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Frischer Wind beim Traditionsfest

Die Tübinger Latzhosen-Jungs mischen als coole Newcomer das Stuttgarter Weindorf auf


Uwe Bogen ·22. August 2026 ·5 Min. Lesezeit News

Latzhosen statt Tracht, Käsespätzle-Kroketten statt Einheitskost - und ein Rostbraten zum Niederknien: Marcel und Pascal Jehle sind die coolen Newcomer auf dem 50. Stuttgarter Weindorf. Mit ihrer 1821-Laube sorgen die Tübinger für Genuss und Gesprächsstoff - und sind schon jetzt mehr als ein Geheimtipp.

Pascal (links) und Marcel Jehle aus Tübingen sind mit ihrer Laube 1821 die Newcomer des 50. Stuttgarter Weindorfs. Die Käsespätzle-Kroketten sind selbstgemacht und die Schnapsflasche ist nicht zu klein geraten.. Foto: Uwe Bogen

Das 50. Stuttgarter Weindorf hat viele bekannte Gesichter. Und dann gibt es zwei Brüder aus Tübingen, die schon beim ersten Blick auffallen und Sympathiepunkte kassieren: Marcel und Pascal Jehle. Ihre Laube, ganz neu beim Weinfest auf dem Schillerplatz, heißt 1821 – und wer an ihr vorbeikommt, sieht vor allem eines: Blau mit roten Ziffern.

Denn die Brüder und ihr gesamtes Team tragen blaue Latzhosen, auf denen 1821 in Rot gestickt ist. Damit setzen die Gastronomen ein ziemlich lässiges modisches Statement inmitten der Weindorf-Welt. Während in Stuttgart darüber diskutiert wird, ob Tracht wirklich zum Weindorf gehört oder nicht doch besser aufs Volksfest, haben die Jehles ihre ganz eigene Antwort gefunden.

Weindorf

Schließlich tragen Winzer Latzhosen. Das ist Arbeitskleidung für Menschen, die anpacken. Marcel und Pascal Jehle arbeiten viel – mit Leidenschaft, wie man schnell spürt. Nun wollen sie der Latzhose auch noch zu einem modischen Comeback verhelfen. Denn Latzhosen sind cool. In den 1960ern haben sie die Fabriken verlassen und die Flower-Power-Kultur erobert – auch als Outfit der Rebellion. Die ersten Exemplare mit der Aufschrift „1821“ sind bereits über den Lauben-Tresen gegangen.

Zwei Brüder, eine Zahl – und viele Erklärungen

Alles klar bei den Latzhosen-Jungs? Wobei: Die Zahl 1821 sorgt bei den Brüdern immer wieder für Erklärungsbedarf. Nein, es ist nicht das Gründungsjahr des Restaurants. Und nein, es hat auch nichts mit dem VfB zu tun.

Der Name verweist auf die Geschichte des Tübinger Hauses, in dem die beiden ihr Restaurant betreiben: 1821 ist das Gründungsjahr der Museumsgesellschaft, die das klassizistische Gebäude errichten ließ.

In Stuttgart bekommt die Zahl inzwischen allerdings eine ganz eigene Dynamik. Die ersten Gäste haben sich den Spaß erlaubt, den VfB-Ruf „1893“ kurzerhand mit „1821“ zu beantworten. Ein kleiner Zahlenscherz – und vielleicht der Beginn einer neuen Fan-Folklore

Pacal Jehle am Tisch mit seinem Rostbraten. Foto: Uwe Bogen

Käsespätzle im Knuspermantel

Viel wichtiger als die Latzhosen ist allerdings, was in der Laube (auf dem Schillerplatz gegenüber des Eingangs zum Alten Schloss) auf den Teller kommt. Die Küche des Restaurants 1821 steht für schwäbische Klassiker, die mit internationalen Einflüssen verfeinert werden. Auf dem Weindorf zeigen die Jehles, dass man Tradition nicht einfach kopieren muss, um sie neu zu interpretieren.

Ihr wohl auffälligster Weindorf-Hit sind die Käsespätzle-Kroketten. Rund 4000 Stück haben die Brüder und ihr Team für das Weindorf selbst hergestellt. Die Produktion war echte Handarbeit: Drei Tage dauerte es, bis die Menge vorbereitet war.

Das Prinzip klingt simpel, ist aber ziemlich genial: In der knusprigen Hülle stecken Käsespätzle. Die Kroketten werden frittiert und mit hausgemachter Aioli und Schnittlauch serviert.

Ein Gericht, das es so auf dem Weindorf kein zweites Mal gibt.

„Wir haben uns überlegt, was die Leute gern essen“, sagt Marcel Jehle. Die Antwort scheint zu stimmen: Selbstgemachte Kroketten kommen bei den Weindorf-Gästen ausgesprochen gut an.

