Cannstatter Volksfest vor dem Start
Schöne neue Wasenwelt? Beim Diskowirt im Benz-Zelt sieht’s aus wie im Designkatalog. Mit hohem Aufwand wollen bekannte Partymacher der Stadt das Volksfest erobern – der Wasenwirt aber widersetzt sich dem Clubtrend. Stehen Raucher vor ihrer letzten Qualmsaison? EchtStuttgart begleitet das Fest mit einem großen Extra.
Noch stehen Leitern herum. Handwerker tragen Material durch die Zelte, Elektriker ziehen Kabel, Schreiner arbeiten an Einbauten, Dekorationen werden montiert. Überall wird geschraubt, gebohrt, gehämmert und geputzt.
Wer eine Woche vor dem Start über den Cannstatter Wasen geht, erlebt einen faszinierenden Zwischenzustand: Das Volksfest ist noch Baustelle – und gleichzeitig schon fast da. Die Vorfreude ist zu spüren.
Am Freitag, 25. September, beginnt das Cannstatter Volksfest. Fassanstich von OB Frank Nopper ist um 16 Uhr in der Schwabenwelt. Doch schon der Aufbau zeigt, welche Dimension dieses Fest für die Wirtschaftskraft von Stuttgart und der Region besitzt.
Und diese kleine Stadt verändert sich. Bierzelt, Partyhits, Göckele und Maß bleiben das Fundament. Doch daneben hat sich eine zweite Wasen-Welt entwickelt: Weinbars, Lounges und vor allem Clubs.
Der vielleicht auffälligste Neuzugang in diesem Jahr heißt Diskowirt.
Cannstatter Wasen
Im Hofbräu-Zelt Beim Benz von Marcel Benz entsteht ein neuer Clubbereich, hinter dem der Stuttgarter Gastronom Denis Gugac steht. Betriebsleiter ist Mathis Sontheimer. Wer die Bilder des neuen Interieurs sieht, könnte kaum darauf kommen, dass wir uns hier uns hier mitten auf einem Volksfest befinden
Rote Signalfarben, schräge Schriften und Symbole an den Wänden, moderne Stehtische, viel Creme und ungewohnte Formen unter der Diskokugel: Für die räumliche Gestaltung zeichnet Architekt Cyrus Ghanai verantwortlich, die Markenwelt stammt von der Stuttgarter Agentur Hochburg. Hier soll zusammenkommen, was auf den ersten Blick kaum zusammenpasst: Volksfesttradition und Clubkultur, Schlager und House, Maßkrug und Designwelt.
Für Denis Gugac ist der Diskowirt nicht der erste Ausflug auf den Wasen. Er betreibt weiterhin die Schatzi-Bar im Festzelt von Sonja Merz, die in diesem Jahr bereits ihren zehnten Geburtstag feiert.
Auch dort zeigt sich ein Trend, der inzwischen überall auf dem Volksfest zu beobachten ist: Die Zelte und Clubs holen bekannte Partymacher aus Stuttgart auf den Wasen – und damit deren Publikum.
In der Schatzi-Bar gehört beispielsweise Steffen Eiffert mit seiner La-Boum-Party dazu.
Gleich nebenan setzt die Spitzbubenbar von Tim Berkemer auf einen deutlich frecheren Auftritt. In Instagram-Videos fragt eine Dirndl-Trägerin passend zum Namen: „Na, seid ihr schon spitz?“ Die kurzen Filme in Social Media werden immer wichtiger. Auch das fällt in diesem Jahr auf: Etliche Festwirte treten persönlich vor die Kamera.
Je mehr Clubs, die übrigens eine Stunde länger machen dürfen als der Rest des Zelts, den Wasen erobern, desto mehr erhebt sich aber auch Protest. Traditionalisten geloben bereits: In diese Wasenwelt 2.0 setzen sie keinen Fuß. Champagner statt bezahlbarem Bier, Club statt Bierzelt – mit dem ursprünglichen Volksfest habe das nichts mehr zu tun, lautet die Kritik. Doch der Wasen war immer auch ein Spiegel der Stadt. Und Stuttgart ist vielfältiger geworden – warum sollte ausgerechnet sein größtes Fest stehen bleiben?
