Fragen an den Aktivisten Joe Bauer
Zigtausende gehen gegen rechts auf die Straße – und trotzdem wird die AfD immer stärker. Was bringen da zwei weitere Demos am Samstag in Stuttgart? Und braucht es nicht längst andere Wege? EchtStuttgart hat darüber mit dem Aktivisten Joe Bauer gesprochen.
43,8 Prozent.
So viele Stimmen hat die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geholt. Sie ist damit mit großem Abstand stärkste Kraft geworden.
43,8 Prozent – eine Zahl, die weit über Sachsen-Anhalt hinaus Menschen alarmiert. Auch in Stuttgart.
Am Samstag gehen hier gleich bei zwei Kundgebungen Menschen gegen rechts auf die Straße. Doch nach diesem Wahlergebnis stellt sich eine ernüchternde Frage umso dringlicher: Was bringen solche Proteste eigentlich noch, wenn die AfD trotzdem immer stärker wird? Müsste man nicht längst darüber reden, was darüber hinaus zu tun ist?
EchtStuttgart hat darüber mit dem Stuttgarter Autor und Aktivisten Joe Bauer, Redner bei zahlreichen Kundgebungen, gesprochen.
Bauer organisiert selbst seit Jahren Aktionen gegen rechts. Er gehört zu den Initiatoren des Netzwerks „Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie“ und ist an den Stuttgarter PRÜF-Kundgebungen beteiligt.
Was er nach der Wahl von Sachsen Anhalt sagt, hat er auch schon davor so gesagt: „Demos allein reichen nicht.“
Das ist für den Stadtflaneur, der über seine Streifzüge durch Stuttgart seit vielen Jahren Kolumnen schreibt, allerdings kein Argument gegen den Protest auf der Straße. Entscheidend sei, ihn nicht als Selbstzweck zu verstehen.
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„Es geht nicht nur darum, zu demonstrieren“, sagt er im Gespräch mit EchtStuttgart. „Es geht auch darum, dass wir uns bei der Demo treffen und darüber sprechen, was wir sonst noch tun können.“
Darin sieht Joe Bauer eine wichtige Funktion solcher Veranstaltungen: Engagierte kommen miteinander in Kontakt, Initiativen können sich vernetzen, aus Begegnungen können gemeinsame Vorhaben entstehen.
Die Kundgebung wird so zum Ausgangspunkt für weitere politische Arbeit.
Der klassische Einwand bleibt: Auf einer Kundgebung gegen rechts stehen überwiegend diejenigen, die bereits überzeugt sind. Ein AfD-Wähler wird sich dort kaum zufällig einfinden und nach einer Rede seine Meinung ändern.
Wer über das eigene politische Milieu hinauskommen will, braucht deshalb andere Formen der Ansprache.
Bauer nennt als Beispiel das Organizing. Linke und Grüne etwa setzen auf Haustürbesuche. Sie gehen in Wohnviertel, suchen das direkte Gespräch, hören zu und versuchen, Menschen zu erreichen, die nicht von selbst zu einer politischen Veranstaltung kommen würden.
Solche Methoden dürften nicht allein Sache der Parteien bleiben, findet Bauer. Auch zivilgesellschaftliche Initiativen müssten überlegen, wie sie direkter in Stadtteilen und im Alltag präsent sein können.
Genau darum soll es bei einer Veranstaltung am 27. September, 17 Uhr, im Württembergischen Kunstverein gehen. Ihr Titel: „Was können wir – NOCH – tun gegen rechts?“
Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wollen die Beteiligten nicht bei den bekannten Diagnosen stehen bleiben, sondern nach konkreten Antworten suchen, so heißt es in der Einladung zum Kunstverein. Was lässt sich gegen eine zunehmende rechtsextreme Dominanz tun? Was funktioniert vor Ort? Wie kann demokratisches Engagement wirksamer werden?
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Dabei stellt sich auch eine unbequeme Frage: Muss, wer sich auf die Demokratie beruft, nicht auch das Ergebnis einer demokratischen Wahl und damit den Wahlsieg von Populisten akzeptieren? Selbstverständlich. Doch ein Wahlerfolg entzieht eine Partei nicht der politischen Auseinandersetzung. Entscheidend ist deshalb auch der Blick darauf, wofür die AfD programmatisch steht – und welche Folgen ihre Politik für Demokratie und Gesellschaft haben könnte.
Dabei soll der Blick auch auf die gesellschaftlichen Ursachen des Rechtsrucks gehen. „Zorn und Wut in der Bevölkerung haben Gründe“, heißt es in der Ankündigung. „Wir brauchen eine gerechtere Politik, eine bessere Demokratie.“
Diskutieren sollen unter anderem Jakob Springfeld, Aktivist und Autor aus Zwickau, Karimael Buledi von der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, der Regisseur und Aktivist Volker Lösch, Katja Sternberger vom Institut für Rechtsextremismusforschung der Universität Tübingen sowie Kerstin Müller von der Fach- und Beratungsstelle Leuchtlinie.
Auch das Publikum soll sich einmischen.
An diesem Samstag steht zunächst der öffentliche Protest im Mittelpunkt – und zwar gleich doppelt.
Um 14 Uhr beginnt im Oberen Schlossgarten auf der Wiese vor dem Schauspielhaus die sechste Stuttgarter PRÜF-Kundgebung. Sie war bereits vor der Wahl in Sachsen-Anhalt geplant. In ganz Deutschland finden solche Demos statt. Die Bürgerbewegung setzt sich dafür ein, dass „alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden sollten“. Die AfD wird dabei nicht explizit genannt.
„Das ist eine Demonstration nicht gegen etwas, sondern für etwas – für die Prüfung des Verfassungsgerichts“, sagt Joe Bauer und fährt fort: „Bei den spielerisch, künstlerisch gestalteten Prüf-Demos kommen definitiv auch Menschen, die an keinen anderen Demos gegen rRchts teilnehmen würden. So gewinnt man neue Aktive.“
Mit dabei sind am Samstag unter anderem Bestsellerautor Wolfgang Schorlau, Kabarettist Thomas Schreckenberger und die Stuttgarter Jazz- und Soulsängerin Fola Dada.
Um 16 Uhr folgt auf dem Schlossplatz „Mut statt Wut“. Das Bündnis für Demokratie und Menschenrechte Stuttgart hat die Kundgebung als Reaktion auf die Wahlergebnisse im Osten angekündigt.
Die beiden Veranstaltungen sollen ineinander übergehen: Nach dem Ende der PRÜF-Kundgebung zieht ein musikalisch begleiteter Demonstrationszug vom Schauspielhaus zum Schlossplatz.
Bleibt die Ausgangsfrage: Kann Protest auf der Straße den Aufstieg der AfD stoppen?
Für sich genommen kaum.
Eine Kundgebung löst keine sozialen Probleme. Sie schafft keine bezahlbaren Wohnungen, verbessert keine Schulen und beseitigt nicht das Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen. Sie ersetzt auch nicht die Auseinandersetzung mit den Gründen, aus denen Menschen rechtsextreme Parteien wählen.
Vielleicht sollte man von einer Demo all das aber auch nicht erwarten. Bauers Ansatz verschiebt den Maßstab: Nicht nur die Reden einer Kundgebung zählen, sondern ob aus dem gemeinsamen Protest dauerhaftes Engagement entsteht für die Verteidigung demokratischer Errungenschaften.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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