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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosHommage an eine Clublegende
Hier haben sich Menschen verliebt, getrennt, wiedergefunden. Seit 1996 tanzt Stuttgart im Climax bis morgens um acht. Zum 30. erzählen DJs, Barleute und Gäste ihre Geschichten.
Oktober 2016, das Climax feiert seinen 20. Geburtstag. Es ist voll, es ist laut, irgendwo zwischen Tanzfläche und Bar tritt mir jemand mit voller Wucht auf die Füße. Auf meine viel zu großen Füße, die man in so einem Gedränge kaum verfehlen kann. Er entschuldigt sich, ich lache, wir kommen ins Reden. Aus diesem Tritt wurden Jahre. Er wurde mein Partner.
In diesem Jahr ist unsere Beziehung zu Ende gegangen. Das tut weh, und es gehört auch zu dieser Geschichte. Denn wenn ich jetzt die Treppe an der Calwer Straße hinuntergehe, ist da beides: der Abend, an dem alles anfing, und das Wissen, dass nichts bleibt, wie es war. Nur das Climax. Das ist immer noch da.
Ich bin mit dieser Geschichte nicht allein. Seit 30 Jahren verlieben sich Menschen in diesem Keller, sie trennen sich, finden Freunde fürs Leben, feiern ihre schönsten und ihre traurigsten Nächte. Diese Woche wird das Climax 30 Jahre alt.
Zum Geburtstag wollte ich die Geschichte dieses Clubs nicht allein erzählen. Ich habe die Menschen gefragt, die ihn ausmachen: DJs, die hier aufgelegt haben, Leute, die hinter der Bar standen, und Gäste, die hier ihre Nächte verbracht haben. Alle haben dieselben drei Fragen bekommen.
Am Anfang steht ein Mann allein mit einem Risiko. Michael Gottschalk unterschreibt den Vertrag für das erste Climax in einer Brauereigaststätte, und ihm ist mulmig dabei. Reiche Eltern oder finanzkräftige Freunde hat er nicht, seine Mutter ist wenige Jahre zuvor gestorben. Bis 2004 trägt er das finanzielle Risiko allein. Mehr als einmal steht ihm das Wasser bis zum Hals.
Im Oktober 1996 öffnet das Climax an der Friedrichstraße, im selben Haus wie der legendäre Imbiss ZumZum. Den genauen Tag weiß heute niemand mehr, deshalb feiert der Club bis heute den ganzen Oktober. Die ersten Jahre sind wild, chaotisch und improvisiert. Die Glühbirnen gehen dauernd kaputt, aus dem Imbiss nebenan krabbeln Kakerlaken herüber, und der Laden hat Ecken und Winkel, in denen man sich verlieren kann. Gottschalk sagt später, er sei dankbar für diese Zeit gewesen und froh, als sie vorbei war.
Und trotzdem passiert hier etwas. House-Nächte wie die „Perfect Lovers“ von Uwe Reiser wechseln sich mit Techno und Drum ’n’ Bass ab, bei der Reihe „Free Flow“ spielen 4Hero und Photek, Ricardo Villalobos steht früh hinter den Plattenspielern. An der Tür steht Steffen Krstinic. Wer dabei war, erzählt von diesen Nächten bis heute.
Welche Nacht im Climax wirst du nie vergessen – und was ist da passiert?
Unvergessen ist meine erste Fetischparty, damals noch im alten Climax. So etwas hatte ich vorher nie gesehen, und als 18-Jährigen hat mich natürlich beeindruckt, was die Leute da so treiben. Mitgemacht habe ich nicht, aber es war spannend, und alle waren super nett. Das hat bei mir ein paar Vorurteile gesprengt. Seitdem ist das für mich ganz easy, und ich finde diese Leute einfach toll.
Meine tollsten Climax-Nächte habe ich noch im ersten Climax in der Friedrichstraße erlebt. Das liegt vielleicht daran, dass ich die Räume des heutigen Clubs als ehemaliger Mitarbeiter des Red Dog schon bis in die letzte Ecke kannte und die Friedrichstraße damals einfach etwas Neues war. Aber natürlich gab es auch in der Calwer Straße unvergessliche Nächte, für mich als schwulen Mann vor allem von Samstag auf Sonntag nach dem KC. Was da so passiert ist, verrate ich jetzt lieber nicht.
Eine meiner ersten Nächte, 2007 oder 2008: Gays, Drags, verrückte Partyleute jeden Alters und ein gänzlich nackter, nicht mehr ganz junger Herr auf dem Barhocker. Ein Partygefühl und ein Sound wie in den besten Neunzigern.
