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Ansturm im SI-Centrum wie 1996

30 Jahre Spielbank Stuttgart: Große Jubiläumparty mit VIPs, Besucherschlange und Glücksrittern


Uwe Bogen 5 Min. Lesezeit News

Ein Ansturm wie zur Eröffnung 1996: Die Besucherschlange zieht sich über die gesamte Treppe bis hinunter ins Casino. Drinnen steigt eine rauschende Party im Stil der 90er-Jahre, dazu gibt’s eine exklusive VIP-Feier. Die Spielbank Stuttgart wird 30 – und feiert richtig groß. So war's bei der langen Nacht der Glücksritter.

Die Spielbank Stuttgart feiert ihren 30. Geburtstag im Stil der 90er Jahre. Vor den großen, grünen Ziffern 3 und 0 treffen sich die Partygäste. Foto: Andreas Engelhard

Das Glück, so erzählt man sich, ist eine launische Dame. Mal zeigt es sich großzügig, mal lässt es einen gnadenlos sitzen. Doch eines scheint sicher: Auch nach 30 Jahren hat es in Stuttgart nichts von seiner Anziehungskraft verloren. Zum runden Geburtstag der Spielbank im SI-Centrum drängen sich die Besucher, die Roulettekugeln rollen, die Jetons klackern. Zwischen Schampus und Spieltischen kursieren Geschichten von sagenhaften Gewinnen und schmerzhaften Verlusten. Vor allem von Letzteren.

Scherben bringen Glück, heißt es. Aber gilt das auch für einen Wasserschaden? Ausgerechnet zum 30. Geburtstag hat es die Spielbank erwischt. Am oberen Eingang müssen die Gäste durch einen schwarzen Tunnel, der die Spuren des Malheurs kaschiert

„So einen Ansturm hatten wir damals auch“, erinnert sich ein Mitarbeiter, der schon bei der Eröffnung 1996 dabei war. Damals habe sich die Schlange über die Treppen bis weit nach oben gezogen. Wer an die Spieltische im Untergeschoss wollte, brauchte vor allem eines: Geduld. Ganz Stuttgart schien damals neugierig auf das neue Casino zu sein. Drei Jahrzehnte später wiederholt sich dieses Bild.

Weshalb Erwin Teufel das Glücksspiel nicht verhindern konnte

Dabei war die Geburt der Stuttgarter Spielbank keineswegs selbstverständlich. Baden-Baden hatte sein berühmtes Casino, Konstanz ebenfalls eine Spielbank. Aber Stuttgart? Ausgerechnet in der Landeshauptstadt sollte plötzlich ganz offiziell gezockt werden?

Der damalige Ministerpräsident Erwin Teufel war kein Freund des Glücksspiels. Sein Finanzminister Gerhard Mayer-Vorfelder sah die Sache pragmatischer und trieb das Projekt voran. Schließlich versprach eine Spielbank nicht nur Unterhaltung, sondern auch erhebliche Einnahmen für die Landeskasse.

1995 wurde die gesetzliche Grundlage geschaffen. Am 1. Januar 1996 startete das Automatenspiel im SI-Centrum mit rund 250 Geräten, am 6. August folgte das klassische Spiel mit Roulette, Blackjack und Baccara.

Der Standort war ungewöhnlich. Während Baden-Baden mit historischem Kurhaus und mondäner Tradition glänzte, setzte Stuttgart auf das SI-Centrum in Möhringen. Musicals, Hotels, Restaurants und Casino unter einem Dach: Las Vegas im schwäbischen Kleinformat.

Spielbank-Chef Tobias Wald, Sandra Gräfn Bernadotte von der Mainau und unser Autor Uwe Bogen. Foto: Andreas Engelhard
Partyszene bei der jubiläumsfeier. Foto: Andreas Engelhard

2,1 Milliarden Euro für die Landeskasse

Finanziell entwickelte sich die Spielbank schnell zur Erfolgsgeschichte. Seit ihrer Eröffnung erwirtschaftete sie im Durchschnitt rund 70 Millionen Euro jährlich für den Landeshaushalt. Über drei Jahrzehnte summiert sich das also auf rund 2,1 Milliarden Euro, wie ein Vertreter der Spielbank bestätigt.

Eine stolze Summe. Dabei ist der Stuttgarter Standort zwar flächenmäßig kleiner als die traditionsreiche Spielbank in Baden-Baden, beim Umsatz aber die größere Nummer. 

Tobias Wald: Es geht um die Menschen

Geschäftsführer Tobias Wald stellt an diesem Jubiläumsabend allerdings nicht die Millionen in den Vordergrund. Über Geld spricht er in seiner Rede gar nicht. Ihm gehe es vor allem um die Menschen, betont er. Um die Besucher, die teilweise seit Jahrzehnten kommen. Und um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die den Betrieb am Laufen halten. Und um Menschen, den man helfen müsse, ihre Spielsucht zu überwinden.