Die Latzhosen-Jungs mit unserem Autor Uwe Bogen. Foto: Conny Mertz

33,90 Euro – und ein Rostbraten zum Niederknien

Noch deutlicher wird die Philosophie der Jehles beim Zwiebelrostbraten. Während auf dem Weindorf gerade viel über den 85-Euro-Rostbraten der Jägerlaube diskutiert wird, kostet der Zwiebelrostbraten in der 1821-Laube 33,90 Euro.

Dafür gibt es Rostbraten mit Röstzwiebeln, Butterspätzle und Bröseln. Und vor allem: Fleisch, das so zart ist, dass es förmlich auf der Zunge zerfällt.

Auch bei der Soße wird nichts dem Zufall überlassen. Sie wird lange einreduziert, immer weiter reduziert, bis sie sämig ist. Der hohe Aufwand lohnt sich. Dadurch entwickelt sie einen leicht süßlichen, intensiven Geschmack. Schweinefleisch kommt dabei nicht hinein.

Wer diesen Rostbraten isst, könnte sich durchaus denken: Das geht nicht besser.

Und dafür muss man nicht mal  85 Euro ausgeben, um im Himmel der Genüsse zu landen.

Die extra fürs Weindorf kreiierten Käsespätzle-Kroketten.

Gastro liegt in der Familie

Die Leidenschaft fürs Gastgewerbe ist wohl vererbt. Die Brüder stammen aus einer Gastronomenfamilie. Ihre Eltern betreiben in Esslingen den Palmschen Bau. Da lag es für die Jungs nahe, den Beruf des Kochs zu erlernen.

Die Brüder  haben Ende 2022 nach umfangreichen Umbauarbeiten das Restaurant 1821 im ehemaligen Restaurant Museum in Tübingen eröffnet. Ihr Konzept verbindet schwäbische Tradition mit moderner Küche und internationalen Einflüssen.

Nun steht also Stuttgart auf dem Programm.

Und die Latzhosen-Jungs kommen an. Mit ihrem Charme, ihrer Fröhlichkeit und ihrer offensichtlichen Freude an dem, was sie tun, haben sie sich schnell in die Herzen vieler Weindorf-Besucher gearbeitet.

„We in Dorf“ – und ein Fuß im Stuttgarter Kessel

Dass die Jehles Aufmerksamkeit können, haben sie bereits im Juni bewiesen. Hinter dem Stuttgarter Rathaus wurde ein VW-Van scheinbar spektakulär von einem ADAC-Abschleppwagen aufgeladen. Passanten blieben stehen, fotografierten und rätselten: Panne? Falschparker?

Die Lösung war deutlich unterhaltsamer: Guerilla-Marketing für den Weindorf-Auftritt.

Auf dem Van stand „We In Dorf“. Frei übersetzt: Wir sind im Dorf.

Ein Abschlepper sorgt für Aufsehen: Dieser Abend hinter dem Rathaus hat einen Haken

Die Aktion passte perfekt zu den beiden Brüdern: ein bisschen frech, ein bisschen selbstironisch und vor allem mit dem Mut, aufzufallen.

Mit ihrer 1821-Laube haben Marcel und Pascal Jehle jetzt tatsächlich einen Fuß in den Stuttgarter Kessel gesetzt. Oder, um in ihrem Bild zu bleiben: Sie sind jetzt wirklich „We In Dorf“.

Und wer weiß: Vielleicht bleibt es nicht bei diesem einen Fuß.

Denn wenn zwei junge Gastronomen aus Tübingen mit Latzhosen, Käsespätzle-Kroketten, einem sensationell zarten Rostbraten und jeder Menge guter Laune in Stuttgart so gut ankommen, könnte irgendwann die Frage auftauchen: Wann kommt das Restaurant 1821 eigentlich dauerhaft nach Stuttgart?

Die Antwort darauf kennen nur Marcel und Pascal Jehle.

Aber eines ist schon jetzt klar: Die Latzhosen-Jungs sind auf dem 50. Stuttgarter Weindorf keine Randerscheinung, obwohl sich ihre Laube an einem noch nicht so günstigen Platz am Rande des Festes zur Planie hin befindet  Die Jehle-Brüder sind starke Newcomer mit hohen Genuss-Ansprüchen – und ziemlich coole noch dazu.

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Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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  1. Zwei Brüder, eine Zahl – und viele Erklärungen
  2. Käsespätzle im Knuspermantel
  3. 33,90 Euro – und ein Rostbraten zum Niederknien
  4. Gastro liegt in der Familie
  5. „We in Dorf“ – und ein Fuß im Stuttgarter Kessel

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