Uwe Bogen
Stuttgart-Album zum Frühlingsfest
How Stuttgart Got the Biggest Spring Party in the World
19. April 2026
Es heißt Cannstatter Volksfest, aber Stuttgarter Frühlingsfest – obwohl beides auf dem Wasen gefeiert wird. Die Geschichte erklärt den Unterschied. Stuttgart besitzt Europas größtes Frühlingsfest, hieß es bisher. Der neue in.Stuttgart-Chef erhöht auf „DAS GRÖSSTE DER WELT“. Mit über 200.000 Besuchern am ersten Wochenende gelingt ein Traumstart.
Schwäbisches Understatement? Ach, all diese blöde Bescheidenheit wollen wir in den nächsten drei Wochen mal besser vergessen. Guido von Vacano, der neue Chef der städtischen Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart, gibt die neue Richtung vor – also in Richtung Super-super-superlative.
Bisher hieß es immer, das Stuttgarter Frühlingsfest sei daa größte in Europa – doch nun ist es The Biggest Springparty in the World! Von Vacano hat die Weltklasse vom Wasen voller Stolz verkündet. Doch kann er sich da so sicher sein? Ist es nicht gar das größte Frühlingsfest des gesamten Universums?
Der schwäbische Diminutiv pausiert jetzt mal
Schwaben haben sich bisher gern klein gemacht und bei allem ein le drangehängt. Spätzle, Maultäschle, Festle, Schätzle. Zeltle. Wir haben uns viel zu lang kleiner gemacht als wir sind. Bravo, Herr von Vacano! Geben Sie uns bittebitte immer noch mehr Selbstbewusstsein! Welt, wir kommen! Denn unsere Riesenräder drehen sich!
Seit dem Zwei-Schläge-Fassanstich von „Wasen-Bürgermeister“ Thomas Fuhrmann zeigt sich: Die Zelte beim Stuttgarter Frühlingsfest sind voll (jedenfalls am ersten Samstagabend), die Stimmung ist bestens, die Musik laut und das Publikum wirkt auffallend jung.
Über 200.000 Besucher sind am ersten Wochenende bei schönstem Wetter gekommen – eine Zahl, die man sonst beim Cannstatter Volksfest im Herbst hat. Guido von Vacano freut sich über den gelungenen Start: „Ich bin begeistert, wie viele unterschiedliche Menschen es auf das Frühlingsfest zieht und wie fröhlich alle zusammen feiern.:
Warum Cannstatter Volksfest, aber Stuttgarter Frühlingfest? Die Wurzeln des Rummels am Neckarstrand reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück: 1818 rief König Wilhelm I. von Württemberg das Cannstatter Volksfest ins Leben. Nach Hungerjahren sollte das Volk gemeinsam feiern – ein Fest der Erneuerung, das sich fest im Stadtleben verankerte.
Das Frühlingsfest hingegen entstand später und ist weniger eindeutig dokumentiert. Als Vorläufer gilt ein Pferde- und Hundemarkt, der 1914 erstmals im Frühjahr auf dem Wasen stattfand. In einer Zeit des Umbruchs zwischen Pferdekraft und Motorisierung war er Treffpunkt, Umschlagplatz und Volksbelustigung zugleich.
In den 1930er-Jahren entwickelte sich daraus schrittweise ein eigenes Frühlingsfest. Die Idee: Nach den Wintermonaten sollten Schausteller früher im Jahr wieder Einnahmen erzielen können. So wurde der Wasen auch im Frühjahr zur Festfläche – zunächst noch ohne klaren Gründungsakt, eher organisch gewachsen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Fest neu belebt und zunehmend institutionalisiert. Auch die Zählung der Ausgaben wurde später per Verwaltungsentscheid festgelegt – historische Genauigkeit ist daher nur bedingt möglich.
In den 1950er-Jahren folgten Diskussionen um Standplätze, Anerkennung und die Rolle einzelner Festwirte. Namen wie Willi Stamer oder Walter Weitmann stehen für eine Phase, in der das Frühlingsfest nicht nur Volksfest, sondern auch Bühne lokaler Machtfragen war.
Die doppelte Namensgebung blieb dabei bestehen – und ist bis heute erklärungsbedürftig. Während das Volksfest historisch mit dem Stadtteil Cannstatt verbunden ist, wurde das Frühlingsfest bewusst als „Stuttgarter“ Fest benannt, da es zu einer Zeit entstand, als die Eingemeindung längst vollzogen war. Ein Verwaltungsentscheid mit Wirkung bis heute – und damals durchaus umstritten. Es soll noch heute Cannstatter geben, die niemals auf ein Frühlingsfest gehen wollen, das Stuttgart heißt. Aber jetzt sind wir alle Weltklasse! Da können auch die Cannstatter stolz darauf sein!
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