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Galopp heißt das neue Zauberwort

Analog ist das neue Cool: Zwei junge Stuttgarter eröffnen Paradies für alte Fotokunst


Uwe Bogen ·19. September 2026 ·6 Min. Lesezeit News

Mit „Galopp“ eröffnen Jonas Kielwein und Tim Stürmer am 26. September an der Mozartstraße ein Paradies für analoge Fotografie. EchtStuttgart war vorab zu Besuch in dem Filmlab – und sehr beeindruckt von der Leidenschaft der beiden jungen Männer für die Fotokunst vergangener Zeiten.

Tim Stürmer (llinks) und Jonas Kielwein in ihrem analogen Fotoladen Galopp, der am 26. September an der Mozartstraße 9 in Stuttgart eröffnet. Foto: Andreas Engelhard

Manchmal betritt man einen neuen Laden und weiß nach wenigen Minuten: Hier geht es nicht in erster Linie darum, möglichst viel Geld zu verdienen. Hier brennen zwei für eine Sache.

Bei Galopp an  der Mozartstraße 9   in Stuttgart-Süd sind das Jonas Kielwein, 25, und Tim Stürmer, 24. Die beiden best friends  haben sich einen erstaunlich analogen Traum in fast nur noch digitalen Bilderwelt erfüllt.

Am 26. September eröffnen sie ihr eigenes Filmlabor samt Fotogeschäft. Aber Galopp ist mehr als das: Es ist auch Treffpunkt, Werkstatt und ein kleines bisschen Museum. Ein Ort voller Kameras, Objektive, Filme und Gerätschaften aus vergangenen Jahrzehnten. Hier findet man analoge Filme mit 24 oder 36 Aufnahmen.

Galopp ist auch eine Verneigung vor der Fotokunst der Generation ihrer Mütter und Väter – aus einer Zeit, als man nach 36 Bildern tatsächlich aufhören musste zu fotografieren.

Zwei Mittzwanziger und Kameras aus einer anderen Zeit

Das Bemerkenswerte an Galopp sind vielleicht gar nicht die alten Kameras. Es sind die beiden jungen Männer, die zwischen ihnen stehen.

Seit rund acht Jahren beschäftigen sich Jonas und Tim intensiv mit analoger Fotografie. Sie haben fotografiert, ausprobiert, gesammelt, gekauft und getauscht – und sich dabei tief in Technik und Handwerk eingearbeitet, ja, sich vielleicht sogar in das alles verliebt.

Ein Teil ihrer Sammlung steht nun im Laden zum Verkauf. Das Spektrum reicht von Kameras für rund zehn Euro bis zu Modellen, für die Liebhaber mehrere Tausend Euro bezahlen.

Dabei soll sich der Anfänger genauso wohlfühlen wie der erfahrene Analog-Fotograf. Filme werden entwickelt, Negative gescannt. Geplant sind außerdem Workshops, Ausstellungen und gemeinsame Projekte. Und wer einfach auf einen Kaffee und zum Fachsimpeln vorbeikommt, ist ebenfalls willkommen.

Die Idee entstand auch auf Reisen. Dort hatten Jonas und Tim Orte kennengelernt, an denen analoge Fotografie nicht nur als Dienstleistung, sondern als Gemeinschaft gelebt wurde.

In Stuttgart fehlte ihnen ein solcher Ort. Also schaffen sie ihn jetzt selbst.

Jede Menge Kameras mit analoger Technik hängen in dem Geschäft. Foto: Andreas Engelharf

Alte Maschinen bekommen ein zweites Leben

Besonders spannend wird es hinter den Kulissen. Dort stehen zwei Maschinen für die Entwicklung von Farbfilmen – Geräte, die heute gar nicht mehr hergestellt werden.

Sie stammen aus einer Zeit, als Fotogeschäfte mit eigener Filmentwicklung noch zum Bild deutscher Innenstädte gehörten. Viele dieser Geschäfte sind längst verschwunden, ihre Maschinen wurden ausrangiert oder verkauft.

Bei Galopp bekommen sie ein zweites Leben.

Technik, die aus der Zeit gefallen scheint, wird von zwei Mittzwanzigern wieder in Betrieb genommen. Und plötzlich wirkt sie gar nicht mehr so alt.

Analog oder digital – was ist besser?

Natürlich müssen wir Jonas eine der Fragen stellen, die bei einem solchen Besuch zwangsläufig auftaucht: Ist analoge Fotografie qualitativ womöglich besser als digitale?

Jonas, der als Videograf angefangen hat, macht daraus keinen Glaubenskrieg.

„Das ist ein interessantes Thema. Beim digitalen Bild hat man Pixel, die irgendwann auch begrenzt sind, und beim Film reagiert das Licht mit dem Film und man hat das Korn.“

Gerade größere Filmformate wie Mittelformat eröffneten noch einmal andere Möglichkeiten. Trotzdem lasse sich analog und digital nur schwer gegeneinander ausspielen.

„Es ist schwierig zu vergleichen, weil es einfach unterschiedliche Methoden sind, ein Bild aufzunehmen.“

Vielleicht ist genau das der Punkt. Analog muss digital gar nicht besiegen. Es ist einfach eine andere Art zu fotografieren.

