Uwe Bogen
Kolumne Stadtleben
So war die Brewery Session: Zwei Tage Tanzen statt Tanken
2. Mai 2026
„Bier jetzt billiger als Benzin. Fahr nicht fort, sauf im Ort“ – der Spruch an der Dinkelacker-Gaststätte wird drinnen auf dem Brauereihof Realität. Dort geben die DJs Vollgas. Und die Brewery Session macht aus zwei Tagen ein Heimspiel für alle, die lieber tanzen als tanken.
Sonst diskutiert die Stadt vor allem über die Bierpreise auf dem Wasen und die Frage, ob sie beim momentanen Frühlingsfest nicht schon wieder zu hoch geraten sind. Dieses Mal aber verschiebt sich der Blick: Auf die Preissäulen der Tankstellen wird eher geschaut als im Bierzelt gerechnet.
Und genau deshalb trifft der Spruch an der Dinkelacker-Gaststätte einen Nerv der Passanten – dass Bier billiger sei als Benzin und man deshalb besser daheim bleibe, statt wegzufahren.
Stuttgart ist nicht verreist
Wer an diesem verlängerten Maiwochenende die Tübinger Straße entlangläuft, merkt schnell: Stuttgart ist nicht verreist. Dichter Betrieb herrscht vom Marienplatz bis zur Paulinenbrücke – vollbesetzte Außenbereiche, Stimmengewirr, Musik aus allen Richtungen, Leichtigkeit wie im Urlaub Die Stadt bleibt im eigenen Rhythmus – und sie liebt es, wie man am Samstagabend spüren kann.
Mittendrin: das Gelände von Dinkelacker. Wo sonst Logistik und Malzlieferungen den Alltag bestimmen, verwandelt sich der Hof in einen temporären Open-Air-Club. Die Brewery Session des Str.711 Kollektivs macht die 1888 von Carl Dinkelacker gegründete Brauerei für zwei Tage zum Ravertreff zwischen Industriehistorie und Sommerglück. Dieses Format hat schon zweimal voll eingeschlagen und scheint immer noch besser zu werden. Die Bühne ist diesmal deutlich größer und die Stimmung noch eine Spur wilder.
HIER KLICKEN ZUM VIDEO VON DER BREWERY SESSION:
Das Str.711 Kollektiv ist dafür bekannt, ungewöhnliche Orte in Musikräume zu verwandeln. Am Mai-Feier-Freitag kommen etwa 800 Gäste, am Samstag etwa 1200. Schon am Nachmittag füllt sich der Hof, später wird daraus eine dicht pulsierende Fläche aus Klang, Licht und Bewegung. Um 22 Uhr muss Schluss sein – mit Rücksicht auf die Anwohner, denn man will ja wiederkommen. Aber genau dies entspricht dem Day-Trend: Lieber früher zum Feiern losziehen und dann nicht erst am früheren Morgen völlig fertig daheim sein..
Das Line-up überzeugt
Musikalisch setzt das Kollektiv in diesem Jahr auf internationale Klasse: Mit dabei ist EDE, ein Ausnahmekünstler aus dem Umfeld von Innervisions. Sein Weg begann mit einem prägenden Moment auf der Tanzfläche, der ihn nach Berlin führte – heute steht er für eine Klangsprache, die tief berührt und die Crowd mit positiver Energie trägt.
Aus Köln ist Jonathan Kaspar angreist – Resident im Gewölbe-Club und feste Größe der Szene mit Releases auf Kompakt, Innervisions und Cocoon sowie Remixen für Größen wie Acid Pauli, John Digweed und Sven Väth.
Abgerundet wird das Line-up von den Kollektiv-DJs ELIANO und SUNNY, die den Hof über den Tag hinweg konstant in Bewegung halten.
Mitten im Geschehen: Brauereichef Christian Dinkelacker, ein Kind der 60er und dem Neuen aufgeschlossen – ein klares Zeichen in einer Branche, die unter Druck steht. Sinkende Absätze, steigende Kosten und strukturelle Veränderungen prägen derzeit viele Betriebe.
Beim Raven soll es sich herumsprechen: Bier ist cool
Gerade deshalb wirkt das Event wie ein bewusst gesetzter Kontrapunkt. Die Familienbrauerei zeigt ihr Gelände nicht nur als Produktionsort, sondern als offenen Kulturraum. Und den überwiegend jungen Ravern – es sind aber auch zahlreiche Ältere dabei, wie man das sonst bei Techno-Partys eher selten erlebt – will man zeigen: Bier ist cool.
Und dieser Abend zeigt auf der gesamten Tübinger Straße: Stuttgart muss nicht wegfahren, um etwas zu erleben. Es passiert längst hier. Und die hohen Benzinpreise jucken dann eh nicht.
AKTUELLES
Nach Insolvenz: So wird die Rückkehr der Stuttgarter Weihnachtspyramide möglich
Nach der Insolvenz der bisherigen Betreiberin war die Zukunft der 26,5 Meter hohen Weihnachtspyramide ungewiss. Nun steht fest: Sie kehrt zurück – obwohl der neue Betreiber nicht am regulären Bewerbungsverfahren teilnahm. Möglich macht das eine Sonderregel, wie in.Stuttgart auf Anfrage von EchtStuttgart erklärt.
Stuttgart verliert eine Legende: Vegi Voodoo King schließt nach 31 Jahren
Stuttgarter Vegi-Fans trauern: Eine Kult-Adresse verschwindet. Nach 31 Jahren schließt das legendäre Vegi Voodoo King Mitte November für immer. Generationen von Stuttgartern haben hier ihre Falafel gegessen, ihre Lieblingssoße entdeckt. Jetzt heißt es Abschied nehmen von einem Ort, der für viele ein Stück Heimat ist.
Stuttgart, wie es wirklich ist: Fotograf Andreas Engelhard zeigt seine Stadt „Ungestellt“
Stuttgart verändert sich ständig. Der Fotograf Andreas Engelhard hält diese Veränderungen fest und macht sie auf seiner selbst entwickelten Web-App „Stuttgart Ungestellt“ erlebbar – für alle, die Stuttgart lieben und wissen möchten, wie sich ihre Stadt entwickelt.
Cannstatter Volksfestumzug: Tierrechtler starten eigene Petition
Die Diskussion um Tiere beim Cannstatter Volksfestumzug nimmt weiter Fahrt auf. Nach dem Volksfestverein sammelt nun auch der Verein Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg Unterschriften. Er fordert einen Umzug ohne lebende Tiere vom nächsten Jahr an.
