Helfen macht happy
Sie sehen die Not – und handeln sofort: Bei einem Slumbesuch in Kenia beschließen die Stuttgarter Rüdiger und Susan sofort zu helfen. Per WhatsApp mobilisieren die VfB-Fans Freunde, die Resonanz ist überwältigend. Noch im Urlaub setzen die beiden die Spenden direkt vor Ort ein. Eine spontane Hilfsaktion, die EchtStuttgart große Klasse findet.
Es sind die Kinder, die Rüdiger Wilhelm nicht mehr aus dem Kopf gehen. Kinder, die auf einem staubigen Platz Fußball spielen, manche mit kaputten Schuhen, andere in zerrissener Kleidung. Auch die Bälle haben schon bessere Zeiten gesehen. Und trotzdem: Die Begeisterung ist riesig.
Fußball ist für Rüdiger und seine Freundin Susan ohnehin eine Herzensangelegenheit. Beide sind enthusiastische VfB-Anhänger. Und als sie die Kinder spielen sehen, ist für sie schnell klar: „Wir müssen für die Kinder etwas tun.“
Dabei hatten die beiden überhaupt nicht vor, eine Hilfsaktion zu starten.
Susan stammt aus Kenia und lebt seit rund 25 Jahren in Deutschland. Im Sommer reisen die beiden für drei Wochen nach Kenia, Susans Herkunftsland. Über Kontakte aus ihrer Familie erfahren sie von einer Fußballmannschaft in einem Slum. Gemeinsam mit einem Sozialarbeiter lassen sie sich das Viertel zeigen.cWas sie dort erleben, trifft sie.
Die Menschen wohnen in einfachsten Wellblechhütten. Ganze Familien teilen sich einen Raum. Fließendes Wasser gibt es in den Hütten nicht, ebenso wenig eine richtige Küche oder eigene sanitäre Anlagen. Gekocht wird teilweise mit Kohle und Holz. Gemeinschaftseinrichtungen dienen zum Duschen.
Viele Menschen schlagen sich mit kleinen Gelegenheitsjobs durch. Arbeitslosigkeit und insbesondere Jugendarbeitslosigkeit sind hoch. Manche Familien müssen mit wenigen Dollar am Tag auskommen. Wer beispielsweise einen einfachen Job in der Gastronomie hat, verdient nach Rüdigers Beobachtung teilweise umgerechnet etwa 120 Euro im Monat – manche auch weniger.
Maisbrei gehört zu den wichtigsten Lebensmitteln. Viele Kinder besuchen nicht regelmäßig die Schule, weil den Familien das Geld fehlt.
Und mittendrin wird Fußball gespielt.
Rüdiger und Susan erleben dabei nicht nur die Armut. Sie erleben auch eine enorme Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Schnell hat das Paar aus Stuttgart eine ganze Traube Kinder um sich. Berührungsängste gibt es kaum. Englisch ist neben Swahili Amtssprache in Kenia, die Verständigung klappt.
Die beiden spüren aber auch die Hoffnung, die sich mit ihrem Besuch verbindet: Können diese Menschen vielleicht helfen?
Rüdiger und Susan beschließen, es zumindest zu versuchen. Ohne Verein, ohne Hilfsorganisation, ohne ausgearbeitetes Konzept.
Sie fotografieren ihre Erlebnisse und stellen Bilder und einen privaten Spendenaufruf in ihre WhatsApp-Gruppen und in den WhatsApp-Status. Freunde sehen den Aufruf und erzählen wiederum Freunden davon. „Wir dachten, da kommen vielleicht 250 Euro zusammen“, berichtet Rüdiger im Gespräch mit EchtStuttgart.
Es kommt anders.
„Das lief völlig aus dem Ruder.“
Immer neue Überweisungen gehen auf dem privaten Konto ein. Erst reicht das Geld für Trikots. Dann für Schuhe. Und die Spenden hören nicht auf. Am Ende kommen rund 3400 Euro zusammen – ausschließlich von Freunden, Bekannten und Menschen aus deren Umfeld.
Und das, obwohl niemand eine Spendenbescheinigung bekommt. Rüdiger und Susan sammeln schließlich als Privatpersonen. Rund 30 Menschen beteiligen sich an der Aktion.
