Uwe Bogen

Eine Führung, die unter die Haut geht

Wo Stuttgart hinschauen muss: 20 Jahre „Zeichen der Erinnerung“ am Nordbahnhof

21. Juli 2026

Tatort Nordbahnhof: Über 60 Jahre brauchte Stuttgart, um sich hier der NS-Vergangenheit zu stellen. Die Gedenkstätte für die Deportierten ist privatem Engagement zu verdanken. Zum 20. Geburtstag des „Zeichens der Erinnerung“ begleitet EchtStuttgart eine Führung.

Monika Renninger hebt das Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Frau in die Höhe. Einen Moment lang wird es still. Die Teilnehmenden der Führung blicken auf das Gesicht einer Stuttgarterin, die von den Gleisen des Inneren Nordbahnhofs deportiert und damit in den Tod geschickt wurde.

Es folgen weitere Porträts. Die Pfarrerin nennt Stichworte zum Leben der Deportierten. Eine hohe Zahl an Toten klingt erschreckend. Doch wenn man von den ganz persönlichen Schicksalen erfährt, tut es weh. Darum geht es an diesem Abend: den Opfern ihre Namen und ihre Gesichter zurückzugeben.

Ein Weg durch die Geschichte Stuttgarts

Die Führung zum 20-jährigen Bestehen der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ beginnt auf dem Pragfriedhof. Von dort führt Pfarrerin Monika Renninger, seit 2014 Leiterin des Evangelischen Bildungszentrums Hospitalhof – der Evangelischen Stadtakademie Stuttgart – und Vorsitzende des Vereins „Zeichen der Erinnerung“, die Gruppe entlang des Jüdischen Friedhofs über die Martinskirche bis zum Inneren Nordbahnhof. Es ist ein Weg, der Geschichte erfahrbar macht.

Immer wieder bleibt sie stehen und erzählt von Menschen, deren Leben durch die nationalsozialistische Verfolgung ausgelöscht wurde. Aus historischen Fakten werden persönliche Geschichten. Aus anonymen Opferzahlen werden Gesichter.

„Deportationen unter den Augen der Martinskirche“

Besonders eindrucksvoll ist der Halt an der Martinskirche. Lange verweilt Renninger vor der Gedenktafel, die seit 1991 daran erinnert, dass die Deportationen „unter den Augen der Martinskirche“ stattfanden. Die Inschrift löste damals eine intensive Debatte über die Verantwortung der Kirche und den Umgang Stuttgarts mit seiner Geschichte aus. Heute ist sie ein fester Bestandteil der städtischen Erinnerungskultur.

Vom Killesberg zum Inneren Nordbahnhof

Der Weg endet an den Gleisen des Inneren Nordbahnhofs – jenem Ort, an dem zwischen 1941 und 1945 mehr als 2500 Menschen jüdischer Herkunft sowie über 240 Sinti und Roma aus Stuttgart und Württemberg ihre letzte Reise antreten mussten. Zuvor waren sie auf dem Killesberg zusammengetrieben worden. Von hier aus gingen die Deportationszüge nach Riga, Izbica, Auschwitz und Theresienstadt. Nur wenige überlebten.

Auch Stuttgart war damit ein Ausgangspunkt der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Mehr als sechs Jahrzehnte brauchte die Stadt jedoch, um sich am Inneren Nordbahnhof dieser Vergangenheit sichtbar zu stellen. Erst nach langjährigem bürgerschaftlichem Engagement entstand hier die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ – dort, wo die Deportationszüge einst in die Vernichtungslager abfuhren. Jahrzehntelang war das Geschehen weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt worden.

Ein Ort, dessen Spuren erhalten bleiben sollen

Die erhaltenen Gleise, Schwellen und Prellböcke sind deshalb weit mehr als technische Relikte. Sie sind authentische Zeugen der Geschichte.

Doch dieser Erinnerungsort hat sich verändert. Von den ursprünglich fünf Gleisen, die aus der Gedenkstätte herausführten, sind inzwischen drei hinter dem Zaun gekappt worden. Nur zwei Gleise reichen weiter und erinnern an die Deportationen.

Dass die Stadt die Umgestaltung des Baugrunde ohne vorherige Gespräche mit dem Verein umgesetzt hat, sorgte bei den Engagierten für Ärger. Der Verlust schmerzt viele, weil damit ein Stück der historischen Authentizität verloren gegangen ist. Umso wichtiger erscheint der Einsatz für den Erhalt der verbliebenen Spuren.

Erinnerung mitten im Leben der Stadt

Während Monika Renninger spricht, sitzen innerhalb der Gedenkstätte drei junge Menschen auf der Mauer. Sie hören nicht zur Führung, verweilen aber an diesem Ort. Es ist ein stilles Bild dafür, was die Initiatoren der Gedenkstätte erreichen wollten: dass Erinnerung nicht ausgegrenzt wird, sondern ihren Platz mitten im Leben der Stadt findet.

Die „Wand der Namen“, die die Gleisanlage wie ein Passepartout umschließt, trägt inzwischen die Namen von mehr als 2500 Opfern. Neue historische Forschungen haben in den vergangenen Jahren immer weitere Namen ans Licht gebracht. Sie wurden nachträglich ergänzt – ein Zeichen dafür, dass Erinnerungsarbeit niemals abgeschlossen ist. Jeder hinzugefügte Name steht für einen Menschen, dessen Schicksal nicht vergessen werden darf.

Erinnern als Linderung der Qual

An der Mauer ist auch ein Satz des Schriftstellers Erich Fried zu lesen:

„Vielleicht ist Erinnern die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual.“

Kaum ein anderer Satz beschreibt treffender, warum Orte wie dieser so wichtig sind. Erinnerung schmerzt – doch sie bewahrt vor dem Vergessen.

Ein Auftrag für die Zukunft

Der Verein „Zeichen der Erinnerung“ versteht diese Aufgabe als Auftrag der gesamten Stadtgesellschaft. Was hier geschah, geschah nicht im Verborgenen. Es ist Teil der Geschichte Stuttgarts.

Die Gedenkstätte mahnt deshalb nicht nur zum Gedenken an die Opfer, sondern auch dazu, Antisemitismus, Rassismus, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit überall entgegenzutreten.

Als Monika Renninger zum Abschluss noch einmal eines der Fotografien hochhält, wird deutlich, worum es ihr an diesem Abend geht. Nicht um Zahlen. Nicht um historische Daten. Sondern um Menschen, die in den Tod geschickt wurden – und um Menschen, die das gesehen haben, aber nicht eingeschritten sind. Und es geht vor allem auch darum, alles dafür tun, dass rechtsextremes Gedankengut keine Chance mehr erhält, erneut Menschen zu täuschen, zu belügen und die Demokratie  zu zerstören. 

Die nächste Führung des Vereins findet am 22. August statt.

AKTUELLES

Social Media