Uwe Bogen
Nachruf
„Arroganz habe ich nie toleriert“ – Große Trauer um Radiolegende Rainer Nitschke
11. Mai 2026
Peter Maffay hat er groß gemacht, bei Nena „wegen Arroganz“ die Notbremse gezogen: Rainer Nitschke hat Radiogeschichte geschrieben. Am Sonntag ist der gebürtige Stuttgarter im Alter von 79 jahren gestorben. Persönliche Erinnerungen unseres Autors Uwe Bogen, der ihn gut kannte.
Die traurige Nachricht erreicht mich am Montagvormittag privat übers Handy – lange bevor die Öffentlichkeit davon erfährt. Ich will es nicht glauben. Erst kürzlich habe ich noch mit einem vergnügten Rainer gechattet. Sofort schaue ich mir unsere letzten WhatsApp-Nachrichten an. „Im nächsten Jahr werde ich einen runden Geburtstag feiern“, schrieb er mir kürzlich. Am Sonntag ist Rainer Nitschke, der das war, was man eine Radiolegende nennt, im Alter von 79 Jahren bei sich daheim in Kehl-Odelshofen bei Offenburg gestorben. Dies hat das Schwarzwaldradio, bei dem er in seinen letzten Lebensjahren mit großer Begeisterung moderiert hat, inzwischen offiziell bestätigt. Seine letzte Sendung moderierte er eine Woche vor seinem Tod.
„Mir fehlt das Gefühl, zuhause zu sein“
In unseren Chats schrieb Rainer immer wieder, dass er es bereut habe, Stuttgart verlassen zu haben. Hier habe er die besten Jahre seines Lebens in der ihm vertrauten Heimatstadt verbracht. „Mir fehlt das Gefühl, zuhause zu sein“, sagte er. Köln sei für ihn nie wirklich Heimat geworden, Stuttgart dagegen der Ort, mit dem er „mental verwurzelt“ geblieben sei.
Gern erzählte er mir davon, wie er im Mövenpick auf dem Kleinen Schlossplatz privat den Freundschaftsbecher liebte und wie er beruflich das Lokal, in dem Musik auf der Toilette lief, für Interviews mit Musikerinnen und Musiker aufsuchte. Die auswärtigen Gäste sollten sehen, wie schön Stuttgart ist. Denn vom „Möpi“ hatte man einen wunderbaren Blick auf den Schlossplatz und das Neue Schloss.
Sein erstes Radiointerview gab Peter Maffay bei ihm
Rainer war ein Mann der Lebenslust, immer einen Gag auf den Lippen, immer Anekdoten parat aus seiner einzigartigen Karriere, was aber niemals angeberisch wirkte oder arrogant war. Und wie er sich freute, als ich ihm im vergangenen November von meinem Interview mit Peter Maffay berichtet habe. Der Musiker erzählte mir nämlich, dass er seinen allerersten Auftritt im Radio in den 70er Jahren bei Rainer Nitschke beim damaligen SDR gehabt habe. Maffay war damals 21 Jahre alt, stellte sein Lied „Du“ im Funkhaus vor. Er war ziemlich aufgeregt. „Ich konnte Peter in der Sendung beruhigen“, erinnerte sich der Moderator.
Radio war für Rainer Nitschke nie einfach nur ein Beruf. Es war Leidenschaft, Lebensinhalt und Bühne zugleich.
55 Jahre lang stand der gebürtige Stuttgarter hinter dem Mikrofon. Seine Karriere begann in einer Zeit, als Radio noch das Lagerfeuer der Nation war, als die Radiofans noch ihre Idole hatten und die Namen der Moderatoren kannten. Nach dem Abitur wollte Rainer Nitschke erst Schauspieler werde, stand bei der Komödie im Marquardt auf der Bühne. Über eine dortige Schauspielerin lernte er Camillo Felgen kennen, der ihn 1967 zu Radio Luxemburg holte.
Auch als Moderator im Fernseheinsatz
1969 wechselte Nitschke zum SDR nach Stuttgart – bis 2012 blieb er dem Sender treu, später beim SWR 4. Sein Stil: locker, nahbar, humorvoll, mit Gefühl für Musik und Menschen. Schnell wurde aus dem Radiotalent ein Radiostar mit unverwechselbarer Stimme und außergewöhnlichem Gespür für Künstlerinnen und Künstler – aber auch für seine Hörerschaft, die ihm zuhauf „Grüße ans Schallarchiv“ ausgerichtet haben. Immer wieder stand er auch vor der Fernsehkamera. – etwa als Moderator der Sendung „Die sechs Siebengescheiten“ oder bei den Live-Sendungen vom Cannstatter Volksfest.
Nena ließ er nicht auf die Bühne
Nitschke war nie jemand, der jedem Star nach dem Mund redete. Unvergessen bleibt bis heute der Moment, als er bei einer Veranstaltung die Notbremse zog, wie er mir einmal ausführlich erzählt hat. Nena habe er wegen ihres „respektlosen Verhaltens gegenüber einem SDR-Kollegen backstage“ den Auftritt verweigert. „Arroganz von Künstlern oder Mitarbeitern hab ich nie toleriert“, sagte er.
Auch privat blieb er stets authentisch. Offen sprach Rainer Nitschke über seine Homosexualität – in einer Zeit, in der das keineswegs selbstverständlich war. Er habe seine sexuelle Orientierung immer als Privatsache betrachtet, sagte er mir einmal, thematisierte seine Liebe zu Männern deshalb auch nicht, die ihm aber keine Probleme gemacht habe.Gleichzeitig setzte er sich für einen liberalen und toleranten Umgang mit dem Thema ein. „Ängstlich war ich noch nie“, sagte er. Dieser offene Umgang machte ihn auch für viele junge Menschen zum Vorbild.
„Ich heirate dann mit 90 Jahren“
Als ich ihm vor ein, zwei Jahren zum Geburtstag gratulierte, sagte er, noch immer habe er nicht das Alter fürs Standesamt erreicht. Er werde es wie sein Freund Freddy Quinn machen: „Ich heirate dann mit 90 Jahren.“
Nach seiner Zeit beim SDR/SWR arbeitete Nitschke noch viele Jahre beim WDR in Köln und später beim Schwarzwaldradio. Dort präsentierte er weiterhin seine Sendung und blieb seiner großen Leidenschaft treu: Menschen mit Musik zu begleiten. „Jetzt ist Rainer seiner letzten großen Sendung vorausgegangen“, schreibt das Schwarzwaldradio. Die Radiowelt sei nun „ein bisschen leiser“ geworden.
Rainer Nitschke hat Radiogeschichte geschrieben – mit Haltung, Stimme, Herz, Humor und Charakter. Stuttgart verliert einen seiner großen Medienmenschen.
AKTUELLES

