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Zufriedene Wirte in Stuttgart

Weindorf-Finale: Die Konsumflaute bleibt aus – und zwei Brüderpaare räumen ab


Uwe Bogen ·4. September 2026 ·7 Min. Lesezeit News

Die Sorgen waren groß: Würden Autokrise und Konsumflaute das 50. Weindorf treffen? Zum Finale am Samstag zeigt sich: offenbar nicht. Vor allem an den letzten Tagen lief es sehr gut. „Wer jetzt nicht zufrieden ist, hat etwas falsch gemacht“, sagt ein Wirt zu EchtStuttgart. Zu den Gewinnern des Jubiläums gehören zwei Brüderpaare.

Zwei Brüderpaare gehören zu den Gewinnern des 50. Weindorfs, das am Samstag endet: Sezer und Enis Masalci (links) holten erneuten den Preis für die schönsten Laube, Marcel und Pascal Jehle begeisterten mit Charme und Latzhosen - nach dem Weindorf treten sie erneut als Fernsehköche bei Sat 1 an. Fotos: Uwe Bogen/Pro Stuttgart

Am Anfang war da durchaus ein mulmiges Gefühl. Stuttgart und die Region stecken mitten in schwierigen Zeiten. Die Autoindustrie schwächelt, Unternehmen bauen Stellen ab, die wirtschaftlichen Aussichten sind alles andere als rosig. Und wenn die Menschen weniger Geld zur Verfügung haben oder zumindest vorsichtiger werden, stellt sich schnell die Frage: Sparen sie zuerst beim Ausgehen?

Vor dem 50. Stuttgarter Weindorf war deshalb die Befürchtung groß, dass die Jubiläumsausgabe ausgerechnet von der Konsumflaute erwischt werden könnte. Nun, kurz vor dem Finale am Samstag, sieht die Welt deutlich freundlicher aus.

17 überwiegend schöne Weindorf-Tage liegen hinter Stuttgart. Vor allem das Wetter der vergangenen Tage hat den Lauben noch einmal volle Tische und zum Teil Traumumsätze beschert.

„Wer jetzt nicht zufrieden ist, hat etwas falsch gemacht“, sagt Thomas Diehl von der Stadtlaube gegenüber EchtStuttgart.

Das ist natürlich keine offizielle Endabrechnung. Aber es beschreibt ziemlich gut die Stimmung, die kurz vor Schluss bei vielen Gastronomen zu spüren ist.

50 Jahre Weindorf – und Stuttgart feiert gern Geburtstag

Das Jubiläums-Weindorf hat damit offenbar bewiesen, dass die Stuttgarter auch in wirtschaftlich unsicheren Zeiten nicht komplett auf Genuss und Geselligkeit verzichten wollen.

Natürlich schaut mancher Gast genauer auf die Preise. Natürlich wird gerechnet. Doch wenn das Wetter stimmt, die Lauben voll sind und die Stimmung passt, gönnen sich viele offenbar trotzdem ihr Viertele und etwas Gutes zu essen.

Besonders erleichtert dürften diejenigen sein, die in diesem Jahr erstmals das Abenteuer Weindorf gewagt haben oder erst zu ihrem zweiten Mal angetreten sind.

Und da kommt man an zwei Brüdern kaum vorbei.

EchtStuttgart-Redaktionsleiter Uwe Bogen, häufiger Gast auf dem Weindorf, mit den Wirten (von links): Thomas Diehl, Pascal und Marcel Jehle. Foto: Klaus Schnaidt

Die Latzhosen-Jungs wollen wiederkommen

Marcel und Pascal Jehle aus Tübingen waren die auffälligsten Newcomer des 50. Stuttgarter Weindorfs. Schon optisch waren die beiden und ihr Team kaum zu übersehen: Statt Tracht trugen sie blaue Latzhosen mit der roten Zahl 1821.

Die Arbeitskleidung der Winzer als Weindorf-Outfit – das war lässig, ein bisschen frech und vor allem ziemlich clever. Die Latzhose hat bei den Jehles tatsächlich das Zeug zum neuen Gastro-Modetrend.

Noch wichtiger war allerdings, was in ihrer Laube 1821 auf den Tellern landete.

