Phil Hagebölling
Meinung
Schaffe, schaffe, Zukunft baue – und bei Schwaben lernen
1. April 2026
Deutschland diskutiert über Transformation, Digitalisierung, Standortkrise, Bürokratie, Abwanderung. Was viel zu selten fällt, findet unser Kommentator, ist ein Begriff, der im Südwesten seit Generationen selbstverständlich ist: Schaffer-Mentalität.
Manchmal beginnt Internationalisierung eben nicht in Berlin, London oder im Silicon Valley. Sondern in Stuttgart. In einem Unternehmen, das 1872 als Glaserei gegründet wurde – und heute Fenster und Türen in ganz Europa und bis nach Amerika verkauft. Digital. Direkt. Aus der Zentrale in der Landeshauptstadt.
Die Rede ist von der Neuffer Fenster + Türen GmbH – und von ihrem Geschäftsführer Philipp Neuffer, jüngst ausgezeichnet mit dem „Schwarzen Löwen – der Wirtschaftspreis“ als „Unternehmer mit Haltung“. In seinem Fall ist das keine PR-Vokabel. Es ist eine Arbeitsbeschreibung.
Vom Handwerk zur Plattform – ohne Standortflucht
Neuffer ist kein Startup-Gründer mit Hoodie und Exit-Plan. Er kommt aus einer Unternehmerfamilie mit Geschichte. Seit über 150 Jahren steht der Name für Handwerk und Qualität. Doch aus Tradition wurde kein Museum – sondern eine Plattform.
Früh setzte er auf E-Commerce, baute den Online-Vertrieb systematisch aus und machte aus einem klassischen Mittelständler eine internationale Digitalmarke. Heute werden Fenster online konfiguriert, europaweit verkauft und bis in die USA geliefert.
Und das Entscheidende: Dieses Wachstum wurde nicht über Dependancen in Paris, Mailand oder New York organisiert. Keine symbolischen Büros in Metropolen. Keine Zersplitterung in internationale Außenposten.
Stattdessen: zentrale Steuerung aus Stuttgart.
Italiener, Franzosen, internationale Fachkräfte arbeiten im Headquarter in der Region. Märkte werden hier koordiniert. Strategien hier entwickelt. Kampagnen hier gedacht.
Global denken, Stuttgart bleiben.
Während andere Unternehmen Standorte abbauen oder Gewinne in Steueroasen optimieren, setzt Neuffer auf den Standort. Aus Überzeugung. Nicht aus Bequemlichkeit.
Das ist schwäbische Schaffer-Mentalität in moderner Form.
Haltung heißt: bleiben, bauen, besser machen
Schaffer-Mentalität wird oft missverstanden. Als Fleiß-Pathos. Als biedere Bodenständigkeit. Als „Hauptsache malochen“.
Doch im Kern bedeutet sie etwas anderes:
langfristig denken statt quartalsgetrieben handeln
investieren, wenn andere zögern
Verantwortung für Mitarbeiter und Region übernehmen
Qualität über schnellen Exit stellen
Und manchmal auch: Investoren ziehen lassen.
Neuffers Kampagnen mit Boris Becker und Stefan Effenberg, die sich im ironischen „Nachbarschaftskrieg“ um bessere Fenster zoffen, waren laut, humorvoll und bewusst polarisierend. Nicht jeder Kapitalgeber war begeistert.
Er blieb trotzdem dabei. Schwäbische Sturheit? Vielleicht. Unternehmerische Konsequenz? Definitiv.
Das Muster hat Tradition
Philipp Neuffer steht damit nicht allein. Die wirtschaftliche DNA des Landes Baden-Württemberg ist voll von Persönlichkeiten, die ähnlich denken.
Reinhold Würth baute aus einer Schraubenhandlung ein globales Handelsimperium – mit klarer Führung, langfristiger Strategie und starker Verwurzelung im Land.
Dieter Schwarz machte aus einem regionalen Lebensmittelhändler mit Lidl und Kaufland einen internationalen Handelsriesen – und investiert gleichzeitig Milliarden in Bildung und Wissenschaft am Standort Heilbronn.
Hasso Plattner, Mitgründer von SAP, entwickelte eines der weltweit führenden Softwareunternehmen – und blieb trotz globaler Strahlkraft dem Südwesten verbunden.
Oder die Familien hinter Bosch, Kärcher, Trumpf oder Festo: Unternehmen, die technologisch Weltspitze sind und dennoch fest in der Region verankert bleiben.
Das Muster ist immer ähnlich: Globalisierung ohne Identitätsverlust. Innovation ohne Standortflucht. Wachstum ohne Selbstaufgabe.
Mittelstand 2.0 – ohne Silicon-Valley-Komplex
Deutschland diskutiert gern über Disruption. Über das nächste Unicorn. Über schnelle Bewertungen.
Der Südwesten baut lieber. Nicht spektakulär. Aber nachhaltig.
Die schwäbische Schaffer-Mentalität ist kein nostalgisches Relikt, sondern ein Wettbewerbsvorteil. Sie verbindet Handwerk mit Hightech, Tradition mit Digitalisierung, Regionalität mit Internationalisierung.
Philipp Neuffer verkörpert genau dieses Update: Ein Unternehmen aus dem 19. Jahrhundert, das im 21. Jahrhundert E-Commerce betreibt. Ein internationaler Player, der bewusst aus Stuttgart agiert. Ein Unternehmer, der Marketing mutig denkt und trotzdem langfristig handelt.
Das eigentliche Update für Deutschland
Vielleicht braucht Deutschland kein neues Buzzword. Kein weiteres Förderprogramm. Keinen weiteren Strategiegipfel.
Vielleicht braucht es mehr Unternehmer, die bauen statt fliehen. Die investieren statt optimieren. Die bleiben statt verlagern.
„Schaffe, schaffe, Zukunft baue“ ist kein Kalenderspruch. Es ist ein ökonomisches Modell.
Und es funktioniert – wie Stuttgart seit Generationen beweist.
Von hier aus. Für Europa. Und darüber hinaus.
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