CSD geht mit erhöhter Polizeipräsenz weiter – „Liebe wird immer stärker sein als Hass“
Die Stuttgart Pride setzt nach dem Angriff auf den CSD in Berlin ein Zeichen gegen Hass und Gewalt: Der Sonntag wird fortgeführt, die Polizei verstärkt ihre Präsenz. Sicherheit, Gedenken und Solidarität stehen jetzt im Mittelpunkt, teilen die Veranstalter mit.

Nach der Amoktat in Berlin: „Hass darf nicht gewinnen“, sagt Sänger Damiano Maiolini
Schock und Trauer nach der tödlichen Amoktat bei der Berliner Pride. In Stuttgart, wo ein großes CSD-Programm für Sonntag geplant ist, wird intensiv diskutiert, wie es weitergeht. Sänger Damiano Maiolini will auftreten. Im Gespräch mit EchtStuttgart sagt er: „Hass darf nicht gewinnen.“

An Tagen wie diesen lieben wir Stuttgart: Ein CSD, der die ganze Stadt zum Strahlen bringt
So fühlt sich Stuttgart von seiner schönsten Seite an: Überall jubelnde Menschen – als hätte der VfB die Champions League gewonnen. EchtStuttgart erlebt den CSD tanzend auf dem Dehoga-Truck mit unseren Gewinnern: Momente, die unter die Haut gehen und stolz auf unsere Stadt machen.

Happy Pride, Stuttgart!
Stuttgart streitet über Bahnhöfe, Baustellen und Bäume. Beim CSD prägen fröhliche Gesichter das Stadtbild. Zehntausende zeigen: Vielfalt ist echt Stuttgart – eine Botschaft, die angesichts erstarkender rechtsextremer Kräfte wichtiger ist denn je.










