Conny Mertz
Neue Stars im Schaubauernhof
Ziegenbaby-Boom in der Wilhelma – und was hinter dem Kaschmir-Mythos steckt
21. April 2026
Frühling, Flausch und flinke Hufe: Drei Zicklein erobern die Wilhelma – und zeigen, wie viel mehr in Kaschmirziegen steckt als nur Luxuswolle. Bei uns seht ihr das Video von den jüngsten Stars im Schaubauernhof. Und wir haben Peta dazu befragt.
Frühling in Stuttgart bedeutet nicht nur Sonne beim Spaziergang – sondern auch herzallerliebster Nachwuchs in der Wilhelma. Besonders auf dem Asiatischen Schaubauernhof sorgt aktuell eine kleine Herde für große Aufmerksamkeit und erfreute Blicke.
Mitte April sind dort drei gesunde Kaschmir-Zicklein zur Welt gekommen. Zwei Mütter kümmern sich um die neugierigen Jungtiere, die schon wenige Tage nach der Geburt erstaunlich sicher durch das Gehege tapsen. Meist dicht an ihrer Mutter, erkunden sie vorsichtig ihre Umgebung – doch immer wieder blitzt bereits ihr Temperament auf: verspielt, wachsam und ständig in Bewegung.
Optisch erfüllen sie jedes Klischee: dichtes, weißes Fell, große Augen, federleichte Sprünge. Kurz gesagt – Publikumslieblinge. Schaut Euch die Zicklein im Video an, das Birger Meierjohnn, der Pressesprecher der Wilhelma, gefilmt hat.
Robuste Herkunft statt Luxus-Image
Was leicht vergessen wird: Kaschmirziegen sind keine „Kuscheltiere“, sondern Überlebenskünstler. Ursprünglich stammen sie aus den Hochgebirgsregionen rund um den Himalaya. Extreme Kälte, karge Landschaften und starke Temperaturschwankungen prägen ihren Alltag.
Ihr berühmtes, feines Unterfell – das Kaschmirhaar – ist dabei kein modisches Extra, sondern ein natürlicher Schutz gegen eisige Temperaturen.
Der Preis der weichen Wolle
Genau dieses Unterfell ist jedoch auch der Grund, warum Kaschmir weltweit als Luxusprodukt gehandelt wird – mit problematischen Folgen.
Kaschmir ist eine tierische Faser, gewonnen aus der Unterwolle von Ziegen. Rund 80 bis 90 Prozent der weltweiten Produktion stammen aus China und der Mongolei. Schätzungen zufolge leben dort bis zu 190 Millionen Kaschmirziegen, deren Fell für die Textilindustrie genutzt wird.
Der Markt boomt: 2022 wurde die Kaschmirindustrie auf einen Wert von bis zu 3,2 Milliarden Dollar geschätzt.
Tierschutzorganisationen wie Peta kritisieren die Bedingungen in den Hauptproduktionsländern. Ihnen zufolge fehlt es oft an wirksamen Tierschutzgesetzen. Videoaufnahmen zeigen, wie Ziegen mit Metallkämmen grob ausgekämmt werden – ein Prozess, der für die Tiere schmerzhaft und stressig sein kann. Auch die Tötung nicht mehr „wirtschaftlich nutzbarer“ Tiere steht in der Kritik.
Was Peta zu den Kaschmirziegen in der Wilhelma sagt
EchtStuttgart hat Yvonne Würz, Fachreferentin Zoo und Zirkus bei Peta, zum jüngsten Nachwuchs in der Wilhelma befrqgt. „Kaschmirziegen sind weder Produktlieferanten noch Anschauungs- oder Unterhaltungsobjekte, doch die landwirtschaftliche Tierhaltung und Zoos degradieren fühlende Lebewesen genau dazu“, erklärt sie.
Wenn diese Tiere mi Asiatischen Schaubauernhof präsentiert werden, gehe es nicht um Artenschutz, sondern „um Unterhaltung und das Veranschaulichen der landwirtschaftlichen Nutzung von Tieren“, so die Kritik der Peta-Sprecherin. Und weiter: „Wenn Zoos solche Tiere unter dem Vorwand von Bildung präsentieren, verschleiern sie die Realität der Tierausbeutung .“ Kaschmirziegen seien keine Wildtiere, lebten also auch in ihrem Ursprungsgebiet nicht „in Freiheit“, sondern wurden domestiziert und gezielt für menschliche Zwecke gezüchtet. Ihre Zucht, so Yvonne Würz
Mehr als nur Rohstofflieferanten
Dabei zeigen die Zicklein in der Wilhelma eindrucksvoll, dass Kaschmirziegen weit mehr sind als Lieferanten für Luxusfasern. Sie sind soziale, intelligente Tiere, die in stabilen Gruppen leben und aktiv ihre Umgebung erkunden.
Genau das lässt sich aktuell im Schaubauernhof beobachten – ganz nah für Besucherinnen und Besucher.
Tierischer Nachwuchs zum Anfassen
Die Anlage teilen sich die Ziegen mit Romanovschafen, bei denen es ebenfalls Nachwuchs gab. Teile des Bereichs sind begehbar – mit etwas Glück kommen Besucherinnen und Besucher den Jungtieren ganz nah.
Wie Birger Meierjohann, der Pressesprecher der Wilhelma mitteilt, können sich die Tiere jederzeit in Schutzorte zurückziehen. So entstehe ein seltenes Gleichgewicht zwischen Nähe und Schutz.
Und die Baby-News hören hier nicht auf: Auch bei den Trampeltieren in direkter Nachbarschaft gab es vor Kurzem Nachwuchs. Die Wilhelma steht also ganz im Zeichen des Frühlings.
Ein Besuch mit Perspektivwechsel
Wer gerade einen kleinen Gute-Laune-Boost sucht, wird in der Wilhelma fündig. Doch der Besuch bietet mehr als nur niedliche Fotomotive.
Die Zicklein liefern auch einen Anlass, genauer hinzusehen – und den eigenen Blick auf Materialien wie Kaschmir vielleicht neu zu bewerten. Denn manchmal steckt hinter dem weichsten Luxus eine deutlich härtere Realität.
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