Uwe Bogen
Glosse: Stuttgart macht dicht
Willkommen in Stuttgart! Ihr Ziel ist nur drei Umleitungen entfernt!
21. Juli 2026
Stuttgart macht dicht: Straßen gesperrt, die S-Bahn-Stammstrecke stillgelegt, die City hinter Bauzäunen versteckt. Wer mit dem Auto kommt, braucht Geduld – und vielleicht einen Campingkocher. Unser Rat an Auswärtige: Besucht uns, sofern ihr einen Weg findet.
„Alle Wege führen nach Rom.“ Wir alle kennen dieses Sprichwort. Offenbar hat Stuttgart beschlossen, das Experiment zu wagen, ob sich dieser Satz auch ins Gegenteil verkehren lässt: Keine Wege führen nach Stuttgart. Und wenn doch, prallen sie an Stuttgart ab, weil es kein Durchkommen gibt.
Wer es in diesen Tagen, da immer neue Baustellen hinzukommen, mit dem Auto versucht, braucht Geduld, Gelassenheit und im Idealfall einen Campingkocher. Kaum hat man die erste Baustelle umfahren, begrüßt einen die zweite. Hauptstätter Straße? Baustelle. Heilbronner Straße? Baustelle. B10? Natürlich Baustelle. Man hat fast den Eindruck, die einzige freie Straße sei die Ausfahrt aus der Stadt – sofern sie nicht gerade ebenfalls gesperrt ist.
In Stuttgart erkennt man den Sommer nicht mehr an den Biergärten, sondern daran, dass wieder überall Bauzäune blühen. Manche Kinder glauben inzwischen, die rot-weiße Warnbake sei der offizielle Stadtbaum. Bisher war Stuttgart stolz auf das grüne U, eine u-förmige Parklandschaft. Heute prägt das schwarze U auf gelbem Grund die City – U wie unangenehm.
Auch die S-Bahn bleibt nicht verschont
Doch wer jetzt denkt: „Dann nehme ich eben die S-Bahn“, der kennt Stuttgart nicht. Die Stammstrecke wurde kurzerhand gleich mit stillgelegt. Was dem Autofahrer die Umleitung ist, ist dem Pendler der Schienenersatzverkehr. Man steigt in einen Bus, der im Stau steht, den die Autofahrer verursacht haben, die eigentlich mit der S-Bahn hätten fahren wollen. Ein Meisterwerk schwäbischer Verkehrsharmonie.
Stuttgart schafft damit etwas, woran andere Städte scheitern: Es benachteiligt alle Verkehrsmittel gleichermaßen. Das Auto steht. Die Bahn fährt nicht. Der Bus steckt fest. Das Fahrrad sucht sich seinen Weg zwischen Bauzäunen, und zu Fuß ist man zwar theoretisch am schnellsten, muss aber erst einmal den richtigen Umleitungsplan entschlüsseln.
Der Presslufthammer als neues Wappentier
Die Baustelle ist ohnehin längst zum Wahrzeichen geworden. Andere Städte haben Kathedralen, Schlösser oder Flüsse. Stuttgart hat Bauzäune, Bagger und rot-weiße Warnbaken. Der Presslufthammer ist das neue Wappentier der Stadt. Und wo man auch ist: Irgendetwas ist schon da – das Schild mit dem schwarzen U auf gelbem Grund.
Selbst das Navi gibt auf
Das Navigationsgerät hat inzwischen kapituliert. Statt „In 300 Metern links abbiegen“ meldet es nur noch: „Viel Glück.“ Selbst Google Maps fragt gelegentlich nach dem Weg.
Eine neue Tourismusstrategie?
Vielleicht sollte die Tourismuswerbung ehrlicher werden:
„Stuttgart – erleben Sie Fortschritt. Irgendwann.“
Oder:
„Besuchen Sie die Stadt, solange Sie noch hineinkommen.“
Noch mehr Werbesprüche bieten sich an:
„Stuttgart – kommen Sie vorbei. Wenn Sie einen Weg finden.“
Und natürlich:
„Stuttgart – wir bauen auf Ihren Besuch. Die Anreise dauert nur etwas länger als der Aufenthalt.“
Die entscheidende Frage
Bleibt also die Frage: Soll man derzeit überhaupt nach Stuttgart fahren?
Die Antwort lautet: Ja – wenn man genügend Zeit eingeplant hat. Sehr viel Zeit. Vielleicht so viel, dass man unterwegs noch einen Sprachkurs, ein Fernstudium oder den Ruhestand beginnen kann.
Wer dagegen pünktlich ankommen möchte, sollte sich überlegen, ob eine Postkarte nicht die entspanntere Alternative wäre.
Denn eines steht fest: In Stuttgart ist der Weg längst nicht mehr das Ziel. Der Weg ist die Baustelle. Wer schließlich den Fernwanderweg zu den Gleisen des Hauptbahnhofs geschafft hat, hat sich den glaubwürdigsten Stadt-Slogan in Deutschland redlich verdient: „Stuttgart – Ihr Ziel ist nur drei Umleitungen entfernt.“
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