Auch im Dinkelacker-Zelt der Familie Weller gibt es einen Wechsel. Aus der bisherigen TA OS Lodge wird die Brunner Lodge.
Mit der Familie Brunner übernimmt eine echte Stuttgarter Gastro-Institution die Weinbar. Die bisherige Gastgeberin Martina Böhringer, die die TA OS Lodge über Jahre geprägt hat, verschwindet dabei nicht vom Wasen. Sie wird beim Aufbau, bei Veranstaltungen und an Wochenenden weiterhin dabei sein und sich auch um Stammgäste kümmern.
Auch hier kommt das Stuttgarter Nachtleben ins Festzelt: DJ Uwe Sontheimer übernimmt montags mit „Zruck zum Groove“ einen jener Abende, an denen es traditionell schwieriger ist, die Zelte und Bars zu füllen.Er legt im Dinkelacker-Zelt auf.
Jakob Transier, der mit seiner Frau Ayleen Brunner und Birgit Grupp, die neue Brunner Lodge betreibt, hat EchtStuttgart gezeigt, was geplant ist: Besondere Weine wird es geben, auch in besonderen Größe, aber weniger Show wie früher. Die Eisdusche aus dem oberen Stock runter auf die Flasche gehört nun den Vergangenheit an.
Und auch die Almhütte Royal setzt auf bekannte Namen aus der Stadt: 0711 Entertainment kommt in den Club Royal 1850. Das Prinzip zieht sich inzwischen durch den Wasen: Wer in Stuttgart bereits ein Publikum hat, soll dieses Publikum mit auf den Wasen bringen. Und wenn die Wasenclubs trotz verlängerter Öffnungszeiten um Mitternacht beziehungsweise 1 Uhr schließen, muss die nächste Station noch lange nicht die eigene Wohnung sein. Shuttle-Services bringen Feiernde weiter – etwa zum neuen House-Club The Park auf dem Killesberg. So verlängert sich die Wasennacht einfach in der Stadt.
Wie weit die Differenzierung geht, zeigt auch die Schwabenwelt von Michael Wilhelmer. Mit rund 6500 Plätzen ist sie nach Angaben des Veranstalters das größte Festzelt auf dem Cannstatter Wasen.
Unter einem Dach gibt es dort gleich mehrere unterschiedliche Barwelten: die Alm Bar, die Amici Bar in der VIP-/Equipe-Box mit Schwerpunkt Champagner, die Ampulle Gin & Bier Bar hinter der König-Wilhelm-Loge, die Hasenbar als Partybar mit Drinks und Shots sowie die Laurent-Perrier-Bar für Champagner.
Das klassische Festzelt wird damit immer mehr zur eigenen Ausgehwelt.
Doch ausgerechnet einer der erfolgreichen Wasenwirte macht den Club-Trend bisher nicht mit. Beim Wasenwirt bleibt das Zelt selbst der Club.
„Bei uns läuft’s! Der Zeltaufbau steht, und wir sind gut in der Zeit“, sagt Betriebsleiter Michael Schmiedt auf Anfrage von EchtStuttgart. In diesem Jahr habe man beim Aufbau etwas mehr Personal eingesetzt: „Das macht sich natürlich bemerkbar.“
Einen eigenen Clubbereich plant der Wasenwirt derzeit nicht. Der Grund ist bemerkenswert einfach.