Käsespätzle-Kroketten statt Einheitskost, schwäbische Klassiker mit neuen Ideen und ein Zwiebelrostbraten, der bei EchtStuttgart schon zu Beginn des Weindorfs für Begeisterung sorgte.

Die Tübinger Latzhosen-Jungs mischen als coole Newcomer das Stuttgarter Weindorf auf

Die Premiere ist gelungen. Und zwar so gut, dass die Brüder bereits vor dem letzten Abend eine wichtige Entscheidung getroffen haben.

Sie wollen wiederkommen. „Wir sind gekommen, um hierzubleiben“, sagt Pascal Jehle. Das ist mal eine Ansage.

Aus Tübingen in den Stuttgarter Kessel – und jetzt ins Fernsehen

Dabei war der Platz ihrer Laube nicht unbedingt ein Selbstläufer. Die 1821 liegt am Schillerplatz zur Planie hin und damit eher am Rand des großen Weindorf-Trubels. Doch die Gäste fanden den Weg zu den Tübingern.

Die Jehles haben sich ihren Platz im Dorf erarbeitet – mit gutem Essen, viel Präsenz, Humor und einer erstaunlichen Begabung dafür, sich selbst zu vermarkten.

Schon vor dem Weindorf hatten sie mit einer Guerilla-Aktion hinter dem Stuttgarter Rathaus für Aufmerksamkeit gesorgt. Ein VW-Bus mit der Aufschrift „We In Dorf“ wurde öffentlichkeitswirksam von einem Abschleppwagen aufgeladen.

Auch auf Instagram zeigen die Brüder regelmäßig, dass sie nicht nur kochen, sondern auch reden und unterhalten können.

Das bleibt inzwischen nicht mehr nur ihren Followern verborgen.

Am 11. September kochen die Jehles bei Sat.1

Nach dem Weindorf erst einmal Füße hochlegen?

Nichts da.

Schon am 11. September geht es für Marcel und Pascal Jehle nach Berlin. Dort kochen die Brüder im Frühstücksfernsehen von Sat.1.

Und natürlich bringen sie ihre schwäbische Heimat mit.

Das Stuttgarter Weindorf ist nicht immer. teuer: Ein Glas Sekt gibt es auch für 2,50 oder 3 Euro. Fotos: Uwe Bogen

Die Jehle-Brüder wollen in Berlin bei Sat 1 zeigen, was sie am liebsten machen: schwäbische Klassiker, modern und mit eigener Handschrift interpretiert. Dabei soll Deutschland von den beiden unter anderem erfahren, wie man richtig Spätzle macht. Ihre Latzhosen werden sie im TV-Studio nicht tragen. „Das ist unser Outfit nur für das Weindorf“, sagt Pascal Jehle zu EchtStuttgart. 

Vielleicht beginnt damit neben ihrer Gastro-Karriere gerade noch eine zweite.

Denn das Zeug zu Fernsehköchen haben die Brüder durchaus. Sie sind schlagfertig, redegewandt, können Geschichten erzählen und wirken vor der Kamera nicht so, als müssten sie dafür erst lange üben.

Und die schönste Laube? Das Rädle – schon wieder!

Während die Jehles als Newcomer für Aufsehen sorgten, haben zwei andere Brüder beim 50. Weindorf geschafft, was erst einmal nachgemacht werden muss.

Sezer und Enis Masalci haben mit ihrem „Rädle“ erneut den Publikumspreis für die schönste Laube gewonnen.

Die Masalci-Brüder haben für Rädle erneut den Preis für die Lieblingslaube des Publikums gewonen. Mit auf dem Foto: Jens Zimmermann und Andreas Zaiß vom Pro-Stuttgart-Vorstand und Weindorf-Geschäftsführer Dominik Schwab (von links). Foto: Pro Stuttgart

Schon 2025 waren die Brüder erstmals mit ihrer eigenen Laube beim Stuttgarter Weindorf angetreten – und holten prompt den Publikumspreis.

Nun haben sie ihren Titel verteidigt. Auch 2026 wählten die Besucher das Rädle zur schönsten Laube des Weindorfs.

