern herstellen lässt: Lebenserfahrung.
„Auch wir haben viel Gepäck des Lebens auf den Schultern“, sagt eine Kandidatin.
Eine 67-jährige Münchnerin, früher Musikprofessorin, möchte mit ihrer Teilnahme Vorbild sein und zeigen: Es ist nie zu spät, noch einmal neu anzufangen.
„Mein Leben ist so bunt wie der Wettbewerb hier“, sagt eine andere Teilnehmerin. Und eine weitere erklärt: „Ich stehe hier für die Tiere.“ Nicht nur gut aussehen, sondern für etwas stehen – auch das gehört zum Konzept.
Am Ende gibt es dann doch Namen, die besonders strahlen dürfen: Alena Krempl (33) aus Koblenz in Rheinland-Pfalz, Erdi Kiran (35) aus Tübingen und Patricia Rath (32) aus Obersulm gehören zu den Siegern der Stuttgarter Vorentscheidung, die nun zum Finale in den Europa-Park Rust dürfen.
Hinter „Face of Germany“ stehen Ralf und Ines Klemmer, die das deutsche Miss-Germany-Geschäft über Jahrzehnte geprägt haben. Inzwischen führt Sohn Max Klemmer in der dritten Generation die traditionsreiche Miss-Germany-Wahl, während seine Eltern mit „Face of Germany“ noch einmal neu durchstarten. Schönheit bleibt also Familiensache.
Eine, die besonders viel Beifall bekommt, ist Nelly Sigmann, 51 Jahre alt, Startnummer 15. Wer in Stuttgart auf Veranstaltungen, Empfängen oder Charity-Events unterwegs ist, dürfte sie kennen. Nelly ist dort zu Hause, wo Menschen zusammenkommen, gefeiert und geholfen wird. Ein gesellschaftliches Parkett ist schließlich auch eine Art Laufsteg. Nur meistens ohne Startnummer.
Anderen Menschen zu helfen, ist ihr wichtig. Und die Botschaft, dass das Leben bei allen Schwierigkeiten immer auch schöne Seiten hat.
Vielleicht ist es genau diese Haltung, die beim Publikum ankommt. Den größten Applaus kann man schließlich nicht kaufen. Nicht einmal mit dem teuersten Abendkleid.
Von Glück und Enttäuschungen, von großen Träumen und kleinen Niederlagen, von Liebe, Mut und Neuanfängen. Manche Geschichten stehen einem Menschen buchstäblich ins Gesicht geschrieben, andere verbergen sich hinter einem Lächeln.
Manche Menschen sehen auf Fotos umwerfend aus. Andere entfalten ihre Ausstrahlung erst, wenn sie sprechen, lachen oder einen Raum betreten.
Schönheit liegt bekanntlich im Auge des Betrachters. Und manchmal braucht es eben einen zweiten Blick, um sie zu entdecken.
Botox allein reicht nicht: Stuttgart sucht das gewisse Etwas
Auch die neunköpfige Jury ist so bunt wie der Wettbewerb selbst. Gudrun Nopper, Vorsitzende des Vereins „Stille Not“ und Ehefrau des Stuttgarter Oberbürgermeisters, sitzt in einere Reihe mit Nina Anhan, Influencerin und Ehefrau von Rapper Haftbefehl. Dazu kommen Ex-Box-Weltmeister Firat Arslan, Magier Thorsten Strotmann, Promi-Fotograf Christof Sage, Schönheitschirurg Christian Fitz, Mustafa Göktas, DAZN-Sportmoderatorin Silvia Walker und Martin Spannring vom Europa-Park.
Für die musikalische Unterhaltung sorgt Sänger Enzo D’Eugenio, der dem Nachmittag eine zusätzliche Portion Glamour verleiht. Auch Malo-Chef Lorenz Grohe hat allen Grund zur Freude: Das Haus ist rappelvoll, sämtliche Plätze sind belegt, viele Gäste verfolgen das Spektakel im Stehen.
Im kommenden Jahr feiert die Miss-Germany-Wahl ihren 100. Geburtstag. Ein Jahrhundert, in dem sich Schönheitsideale gewaltig verändert haben. Natürlich bleibt auch „Face of Germany“ ein Wettbewerb. Es wird bewertet, ausgewählt und aussortiert. Der Widerspruch zwischen „Jeder ist einzigartig“ und „Wir suchen die Besten“ lässt sich nicht ganz wegzaubern. Nicht einmal von Thorsten Strotmann.
Und sicher ist so ein Wettbewerb nicht jedermanns Sache. Ein bisschen Mut, Selbstbewusstsein und vielleicht auch Eitelkeit gehören dazu. Aber wer sagt, dass Eitelkeit immer etwas Schlechtes sein muss?
Wenn ein Wettbewerb Menschen ermutigt, selbstbewusster aufzutreten, an sich zu glauben und dabei auch noch etwas Gutes für andere bewirkt, hat er absolut seine Berechtigung.
„Opi“ hat am Ende übrigens nicht gewonnen, – egal, seine Enkel finden ihn bestimmt trotzdem cool.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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