Kolumne Stadtleben

Das Stuttgarter Weindorf bekommt zum 50. Geburtstag einen englischen Slogan


Uwe Bogen ·14. August 2026 ·5 Min. Lesezeit News

Aus "Geweinsam" wird "Wine & Dine": Der englische Slogan zum 50. Geburtstag des Weindorfs sorgt bei Traditionalisten für Stirnrunzeln. Denn bisher musste hier alles regional sein, Ausländisches auf der Karte war absolut verpönt. Doch Stuttgart kann beides, findet unser Kolumnist: schwäbisch bleiben und weltoffen sein.

Das Stuttgarter Weindorf gilt als eines der schönsten Weinfeste in Deutschland. Foto: Pro Stuttgart

Es gibt Dinge, die in Stuttgart so selbstverständlich zusammengehören wie Kessel und Stäffele, Äffle und Pferdle, Innenstadt und Stau, Hauptbahnhof und Fernwanderweg: das Weindorf und die schwäbische Sprache.

Und jetzt das: „Wine & Dine“.

Englisch. Auf dem Stuttgarter Weindorf.

Da dürften bei manchem Wengerter – so nannten sich früher selbst die jungen Winzer, heute nur noch die alten – die Augenbrauen höher stehen als der Alkoholgehalt eines guten Rieslings. Schließlich war das Weindorf nach dem festen Willen der Veranstalter seit Jahrzehnten ungefähr so international wie eine Maultasche: Sie kommt aus Stuttgart, wird hier gegessen und muss nicht erst über den Atlantik fliegen.

Aus „Geweinsam“ wird „Wine & Dine“

Das Weindorf wird 50. Herzlichen Glückwunsch! Und zum Geburtstag gibt es nicht nur ein feuerrotes Jubiläumstrikot, sondern auch einen neuen Slogan. Aus „Geweinsam“ wird „Wine & Dine“. Das ist zunächst einmal konsequent. „Geweinsam“ war zwar nett gemeint – ein Wortspiel aus gemeinsam und Wein –, aber offenbar nicht für jeden verständlich. Mancher hat sich vielleicht gefragt, ob das ein neues schwäbisches Verb ist: „I ge weinsam nachher zum Weindorf.“

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Nun also Wine & Dine. Das versteht jeder. Zumindest fast jeder.

Wobei: Ganz neu ist das Englische in Stuttgart nun wirklich nicht. Wir leben schließlich in einer Stadt, in der man „Meeting“ sagt, wenn man Besprechung meint, „Event“ statt Veranstaltung, „Location“ statt Ort und „Sale“ statt Ausverkauf. Wir haben „Coffee to go“, „Homeoffice“, „Teamleader“, „Feedback“ und „After-Work“. Selbst der schwäbische Unternehmer, der früher gesagt hätte: „Komm, mir hocket kurz zamma“, macht heute ein „Quick Meeting“.

Das ist Denglisch. Und Denglisch kann ziemlich gut sein.

„Handy“ zum Beispiel ist zwar im Englischen kein Mobiltelefon – aber wir verstehen uns trotzdem. „Public Viewing“ ist eine wunderbare deutsche Erfindung, die im englischsprachigen Raum etwas ganz anderes bedeutet, nämlich Leichenschau. Und „Wellness“ klingt doch viel entspannter als „sich einen schönen Tag machen“.

Es gibt aber auch Denglisch, bei dem man sich fragt: Musste das jetzt wirklich sein?

Warum Backshop statt Bäckerei?

„Service Point“ statt Auskunft. „Backshop“ statt Bäckerei. „Sale“ auf dem Schaufenster, obwohl daneben in großen Buchstaben „50 Prozent billiger“ stehen könnte. Und wenn irgendwo „Kids Area“ steht, wissen schwäbische Eltern zwar, wo ihre Kinder hinsollen – aber ein „Kinderbereich“ wäre vermutlich auch noch verständlich.

Wine & Dine gehört zum Glück nicht in diese Kategorie. Es ist kurz, klingt gut und bringt ziemlich genau auf den Punkt, worum es beim Weindorf geht: Wein trinken und etwas Gutes essen.

Nur hätte man das eben auch schwäbisch sagen können.

