Pressekonferenz in der Schwabenwelt
Das 179. Cannstatter Volksfest und das Landwirtschaftliche Hauptfest sorgen auf dem Wasen für ordentlich Vorfreude. Auf der Auftakt-Pressekonferenz in Wilhelmers Schwabenwelt wurde schnell klar: Die Mischung aus Tradition, spannenden Neuheiten und echter Gastfreundschaft macht die kommenden Wochen zu etwas ganz Besonderem.
Der Duft von frisch gehobeltem Holz liegt noch in der Luft, während draußen auf dem Festplatz der Rhythmus der Akkuschrauber den Takt angibt. Handwerker, Schausteller und Wirte packen gemeinsam auf den letzten Metern an. Mittendrin: Michael Wilhelmers Schwabenwelt, wo die in.Stuttgart zur offiziellen Pressekonferenz geladen hatte. Die Nervosität ist greifbar, aber sie ist gut getarnt hinter schwäbischer Gelassenheit und echter Vorfreude.
Wer dachte, ein Volksfest rollt nach über 200 Jahren von alleine an, wurde auf der heutigen Pressekonferenz eines Besseren belehrt. Der Wasen 2026 ist zwar für die Besucher reines Vergnügen, aber für die Macher ein logistisches Hochamt, ein sicherheitspolitischer Spagat und ein ökonomisches Barometer für die ganze Region.
Für Guido von Vacano, den neuen Geschäftsführer der in.Stuttgart, war es der erste große Presse-Auftritt in dieser Rolle. Seine Hochachtung war ihm anzumerken: Nach zwei Jahrzehnten in der Messewelt und Jongleur großer Formate zeigte er sich dennoch sehr beeindruckt davon, wie schnell und präzise eine komplette Zeltstadt auf- und abgebaut wird. Seine Faszination für das Phänomen Wasen verhehlte er nicht. Wie innerhalb kürzester Zeit eine 25 Hektar große Infrastruktur aus dem Boden gestampft und wieder abgerissen wird, nötigt selbst gestandenen Managern Respekt ab.
Als Vacano ein historisches Bild der Fruchstsäule von 1830 zeigte, wurde der Blick für die Wurzeln des Festes geschärft. Aus einem Erntedankfest ist das zweitgrößte Volksfest der Welt geworden, zu dem dieses Jahr wieder rund vier Millionen Besucher erwartet werden. Weil das Landwirtschaftliche Hauptfest (LWH) diesmal zeitgleich stattfindet, rückt der ursprüngliche Gedanke von König Wilhelm I. und seiner Frau Katharina wieder ganz nah an den Wasen heran.
Vacano wählte den Blick zurück, um die Gegenwart zu erklären. Auf dem Bildschirm hinter ihm flackerte eine Darstellung aus dem Jahr 1830 auf – die Fruchtsäule als stolzes Mahnmal gegen die Not. Aus einer Krise geboren, steht das Fest bis heute für den schwäbischen Behauptungswillen. Doch die Romantik der Geschichte trifft schnell auf die Härte der Gegenwart: In gerade einmal fünf Wochen wurde entlang der Stadtbahngleise eine neue Fluchttreppe hochgezogen, der Platz wurde mit zusätzlichen Überwachungskameras aufgerüstet. Tradition ist schön, aber Sicherheit ist auf einem Großevent mit Millionenpublikum die einzige Währung, die zählt.
Cannstatter Wasen
Auch wenn die Tradition tief verwurzelt ist, bleibt der Platz in Bewegung. Marc Roschmann vom Schaustellerverband betonte, wie sehr sich die Betriebe nach den intensiven Vorbereitungen auf die Besucher freuen. Gleich sieben neue Fahrgeschäfte bringen dieses Jahr frischen Wind auf das Gelände, die Highlights im Überblick:
Wilde Maus XXL: Der beliebte Klassiker kommt erstmals in der großen Ausführung nach Stuttgart. Mit 605 Metern Schienenlänge und 19 Kurven ist sie die größte reisende Anlage dieser Art und bietet auf Wunsch sogar Fahrten mit VR-Brille an.
City Star: Das rund 65 Meter hohe Riesenrad verfügt über 48 voll klimatisierte sowie barrierefreie Gondeln und erlaubt einen fantastischen Blick über das Neckartal.
Ghost Rider und Kanurah: Der Ghost Rider sorgt mit frei schwingenden Gondeln und hoher Geschwindigkeit für Adrenalin. Bei Kanurah wiederum tauchen die Mitfahrenden durch eine eigene Pre-Show direkt in eine Maya-Themenwelt ein.
Diablos Residenz, Flower Power und Swing Up: Von einer Geisterbahn über drei Etagen über einen bunten 70er-Jahre-Laufparcours bis hin zur Familienattraktion Swing Up ist für jeden Geschmack etwas dabei.