Foto: Andreas Engelhard
Foto: Andreas Engelhard

Die neue Lust am Analogen

Film einlegen, Motiv wählen, auslösen – und warten. Das Ergebnis erscheint nicht zwei Sekunden später auf einem Display.

In einer Welt, in der jedes Smartphone innerhalb kürzester Zeit Dutzende technisch hervorragende Bilder produzieren kann, ist ausgerechnet diese Langsamkeit wieder reizvoll.

Und die Fotografie ist damit nicht allein. In der Musik lässt sich eine ähnliche Entwicklung beobachten: Vinyl ist wieder gefragt, die Schallplatte hat ihren Platz neben Spotify und Co. zurückerobert. Gerade jüngere Menschen entdecken das Auflegen einer Platte, das große Cover und das bewusste Anhören eines Albums neu.

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Vielleicht steckt dahinter eine ähnliche Sehnsucht: nach etwas, das man anfassen kann, und nach einem bewussteren Umgang mit dem Moment.

Analoge Fotografie ist ein bewusstes Statement gegen die digitale Bilderflut unserer Zeit. Sie lädt dazu ein, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, den Moment bewusster wahrzunehmen und nicht sofort über das Ergebnis verfügen zu können. Das Warten auf die entwickelten Bilder wird dabei Teil des Erlebnisses. Diese Entschleunigung endet nicht bei der Fotografie – sie kann zu einer Haltung werden, die sich auf das gesamte Leben überträgt: weniger festhalten, bewusster erleben und den Dingen wieder mehr Zeit geben.

Warum heißt der Laden eigentlich „Galopp“?

Auch der Name führt zurück in die Geschichte der Fotografie.

In den 1870er-Jahren beschäftigte Wissenschaftler und Künstler eine Frage: Gibt es beim Galopp eines Pferdes einen Augenblick, in dem alle vier Hufe gleichzeitig den Boden verlassen? Mit bloßem Auge war die Bewegung zu schnell, um das zuverlässig zu erkennen.

Der Fotograf Eadweard Muybridge stellte 1878 mehrere Kameras entlang einer Rennstrecke auf. Ein galoppierendes Pferd löste sie nacheinander aus. Die entstandenen Bildserien zeigten tatsächlich einen Moment, in dem alle vier Hufe in der Luft sind.

Die Aufnahmen wurden zu Meilensteinen der Bewegungsfotografie und wichtigen Vorläufern des Films. Die Fotografie machte damit etwas sichtbar, das das menschliche Auge allein nicht erfassen konnte. Für ein Fotolabor ist „Galopp“ also ein ziemlich passender Name. Aber das Logo ist ein fotografierender Frosch. Die beiden sind immer gut für ihre Überraschungen. Ihre Insta-Namen: Safariseven und  Timiose. Und hier findet ihr das Galopp-Insta-Profil. 

Die Galopp-Chefs mit unserem Autor Uwe Bogem (Mitte). Foto: Andreas Engelhard
Auch ein Retro-Telefon fehlt bei Galopp nicht. Mit wem man da telefonieren kann? Die Antwort: Man führt Selbstgespräche. Foto: Andreas Engelhard

Viel Leidenschaft, wenig Großspurigkeit

Was uns bei unserem Besuch am meisten hängen bleibt, steht allerdings in keinem Regal.

Es ist die Begeisterung von Jonas und Tim.

Man hört den beiden gern zu, wenn sie über Film, Kameras und Entwicklung sprechen. Da wird gefachsimpelt, erklärt und erzählt, eine Kamera in die Hand genommen und die nächste Besonderheit gezeigt. Vom großen Geld reden die beiden dagegen wenig.

Natürlich muss Galopp wirtschaftlich funktionieren. Doch bei unserem Besuch entsteht vor allem der Eindruck: Zuerst kommt die Liebe zur Fotografie und die Idee, dafür einen Ort in Stuttgart zu schaffen.

Das ist sympathisch – und angesichts der Arbeit, die in einem solchen Projekt steckt, auch mutig.

Kameras von gestern, Fotografen von heute

Vielleicht ist Galopp deshalb weniger eine Rückkehr in die Vergangenheit, als es zunächst scheint. Hier stehen alte Kameras und Filme werden chemisch entwickelt. Aber die Menschen, die diese Technik wiederentdecken, sind jung.

Sie fotografieren analog und veröffentlichen digital. Sie begeistern sich für jahrzehntealte Kameras und erzählen auf Instagram davon. Sie verbinden altes fotografisches Handwerk mit einer neuen Community.

Das ist mehr als Nostalgie. Es ist die Wiederentdeckung einer anderen Art, Bilder zu machen.

Am 26. September öffnet Galopp an der Mozartstraße 9 in Stuttgart-Süd seine Türen.

Wer Fotografie liebt, sollte sich diesen ungewöhnlichen neuen Ort einmal anschauen – und Jonas und Tim ein paar Minuten über Kameras und Filme reden hören.

Denn ihre Begeisterung ist ansteckend.

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Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Zwei Mittzwanziger und Kameras aus einer anderen Zeit
  2. Alte Maschinen bekommen ein zweites Leben
  3. Analog oder digital – was ist besser?
  4. Die neue Lust am Analogen
  5. Warum heißt der Laden eigentlich „Galopp“?
  6. Viel Leidenschaft, wenig Großspurigkeit
  7. Kameras von gestern, Fotografen von heute

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