„Wein ond Essa.“

Das hätte allerdings vermutlich kein junges Publikum angelockt. Sondern eher die Frage ausgelöst: „Hä? Isch des jetzt a neue Speisekarte?“

Und genau darum geht es beim neuen Slogan vermutlich: Das Weindorf soll jünger, moderner, offener wirken. Es soll zeigen, dass hier längst nicht nur Wein ausgeschenkt wird. Es gibt Zwiebelrostbraten, Käsespätzle, Maultaschen und andere schwäbische Klassiker. Wer nur an Viertele denkt, unterschätzt das Weindorf.

Aber das eigentlich Interessante ist der kleine Kulturkampf, den dieser englische Slogan auslöst.

Denn das Weindorf war immer auch ein Gegenentwurf zur globalisierten Gastronomie. Kein Champagner. Keine italienische Bolognese. Keine Weine aus Übersee. Hier sollen die Winzer aus der Region zeigen, was sie können. Die Lauben sehen aus wie Wengerterhäuschen, die Speisekarten sind schwäbisch, und selbst der Wein hat einen überschaubaren Anreiseweg.

Das ist gut so.

Aber Regionalität ist nicht dasselbe wie Provinzialität.

Wir können alles, auch Denglisch

Stuttgart ist eine weltoffene Stadt. Eine Stadt, die Mercedes und Porsche hervorgebracht hat, internationale Unternehmen beherbergt, Menschen aus aller Welt anzieht und regelmäßig beweist, dass man hier nicht hinterm Mond lebt – auch wenn man manchmal so spricht.

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Wir können alles. Sogar Denglisch.

Denn natürlich können wir Englisch. Wir können sogar erstaunlich gut Englisch.

Aber wir können eben auch „Sodele“, „Noi“, „Hock di her“, „Des goht scho“ und „Jetzt mach net so a Gschiss“.

Auch am Marktplatzbrunnen kann man sich's mit einem Glas Wein gemütlich machen. Foto: Pro Stuttgart

Vielleicht muss man deshalb über „Wine & Dine“ gar nicht so sehr schimpfen. Man kann auch schmunzeln. Das Weindorf wird 50 und gönnt sich zum Geburtstag ein bisschen Denglisch. Warum nicht? Ein 50-Jähriger darf schließlich auch mal etwas Neues ausprobieren.

Zumal das Weindorf selbst eine Geschichte voller Veränderung ist. 1976 wurde Stuttgart, vom ADAC initiiert,  erstmals zur „großen Besenwirtschaft“ mitten in der City. Nach einer Ausgabe war Schluss – Wein und Autofahren erwiesen sich als eher ungünstige Kombination. 1978 wurde die Idee mit Pro Stuttgart wiederbelebt. Die schwäbischen Lauben kamen. Und das Weindorf wurde zu dem, was es heute ist.

Ein bisschen mehr Zeit zum Feiern

Dass es zum 50. Geburtstag wieder 17 statt zwölf Tage dauert, passt da bestens. Ein bisschen mehr Zeit zum Feiern. Ein bisschen mehr Wein. Ein bisschen mehr Essen.

Und ein bisschen mehr Englisch.

Wobei man sich vielleicht auf einen schwäbischen Kompromiss einigen könnte: Wine & Dine – ond jetzt hocket endlich her.

Denn egal, wie das Weindorf seinen Slogan schreibt: Entscheidend bleibt, was im Glas ist und was auf dem Teller liegt.

Und da darf es gerne weiterhin zutiefst schwäbisch bleiben.

Und vielleicht ist genau das die beste Pointe zum 50. Geburtstag: Das Weindorf muss sich nicht zwischen Tradition und Moderne entscheiden. Es kann beides.

Denn Stuttgart ist nicht provinziell, nur weil es seine Traditionen liebt. Und weltoffen ist nicht, wer seine Herkunft versteckt.

Wine & Dine ist deshalb vielleicht gar kein Widerspruch zum Weindorf. Es ist ein kleines Zeichen dafür, dass Stuttgart 50 Jahre nach der ersten „großen Besenwirtschaft“ immer noch dasselbe kann wie damals: Menschen zusammenbringen.

Nur die Sprache hat sich ein bisschen verändert.

Und wenn am Ende alle gemeinsam anstoßen, spielt es ohnehin keine große Rolle mehr, ob auf dem Schild „Geweinsam“, „Wine & Dine“ oder einfach nur „Prost“ steht.

Hauptsache, Stuttgart schenkt ein.

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Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Aus „Geweinsam“ wird „Wine & Dine“
  2. Warum Backshop statt Bäckerei?
  3. Wir können alles, auch Denglisch
  4. Ein bisschen mehr Zeit zum Feiern

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