Dabei dürfte geholfen haben, dass Sezer und Enis Masalci längst eine große Community hinter sich haben. Die Brüder trommelten kräftig für die Abstimmung – und ihre Fans folgten dem Aufruf..

Eine Stuttgarter Familiengeschichte

Der Erfolg der Masalci-Brüder ist auch deshalb bemerkenswert, weil hinter ihm eine besondere Stuttgarter Gastrogeschichte steckt. Die Großeltern kamen einst aus der Türkei nach Stuttgart und arbeiteten bei Neoplan und Züblin. Die nächste Generation machte sich in der Gastronomie selbstständig: Ergin und Zehra Masalci verwandelten eine ehemalige Apotheke in Vaihingen in das Gasthaus Drive. Die dritte Generation wuchs praktisch zwischen Gastraum und Küche auf.

Sezer und Enis Masalci lernten ihr Handwerk professionell – unter anderem im Hotel Graf Zeppelin beziehungsweise im Pullman Stuttgart Fontana.

Aus dem „Drive“, das seit 1995 zu Vaihingen gehörte, machten die Söhne schließlich das Vaihinger Wirtshaus. Einen Ort, der nicht nur Restaurant sein will, sondern auch Treffpunkt für den Stadtteil.

Weindorf

Schwäbische Küche und türkische Familiengeschichte sind für die Brüder dabei kein Widerspruch.

Im Gegenteil.

Ihre Geschichte zeigt ziemlich schön, wie Stuttgart funktioniert: Menschen kommen in die Stadt, bauen sich etwas auf, ihre Kinder und Enkel machen weiter – und irgendwann gehören Linsen, Spätzle und Rostbraten ganz selbstverständlich zur eigenen Geschichte. Jetzt gehört auch ein doppelter Weindorf-Publikumspreis dazu.

Das Jubiläums-Weindorf endet als Mutmacher

Wenn am Samstagabend die letzten Viertele ausgeschenkt werden, geht damit ein besonderes Weindorf zu Ende.

50 Jahre Stuttgarter Weindorf – und ausgerechnet vor dieser Jubiläumsausgabe waren die wirtschaftlichen Fragezeichen besonders groß.

Bekommt das Weindorf im nächsten Jahr wieder 17 Tage?

Die ganz große Konsumflaute ist offenbar an den 17 Tagen im verlängerten Geburtstagsmodus (sonst waren es früher meist 12 Tage)  ausgeblieben. Werden es nächstes Jahr wieder 17 Tage? Die Mehrheit der Wirte ist wohl dafür. Pro-Stuttgart-Geschäftsführer Dominik Schwab sagt auf Anfrage von EchtStuttgart: „Da gehen  wir nach dem Weindorf mit Bürgermeister Thomas Fuhrmann erneut ins Gespräch. Wir hatten bereits im Frühjahr einen Auftakt dazu gehabt und freuen auf den Erfahrungsbericht und Austausch mit allen Beteiligten nach dem Weindorf.“

Mit mehr Tagen lassen sich jedenfalls Regentage besser ausgleichen.  Das Wetter spielte in dieser Saison über weite Strecken mit, die Menschen kamen, die Lauben waren gut besucht. Natürlich wird erst die Abrechnung zeigen, wie gut das 50. Weindorf wirtschaftlich tatsächlich war.

Doch die Stimmung zum Finale spricht eine ziemlich klare Sprache. Und zwei Geschichten stehen beispielhaft dafür: Die Masalci-Brüder sind gekommen, haben gewonnen – und gleich noch einmal gewonnen.

Die Jehle-Brüder sind gekommen, um zu testen, ob Stuttgart für sie funktioniert.

Stuttgart funktioniert – sehr, sehr gut sogar!

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Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. 50 Jahre Weindorf – und Stuttgart feiert gern Geburtstag
  2. Die Latzhosen-Jungs wollen wiederkommen
  3. Aus Tübingen in den Stuttgarter Kessel – und jetzt ins Fernsehen
  4. Am 11. September kochen die Jehles bei Sat.1
  5. Und die schönste Laube? Das Rädle – schon wieder!
  6. Eine Stuttgarter Familiengeschichte
  7. Das Jubiläums-Weindorf endet als Mutmacher
  8. Bekommt das Weindorf im nächsten Jahr wieder 17 Tage?

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