Uwe Bogen

Stuttgart-Album über den Waldfriedhof

Zwischen Klett und Lautenschlager: Der letzte Ortswechsel des Lothar Späth

3. Juni 2026

Nach dem Tod noch einmal umziehen: Lothar Späth wurde von Möhringen nach Degerloch umgebettet. Nun ruht er auf dem Waldfriedhof zwischen  Arnulf Klett und Carl Lautenschlager. Im Lageplan fehlt sein Name noch. Ein Blick auf die Historie eines Friedhofs, der Stuttgarts Stadtgedächtnis bewahrt

Das zweite Grab von Lothar und Ursula Späth auf dem Waldfriedhof. Foto: Uwe Bogen

Wer den Waldfriedhof besuchen will, nimmt oft die Standseilbahn. Seit mehr als 100 Jahren zuckelt sie vom Südheimer Platz hinauf durch den Wald nach Degerloch und gehört zu den historischen Wahrzeichen der Stadt. Normalerweise dauert die Fahrt nur vier Minuten. Bis Sonntag ist sie noch unterwegs, dann muss das nostalgische Gefährt, das aussieht, als sei es Teil eines lebendigen Museums,  zur jährlichen Revision. Vom 8. bis 24. Juni übernehmen Busse die Verbindung zum Friedhof.

Wo politsche Geschichte in den Grabstein gemeißelt ist

Oben angekommen, öffnet sich einer der eindrucksvollsten Erinnerungsorte Stuttgarts. Mit 30,7 Hektar Fläche ist der 1913/14 angelegte Waldfriedhof der flächenmäßig größte Friedhof der Landeshauptstadt. Rund 15.000 Grabstellen verteilen sich zwischen alten Bäumen, geschwungenen Wegen und großzügigen Lichtungen. Hier ruhen Persönlichkeiten, die Stuttgart und Baden-Württemberg geprägt haben – darunter Robert Bosch, Theodor Heuss, Arnulf Klett, Eduard Breuninger, Paul Bonatz, Oskar Schlemmer, Gebhard Müller  – und neuerdings auch  Lothar Späth.

Der ehemalige Ministerpräsident Lothar Späth hat seine letzte Ruhestätte nun dort gefunden, wo in Stuttgart politische Geschichte in Stein, in den Grabstein  gemeißelt ist: auf dem Waldfriedhof zwischen zwei früheren Oberbürgermeistern – Arnulf Klett und Carl Lautenschlager. Eine Nachbarschaft von Politikern, deren Parteizugehörigkeit oder Parteilosigkeit nun keine Rolle mehr spielt. 

Doch im offiziellen Gedächtnis der Stadt ist Späth noch nicht angekommen. Im Heft „Lebenslinien“ der SSB, das an der Seilbahn ausliegt und den Lageplan der prominenten Grabstätten zeigt, taucht sein Name nicht auf. Zwischen Nummer 1 („Arnulf Klett – weltoffener Schaffer mit Herz“) und Nummer 2 („Dr. Carl Lautenschlager – aufrechter Gestalter in schwerer Zeit“) klafft eine Lücke. Eigentlich müsste dort nun eine „1a“ stehen – für Späth, für das   umtriebige „Cleverle“ mit dem Hang zur Selbstinszenierung.

2016 wurde Lothar Späth in Möhringen beigesetzt

Weil  in der Stadt  kein Platz mehr war, wurde der  Waldfriedhof, 1913/14 auf der Gemarkung Degerloch als Landschaftsfriedhof mit Parkcharakter angelegt. Heute zählt er zu den  bedeutendsten Erinnerungsorte der Stadt. Zwischen alten Bäumen, sanften Wegen und weitläufigen Parkflächen liegen hier jene, die  Stuttgart und Baden-Württemberg geprägt haben.

Dass Späth hier zehn Jahre nach seinem Tod seinen Platz gefunden hat, ist das Ergebnis von längeren und zum Teil strittig geführten Diskussionen. Zunächst wurde der CDU-Politiker, der von 1978 bis 1991 Ministerpräsident des Landes war und später als Geschäftsführer von Jenoptik noch einmal wirtschaftspolitisch Akzente aufdrehte, im Jahr 2016 in einem Urnengrab auf dem Möhringer Friedhof beigesetzt.

Das Grab der Familie Breuninger. Foto: Uwe Bogen

Doch die Ruhe dort war nicht von Dauer. Bereits 2018 fasste der Gemeinderat den Beschluss, die Grabstätte in ein Ehrengrab auf den Waldfriedhof zu verlegen. Die Umsetzung ließ jedoch Jahre auf sich warten. Erst jetzt wurde die ursprüngliche Grabstätte in Möhringen aufgehoben und die Umbettung vollzogen – verbunden mit der Neugestaltung des Grabmals.

Der Gedenkort für Lothar und Ursula Späth besteht aus zwei Quadern, von denen einer leicht versetzt auf dem anderen ruht. Die reduzierte, symbolträchtige Gestaltung erinnert ebenso an die frühere Journalistin Ursula Späth, die viele Jahre Schirmherrin der  Aktion Multiple Sklerose Erkrankter (AMSEL) Das Paar, das seit 2013 getrennt lebte,ist damit an seiner letzten Ruhestätte wieder vereint.

Die Verlegung hat ihren Preis

Etwa 23.000 Euro hat die Umbettung und Neugestaltung gekostet – eine Summe, die angesichts der angespannten Haushaltslage in Stuttgart  für Diskussionen gesorgt hat. Selbst nach seinem Tod wurde er zum Politikum. Kritiker verwiesen darauf, dass parallel Sparmaßnahmen und Projektstreichungen diskutiert werden. Die Stadt hingegen betonte, dass die Pflege und Gestaltung von Ehrengräbern als Pflichtaufgabe gilt und der politische Beschluss von 2018 umzusetzen gewesen sei.

Neben der finanziellen Dimension ist es vor allem die symbolische, die für Gesprächsstoff sorgt. Der Waldfriedhof ist ein Ort der Ehrung  Mit Späth reiht sich nun ein weiterer Name in diese Stadt- und Landesgeschichte ein.

Gleichzeitig verändert sich dadurch auch die Erinnerungskarte des Friedhofs. Für Möhringen bedeutet der Verlust des ursprünglichen Grabes einen Verlust  prominenter Präsenz – für den Waldfriedhof hingegen eine Verdichtung seiner historischen Bedeutung..

So erzählt der Waldfriedhof nicht nur von Vergänglichkeit, sondern auch von Verschiebungen: von Orten, Bedeutungen und Erinnerungen, die immer wieder neu geordnet werden. Mit der Umbettung von Lothar Späth hat das historische Gedächtnis der Stadt ein weiteres Kapitel erhalten – und der ehemalige Ministerpräsident seinen Platz in einer Reihe von Persönlichkeiten gefunden, die im Stadtgeschichtsbuch stehen und deren Anhänger noch immer zu ihnen pilgern.

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