Es gab nicht die eine Nacht, es gab diesen einen Moment, der sich immer wieder angefühlt hat wie das erste Mal: Morgens um acht geht das Licht an, der Laden ist immer noch brechend voll, und statt Richtung Ausgang zu gehen, wird noch heftiger getanzt. Die Stimmung kocht, keiner will raus, und als der letzte Track ausläuft, gibt es Applaus. In solchen Momenten wusste ich: Diese Nacht hat uns allen gehört, mir hinterm Pult und den Leuten davor. Diese kollektive Energie nach einem langen Set vergisst man nie.
Dezember 2009: Die älteste Aufnahme aus dem Climax, die wir auf SoundCloud finden konnten. Simon Li spielt ein Live-Set, komplett selbst geschrieben und produziert.
Liveact auf SoundCloud öffnen →
11. April 2014: Domenico Mazza und David Rentz bei „Swabia Electronica“, knapp drei Stunden am Stück. Rentz steht übrigens auch beim Jubiläum wieder hinter den Decks, am Freitag bei den „House Classics“.
Dann kommt die Kündigung, völlig unvorbereitet. Der ganze Block an der Friedrichstraße soll abgerissen werden. Gottschalk muss unterschreiben, dass er geht, „sobald der Bagger kommt“. So kann er wenigstens jede Nacht bis zum Schluss nutzen. Danach folgen Zwischenstationen und die bange Frage, ob es überhaupt weitergeht.
Es geht weiter. 2004 zieht das Climax in einen Keller an der Calwer Straße, in dem einst das legendäre Red Dog war. Nach dem Red Dog lief dort nichts mehr richtig, der direkte Vorgänger hieß „Virus“. Diesen Namen darf im Climax-Team niemand aussprechen. In der Kommunikation heißt es nur: Das Climax zieht ins ehemalige Red Dog. Im Büro riecht es anfangs noch nach Gras, und wenn die Polizei vorbeischaut, muss Gottschalk erklären, dass es hier nichts mehr zu holen gibt.
Für Peter Reinhardt, Gottschalks Partner im Climax, schließt sich ein Kreis. Er war schon Anfang der 90er in diesen Räumen, mit der „Blumenwiese“, dem Vorgänger des Red Dog. Damals gab es hier Konzerte, und heute gibt es sie wieder. Zur Eröffnung des zweiten Climax steht die Schlange einmal um den Block.
Wer verstehen will, warum das Climax 30 Jahre überlebt hat, muss Gottschalk zuhören. Er hat nie aufgegeben, an Dinge zu glauben, die sich nicht sofort rechnen. Den Donnerstag zum Beispiel. Jahrelang hat der nur Geld gekostet, weil kaum jemand kam, bis er irgendwann doch funktionierte.
Und er hat eine Regel, die er jedem erzählt, der sie hören will: „Den Laden niemals zu voll machen.“ Wo zu viele Menschen auf zu wenig Raum stehen, fühlt sich niemand wohl. Darum geht es ihm, mehr als um jeden Euro. Er zitiert dazu gern einen Satz, den er von Erich aus dem Universum hat: Versuche nie, auch noch den letzten Euro herauszuholen.
„Qualität, Kontinuität und Ehrlichkeit ohne Abzockermentalität.“Michael Gottschalk, 2012
Gottschalk kommt aus der Hi-Fi-Welt, und das hört man. Als Clash und später MCG legt er selbst auf, von jazzigem Downbeat bis Techno. Das Climax war nach seinem Wissen einer der ersten Clubs in Deutschland, die mit RGB-LEDs beleuchtet wurden. Die Worte „Techno“ und „Afterhour“ wollte er trotzdem nie auf seinen Plakaten sehen. Bis acht Uhr morgens, findet er, ist lang genug.
Was hast du im Climax gefunden, das es so in keinem anderen Club gab?
Ich bin seit 30 Jahren Gast im Climax, und so etwas hatte ich in Stuttgart vorher nicht gesehen. Der Laden ist nicht riesig, aber es ist unglaublich viel bunt Gemischtes drin: wahnsinnig viel Toleranz, Vielfalt und schräge Vögel. Das ist bis heute so. Einen zweiten Laden in Stuttgart, der das alles so dicht zusammenwürfelt, gab es nicht.
Eine große Partyfamilie, die oft erst ab zwei, drei oder vier Uhr so richtig hochkocht. Dann ist das Climax DER Anlaufpunkt für viele Gays aus allen anderen Läden der Stadt.
