Kommentar
Raucherinnen und Raucher, genießt dieses Volksfest! Es könnte eure letzte Runde mit Kippe im Zelt werden. Elf Bürgerinnen und Bürger klagen gegen den Cannstatter Sonderweg. Die Verfassungsrichter könnten ihn nächstes Jahr streichen. Nichtraucher Uwe Bogen würde das gut finden. Was bedeutet qualmfrei für den Wasen?
Es könnte ein historisches Volksfest werden. Nicht, weil ein neuer Besucherrekord aufgestellt wird oder die Maß noch teurer wird. Sondern weil 2026 womöglich das letzte Jahr ist, in dem im Cannstatter Festzelt noch ganz legal die Zigarette angezündet werden darf.
Also, liebe Raucherinnen und Raucher: Genießt es. Vielleicht ist es eure Abschiedsrunde.
Elf Bürgerinnen und Bürger haben Verfassungsbeschwerde gegen die Ausnahme für Bier-, Wein- und Festzelte im baden-württembergischen Nichtraucherschutz eingelegt. Für das 179. Cannstatter Volksfest kommt die Klage zu spät. Vor dem Start auf dem Wasen am 25. September ist nicht mehr mit einer Entscheidung zu rechnen. Aber bis zum nächsten Jahr könnten die Richter des Verfassungsgerichtshofs Baden-Württemberg dem Qualm im Zelt ein Ende setzen. Es sieht ganz danach aus in Zeiten, in denen man selbst draußen an Bushaltestellen oder in der Wilhelma im Freien nicht mehr rauchen darf.
Denn Baden-Württemberg hat seinen Nichtraucherschutz zuletzt kräftig verschärft. Kinder sollen selbst in Außenbereichen von Zoos und Freizeitparks vor Tabakrauch geschützt werden. Aber im rappelvollen Festzelt, wo Tausende Menschen dicht an dicht sitzen, essen, trinken, feiern und arbeiten?
Da darf weiter geraucht werden.
Das muss man erst einmal erklären können.
Die Landesregierung greift beim Nichtraucherschutz an vielen Stellen hart durch, hat bei den Festzelten aber eine Ausnahme bestehen lassen, für die sich die Wirte vehement eingesetzt hatten. Der Verdacht liegt nahe: Wo das wirtschaftlich mächtige Festzelt beginnt, endet der politische Mut. Man könnte es auch so formulieren: Grün-Schwarz ist vor der Lobby der Wirte eingeknickt. Genau so etwas fordert Verfassungsrichterinnen und -richter heraus.
Dabei müsste Bad Cannstatt nur einmal 200 Kilometer nach Südosten schauen. Auf dem Münchner Oktoberfest sind die Festzelte seit 2010 rauchfrei. Die Wiesn ist daran erstaunlicherweise nicht zugrunde gegangen. Die Zelte sind voll, die Maß fließt, die Bands spielen – und die Wirte machen ihre Geschäfte.
Das Rauchverbot hat die Gäste nicht vertrieben. Warum sollte das ausgerechnet auf dem Cannstatter Wasen anders sein?
Auch die Cannstatter Wirte werden in rauchfreien Zelten gute Umsätze machen. Niemand wird auf Vesperbrett, Maß und Bierzeltabend verzichten, nur weil für die Zigarette ein paar Schritte vor die Tür nötig sind. Vom Diskowirt bis zur Spitzbubenbar – immer mehr Clubs gibt’s auf dem Wasen. Deren Gäste sind es von den Innenstadt-Locations gewohnt, nach außen zu treten. Da schimpft längst niemand mehr.
Haben wir zu viel Verbote im Land? Qualmfrei im Festzelt wäre nur eine Anpassung an bestehende Regelungen. Gleiches Recht für alle! Gut, als Nichtraucher bin ich befangen.
Besonders interessant ist, dass zu den Klägern ein Musiker gehört, der in Festzelten auftritt. Ein Besucher kann immerhin sagen: Ist es mir zu verraucht, gehe ich nach Hause. Wer dort arbeitet, hat diese Freiheit nicht. Kann ich verstehen, dass er nun auf körperliche Unversehrtheit beharrt.
Und ja: Als Nichtraucher würde ich mich freuen, wenn endlich Schluss damit wäre. Ich möchte im Festzelt Kässpätzle essen können, ohne dass mir der Tischnachbar zum Nachtisch eine Ladung Zigarettenrauch serviert.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch: Es ist schon viel besser geworden.
Wer früher einen langen Volksfestabend hinter sich hatte, konnte seine Kleidung anschließend praktisch als Räucherschinken in den Schrank hängen. Jacke, Hemd, Haare – alles roch nach Zigaretten. Und zwar nicht nur am Abend, sondern gefühlt noch Tage später.
Das ist heute längst nicht mehr so extrem. Die Belüftung in den Zelten ist besser geworden. Und subjektiv scheint auch die Zahl der Raucher deutlich zurückzugehen. Der alte Kulturkampf zwischen Rauchern und Nichtrauchern hat obendrein viel von seiner Schärfe verloren. Ich sage im Festzelt nichts, wenn mein Nachbar die Zigarette anzündet. Bin schließlich tolerant. Aber insgeheim freue ich mich, wenn das künftig verboten ist.
Gerade deshalb wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für den letzten Schritt.
Ein Rauchverbot im Festzelt ist kein Angriff auf Raucher und schon gar keiner auf das Volksfest. Wer rauchen möchte, kann das weiterhin tun – nur eben draußen. Drinnen hätten Kinder, Nichtraucher und vor allem die Beschäftigten endlich denselben Schutz, den Baden-Württemberg an immer mehr anderen Orten längst für selbstverständlich hält.
Für 2026 bleibt alles beim Alten. Danach könnten die Verfassungsrichter die Cannstatter Sonderregelung kippen.
Vielleicht werden wir uns dann schon bald wundern, warum wir übers Rauchen im Festzelt überhaupt so lange diskutiert haben. Zur Maß gehört der Schaum. Zum Festzelt gehören Hits wie „An Tagen wie diesen“ – aber für mich keine brennende Zigaretten und volle Aschenbecher. Dies sagt einer, der bis vor 20 Jahren noch selbst geraucht hat und heute froh ist, dies nicht mehr zu tun. Das Aufhören ist gar nicht so schwer, wie ich zunächst dachte.
Liebe Raucherinnen und Raucher, nutzt diese Saison also noch mal. Und sollte künftig zum Qualmen der Gang vor die Zelttür fällig sein: Ich komme mit. Schließlich soll niemand alleine draußen stehen müssen.
So tolerant bin ich. Versprochen!
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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