Kunsthändler Frank Zimmermann, der im Werbefilm der Spielbank als Komparse mitgewirkt hat, berichtet, dass er mit dem Uber-Taxi nach Möhringen gekommen ist. Der Fahrer habe gesagt, er habe sich selbst von der Spielbank sperren lassen, um nicht wieder schwach zu werden und mit dem Spielen anzufangen.

Zum Geburtstag kehren die 90er-Jahre zurück. Live-Musik dieser Zeit sorgt für Stimmung, Erinnerungen an die Anfangszeit werden wach. Mancher dürfte sich fragen, wo diese 30 Jahre geblieben sind.

Gräfin Bernadotte und der frühere Wasenchef feiern mit

Während unten im Casino die große Geburtstagsparty läuft, lädt Wald parallel zu einem exklusiven VIP-Fest ins New Grace. Der Club soll in den kommenden Jahren zum Cavos werden. Hier treffen sich Geschäftspartner, Wegbegleiter der  Spielbank und auch die üblichen Verdächtigen aus der Stuttgarter Eventszene. Aber auch Gräfin Sandra Bernadotte ist von der Mainau angereist. Der frühere Wasenchef von  in.Stuttgart feiert ebenso mit, der kürzlich im dpa-Interview versichert hat, keine falschen Besucherzahlen vom Volksfest verbreitet zu haben.

Es wird angestoßen, geplaudert und natürlich über das Spielen gesprochen. Jeder scheint eine Geschichte zu kennen. Von einem Abend in Baden-Baden. Von einer Nacht in Las Vegas. Von einem vermeintlich todsicheren Tipp, der sich dann doch als ziemlich teuer erwiesen hat. Auffällig ist nur: Fast alle erzählen davon, wie viel sie schon verloren haben. Man könnte meinen, in einer Spielbank habe überhaupt noch nie jemand gewonnen.

Spielbank-Chef Tobias Wald bei seiner Begrüßung. Foto: Andreas Engelhard

2,50 Euro Einsatz, 270.000 Euro Gewinn

Doch natürlich gibt es auch die anderen Geschichten. Jene, die dafür sorgen, dass Menschen immer wieder ihr Glück versuchen. Eine Besucherin soll in Stuttgart einmal mit einem Einsatz von gerade 2,50 Euro den Jackpot geknackt und sagenhafte 270.000 Euro gewonnen haben.

Solche Geschichten sind der Treibstoff des Glücksspiels. Sie nähren die Hoffnung, dass ausgerechnet heute, ausgerechnet hier, ausgerechnet bei einem selbst das Unwahrscheinliche wahr werden könnte. Dabei ist das Prinzip des Casinos so einfach wie unerbittlich: Einzelne können viel gewinnen. Auf Dauer verdient die Bank. Sonst gäbe es sie nicht seit 30 Jahren.

Mein peinlicher Auftritt am Roulettetisch 

Wer an diesem Abend durchs Casino im Untergeschoss schlendert, sieht vor allem ältere Gäste. Jüngere Besucher sind eher in der Minderheit. Auffällig international ist das Publikum, darunter viele Asiaten. Auch ich lasse mich an diesem Abend dazu hinreißen, nach vielen Jahren einmal wieder selbst zu spielen. Allerdings ganz vorsichtig. Große Einsätze sind meine Sache nicht. Also besorge ich mir ein paar Jetons im Wert von jeweils zwei Euro und nähere mich dem Roulettetisch.

Schwarz oder Rot? Das ist hier die Frage.

Ich entscheide mich für Schwarz. Ein klassischer Einsatz auf eine der beiden Farben. Was soll schon schiefgehen? Eine ganze Menge, wie sich Sekunden später herausstellt. Ich lege drei  Zwei-Euro-Jetons auf das schwarze Feld. Und blamiere mich prompt. Denn für diese einfache Chance gilt an diesem Tisch ein Mindesteinsatz von zehn Euro.  Ich komme mir vor wie ein Fahrschüler, der den Rückwärtsgang nicht findet. 

2030 wird die Konzession neu ausgeschrieben. Die bisherigen Betreiber wollen erneut ins Rennen gehen. Bis dahin gibt es noch einiges zu tun: Im nächsten Jahr zieht das Restaurant, bisher unter der Regie der Schräglage, vom Untergeschoss nach oben – und macht Platz für neue Spielmöglichkeiten. Oben wiederum will der Partygrieche Cavos, der nach 15 Jahren der City den Rücken kehrt, feiern, bis die Servietten fliegen. Erweitert wird dazu noch das Automatenspiel – noch mehr Geld für Finanzminister Danyal Bayaz, der bei der Jubiläumsfeier nicht dabei ist.

An Bewegung mangelt es also nicht. Ob all die Pläne aufgehen, wird sich zeigen. Denn das Glück lässt sich bekanntlich nicht berechnen. Sonst wären wir alle reich und die Spielbank längst pleite. Immerhin hat sie zu ihrem 30. Geburtstag bewiesen, dass hier nicht nur das Geld fließen kann. Sondern auch das Wasser.

Promifotograf Christof Sage und unser Autor Uwe Bogen. Foto: Andreas Engelhard
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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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