Neues gibt es auch auf dem Krämermarkt zu entdecken: Neben vielen Nischenprodukten oder handgemachten Likören der Manufaktur und über 300 Gewürzen der Gebrüder Hahn werden dieses Jahr sogar praktische Insektenschutz-Systeme präsentiert. Kulinarisch erweitert unter anderem der Imbiss Pizza Passione das Angebot um vegane, laktosefreie und gefüllte Varianten.
Dass das Cannstatter Volksfest dieses Jahr parallel zum Landwirtschaftlichen Hauptfest (LWH) stattfindet, das nur alle vier Jahre den Wasen beehrt, sorgt hinter den Kulissen für Schweißperlen. Christian Eisenhardt, Projektleiter bei in.Stuttgart, macht keinen Hehl daraus, dass 240 Attraktionen auf dem Festplatz und der gleichzeitige Publikumsansturm des LWH eine logistische Herkulesaufgabe bedeuten.
Wer dieses Jahr ernsthaft versucht, mit dem eigenen Fahrzeug anzureisen, hat die Stuttgarter Topografie und das Parkplatzkonzept nicht verstanden. Kai Strobelt von der Stuttgarter Polizei brachte es gewohnt trocken auf den Punkt: Es gibt ein erhöhtes allgemeines Risiko für große Veranstaltungen, aber keine konkreten Gefährdungen – der Verkehr hingegen wird zur echten Geduldsprobe. Die klare Ansage an die Besucher: Nutzt den ÖPNV, haltet euch an das strikte Waffenverbot und lasst das Auto stehen.
Dass beim Thema Sicherheit aufgerüstet wurde, zeigt auch die neuen Fluchttreppe, flächendeckende Implementierung der SafeNow-App in allen Festzelten sowie die bewährte Präsenz der Wasenboje als Anlaufstelle für Frauen und Mädchen. Wer feiern will, muss sich sicher fühlen. Eine Formel, die die Veranstalter verstanden haben.
Kein Wasen ohne die ewige Debatte um den Gerstensaft. Auch in diesem Jahr klettert der Bierpreis weiter nach oben – ein Schmerzpunkt für den Geldbeutel, den Festzeltsprecher Marcel Benz gekonnt abzufedern suchte. Schließlich steigen die Preise überall. Man schaue nur auf die Zapfsäulen. Ein Zelt sei schließlich mehr als nur Schankraum: Es sei ein Stück gelebte Kultur, ein Ort des Schlemmens, der Begegnung – und längst kein rein alkoholisiertes Spektakel mehr. Die Nachfrage nach alkoholfreien Alternativen zieht mittlerweile auch spürbar an.
Doch der Wasen bleibt auch ein Ort der wirtschaftlichen Zuversicht. Johannes Ellenberg, Präsident von Startup Stuttgart, formulierte es gewohnt hemdsärmelig: Stuttgart sei die „geilste Stadt der Welt“, gerade in anstrengenden Zeiten für die Wirtschaft müsse man sich der Zukunft widmen. Der Gründerwasen soll genau dieses Signal senden: Hier trifft die schwäbische Industriematrix auf junge Gründerkultur. Feiern und Networken als Konjunkturprogramm.
Auch das traditionelle Element kommt nicht zu kurz: Wulf Wager vom Cannstatter Volksfestverein blickt auf einen gewaltigen Volksfestumzug mit 60 Festwagen und einem Zuwachs von 30 Prozent. Dagegen stehen angekündigte Tierschutz-Demonstrationen und die feierliche Gedenkveranstaltung für König Wilhelm I. an der Grabkapelle am 28. September – der Bogen zwischen Protest, Gedenken und Gaudi ist straff gespannt.
Als Trudi und Nina Renoldi von der Almhütte Royal am Ende der Pressekonferenz das Fazit als „harmonisch und voller Vorfreude“ zusammenfassten, spürte man die Erleichterung in der Runde.
Der Wasen ist bereit. Er ist moderner, überwachter und dichter gepackt als je zuvor. Er fordert den Stuttgartern einiges ab – logistisch wie finanziell. Doch wenn am Freitag Oberbürgermeister Dr. Frank Nopper in der Wilhelmers Schwabenwelt das erste Fass ansticht, zählt nur noch der Augenblick. Stuttgart feiert nicht nur ein Volksfest; Stuttgart feiert sich selbst, seine Geschichte und den Mut, trotz aller Krisen den Kopf oben zu behalten.
Philipp „Phil“ Hagebölling ist Unternehmer, Agenturinhaber und Vorstand des Startup Stuttgart e.V. Als Gründungsmitglied und Redakteur von Echt Stuttgart schreibt er mit Leidenschaft über Unternehmerpersönlichkeiten, Wirtschaft, Startups und die Menschen hinter den Ideen. Als erfahrener Eventveranstalter gewährt er zudem regelmäßig spannende Einblicke hinter die Kulissen außergewöhnlicher Events und berichtet über die Trends, Macher und Geschichten, die Stuttgart bewegen.
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