„Gott sei Dank gibt es bei uns im Zelt aktuell keine Bereiche, die sich nicht rechnen“, sagt Schmiedt. Ganz ausschließen möchte er ein entsprechendes Konzept für die Zukunft allerdings nicht. „Das heißt aber nicht, dass wir uns für die Zukunft nicht auch etwas Ähnliches vorstellen könnten. Im Moment ist das allerdings kein Thema.“
Statt eines separaten Clubs setzt der Wasenwirt auf das, was dort seit Jahren funktioniert: das gesamte Zelt als Partyzone. Am Donnerstag, 8. Oktober, steigt wieder das Gaydelight, DJ Robin ist ebenfalls zurück. Schmiedt formuliert es so: „Bei uns kommen die Leute auch ohne eigenen Club in den Partywahnsinn!“
Und noch eine Nachricht dürfte Stammgäste interessieren: Beim Wasenwirt bleibt die Maß unter der 15-Euro-Grenze. 14,80 Euro kostet sie in diesem Jahr. Dies schafft sonst nur noch Fürstenberger. In allen anderen Zelten kostet die Maß über 15 bis knapp 16 Euro.
„Wir freuen uns auf den Start“, sagt Schmiedt.
Während aufgebaut wird und die Vorfreude steigt, schwelt allerdings ein Konflikt, der weit über diese Saison hinausreichen könnte.
Denn 2026 könnte möglicherweise das letzte Cannstatter Volksfest sein, bei denen in den Festzelten noch in der bisherigen Form geraucht werden darf.
Elf Bürgerinnen und Bürger haben Verfassungsbeschwerde beim Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg eingelegt. Sie wenden sich gegen die Ausnahme für Bier-, Wein- und Festzelte im neuen Landesnichtraucherschutzgesetz. Unter den Beschwerdeführern befindet sich auch ein Musiker, der in einem Festzelt arbeitet.
Das 179. Volksfest könnte historisch werden: Die letzte Saison mit Kippe im Bierzelt?
Das sorgt für eine bemerkenswerte Situation: Während das Land den Nichtraucherschutz verschärft und Rauchen unter anderem selbst an bestimmten Orten im Freien einschränkt, darf in geschlossenen Festzelten weiterhin geraucht werden.
EchtStuttgart wollte deshalb vom für Gesundheit zuständigen Sozialministerium wissen, ob die Landesregierung bei den Festzelten letztlich vor der starken Lobby der Gastronomie eingeknickt sei.
Die Antwort von Pressesprecher Markus Jox:
„Aus Sicht des Gesundheitsministeriums wären auch weitergehende Regelungen zum Nichtraucherschutz vorstellbar gewesen. Im Ergebnis haben die Mitglieder des Landtags die Regelungen beschlossen, auf die sich die Regierungskoalition hatte verständigen können.“
Damit macht das Ministerium zumindest deutlich: Aus gesundheitspolitischer Sicht wären strengere Regeln auch für Festzelte vorstellbar gewesen. Politisch durchgesetzt wurden sie nicht.
Nun beschäftigt die Ausnahme den Verfassungsgerichtshof.
Aber zunächst wird weiter aufgebaut. Noch riecht es an vielen Stellen eher nach Holz, Kabeln und frischer Farbe als nach Göckele und Bier. Noch laufen Handwerker dort herum, wo bald Menschen in Dirndl und Lederhose auf den Bänken stehen.
Gerade diese Woche vor dem Start zeigt, was das Volksfest inzwischen alles gleichzeitig ist: schwäbische Tradition und riesige Wirtschaftsmaschine, Familienfest und Partymeile, Bierbank und Weinbar, Ballermann und Housebeat.
Am Freitag fällt der Startschuss. Dann verschwinden Werkzeugkisten und Leitern – und Dirndl- und Lederhosenträger übernehmen den Wasen.
Ist das eigentlich nicht ein bisschen wie Fasching, wenn sich plötzlich halb Stuttgart in Tracht wirft?
Carsten Weller, Neu-Wirt im Dinkelacker-Zelt, sieht das ganz anders: „Nein, man zieht die Lederhose an und ist gut angezogen. Das macht Spaß.“
EchtStuttgart ist bis zum 11. Oktober mittendrin: Verfolgt unser großes Volksfest-Extra mit aktueller Berichterstattung, viel Service, den Höhepunkten vom Wasen, unnützem Wissen – und vor allem mit ganz viel Spaß.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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