Helfen macht Happy
Aus dem ursprünglichen Gedanken, den fußballbegeisterten Kindern eine Freude zu machen, wird immer mehr. Rüdiger und Susan kaufen vor Ort Trikotsätze und insgesamt 90 Paar Fußballschuhe. Jugendmannschaften werden ausgestattet. Auch in Nsitobi im Hinterland können sie zwei Jugendteams unterstützen.
Die Reaktion der Kinder beschreibt Rüdiger als überwältigend. Die Dankbarkeit sei „außerhalb jeder Vorstellung“ gewesen. Die beiden ändern sogar ihre eigenen Urlaubspläne. Eine geplante Safari wird verkürzt. Stattdessen fahren sie dorthin, wo Hilfe gebraucht wird, kaufen ein und organisieren die Verteilung.
Und immer ist ihnen wichtig, dass sie sehen, was mit dem Geld geschieht.
Einfach größere Summen weiterzugeben, kommt für sie nicht infrage. Zu groß ist ihre Sorge, dass Geld durch Korruption oder undurchsichtige Strukturen nicht dort landet, wo es gebraucht wird. Deshalb kaufen sie die Sachen möglichst selbst und verteilen sie vor Ort.
Als die Fußballmannschaften ausgestattet sind, ist immer noch Spendengeld übrig. Also kaufen Rüdiger und Susan etwas, das noch unmittelbarer gebraucht wird: Essen. 500 Kilogramm Maismehl.
Für die Familien ist das enorm viel. Maismehl bildet die Grundlage für Mahlzeiten, die satt machen, und der Vorrat reicht für Wochen. Außerdem übernehmen Rüdiger und Susan für zwei Kinder das Schulgeld. Es sind Kinder, von deren Situation sie während ihres Aufenthalts konkret erfahren haben. Am Ende wird das komplette gespendete Geld in Kenia eingesetzt.
Keine Verwaltung, keine Organisation, kein ausgeklügeltes Hilfsprojekt.
„Das war quick and dirty“, sagt Rüdiger über die Aktion. Gemeint ist: Sie haben gesehen, dass etwas fehlt, ihre Freunde gefragt – und angefangen.
Inzwischen sind Rüdiger und Susan wieder in Stuttgart. Doch die drei Wochen in Kenia wirken nach. Die Begegnungen hätten sie auch selbst „geerdet“, erzählt Rüdiger. Vieles, was in Deutschland selbstverständlich erscheint, sehe man danach anders. Ein sicheres Zuhause. Wasser. Essen. Schule. Arbeit.
Und sie haben erlebt, wie gut Helfen auch demjenigen tun kann, der hilft.
„Helfen macht happy“ – das Motto von EchtStuttgart passt zu ihrer Geschichte ziemlich genau.
Bleibt die Frage: Geht es weiter?
Rüdiger und Susan können sich vorstellen, ihr Engagement fortzusetzen. Wie genau, ist noch offen. Denn ihnen ist vor allem eines wichtig: Die Hilfe soll tatsächlich bei den Menschen ankommen.
Einfach Geld nach Kenia zu überweisen, sehen sie kritisch. Am liebsten würden sie auch künftig selbst vor Ort sein, Dinge einkaufen und unmittelbar verteilen.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus dieser spontanen Stuttgarter Hilfsaktion: Man muss nicht unbedingt eine große Organisation sein, um etwas anzustoßen.
Bei Rüdiger und Susan waren es ein Fußballplatz, ein paar Kinder, einige Fotos und ein WhatsApp-Aufruf.
Dann kamen Freunde dazu. Und Freunde von Freunden. Gerade weil es vielen Menschen in Deutschland vergleichsweise gut gehe, hat Rüdiger bei seiner Aktion noch etwas anderes erlebt: Das Bedürfnis, etwas vom eigenen Glück weiterzugeben, ist groß. Man muss die Menschen manchmal nur erreichen.
Und vielleicht war „quick and dirty“ deshalb gar nicht die schlechteste Methode.
Es war jedenfalls ein Anfang.
Wer Interesse an dem Projekt hat, kann Rüdiger Wilhelm per E-Mail unter Wilhelm-r@t-online.de kontaktieren.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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