Von Anfang an war das Climax offen und tolerant, es war schon immer ein Safe Space für die queere Szene. Vor 30 Jahren war das noch keine Selbstverständlichkeit, und an vielen Orten ist es das leider auch heute noch nicht. Dafür bin ich besonders dankbar.
Zeit und Ehrlichkeit. Im Climax konnte ich lange Sets spielen und eine Nacht wirklich aufbauen, statt nur eine Stunde abzuliefern. Keine Show, keine Selbstdarstellung, keine VIP-Ecke, nur Musik, tanzen und Leute, die genau deswegen die Treppe runtergekommen sind. Ich habe es mal das ‚Varieté der Uneitelkeiten‘ genannt.
Kein Climax-Abend ohne den Sauren. Das rote Hausgetränk gibt es seit der Friedrichstraße auf der Karte, und es ist nie wieder verschwunden. Ein früher Geschäftsführer hat den Shot irgendwo in der Stadt aufgeschnappt und ihn im ersten Climax neu angesetzt. Seitdem wird das Rezept von einer Barkeeper-Generation an die nächste weitergegeben. Wer neu hinter der Bar steht, wird eingewiesen, und die Alten probieren, ob die Mischung den Gästen würdig ist.
Florian Buntfuss, lange Jahre Clubmanager im Climax, hat einmal gesagt, er habe noch nie einen Menschen getroffen, dem der Saure nicht schmeckt. Er kenne nur ein paar, die irgendwann zu viel davon hatten.
Das Climax ist beim House geblieben, aber es ist größer geworden. DJ Koze, Moodymann und Westbam haben hier gespielt, Residents wie Paul’s Artists und Patrick Zigon haben den Sound über Jahre geprägt. Heute laufen Reihen wie „Groove Sensation“, „House Classics“ oder „Worn-Out“.
Dazu kam vieles, was man in einem Technokeller nicht erwartet. Der Slam-Veranstalter Thomas Geyer brachte die Idee für einen Erotic Slam mit, daraus wurde ein Vorabendprogramm mit Lesungen, Burlesque und Konzerten. Beim ersten Konzert war Gottschalk gar nicht da. Er legte an diesem Abend woanders auf und schrieb seinem damaligen Betriebsleiter Flo, wie es denn laufe. Die Antwort kam sofort: „Hammer!“
Fetisch-Partys gab es schon im ersten Climax, beim CSD fährt seit vielen Jahren ein eigener Truck mit, und mit „FLUID“ und „PUMP“ hat der Club queere Nächte im Programm. Die PUMP ist sogar hier entstanden. Ihr Host Ben Hille hat dem Club außerdem ein Theaterstück gewidmet: „Ben – allein zu House!“ endet im Climax und wurde auch dort aufgeführt. Gottschalk sagt mit einem Augenzwinkern, das Climax sei wohl näher an einer Oper als an einem Bordell. Seine Stammgäste wissen, dass beides ein bisschen stimmt.
Als in der Pandemie alles schließen musste, streamte das Team monatelang jedes Wochenende aus dem leeren Club. Gleichzeitig wurde umgebaut, mit neuer Lüftung und neuem Licht. Aufgeben kam nicht infrage.
Das Climax wird 30. Was möchtest du ihm zum Geburtstag sagen?
Bleib so bunt, vielfältig und offen, wie du bist. Bleib schräg, lass dich in keine Kategorie pressen und schenk den Leuten weiter schräge Nächte, viel Spaß und die Chance, andere tolle schräge Menschen kennenzulernen.
Die allerherzlichsten Glückwünsche zum unglaublichen 30. Geburtstag! Bleib, wie du bist – und verschließ dich dem Neuen nicht.
Liebes Climax, die Zeiten im Nachtleben ändern sich radikal. Wir alle aus der Nachtkultur spüren es, wir kämpfen, und viele suchen neue Konzepte. Bleibt stabil, zieht euer Ding durch, dann wird es das Climax noch viele Jahre geben. Da bin ich mir sicher. Alles, alles Gute zum Dreißigsten!
Danke, dass du all die Jahre ein Ort geblieben bist, an dem Underground noch echt ist. Für mich warst du nicht nur eine Location, sondern ein Zuhause. Bleib so dunkel, so uneitel und so frei. Alles Gute zum 30., Climax!
Climax Institutes, Calwer Straße 25, 70173 Stuttgart · climax-institutes.de
Dreißig Jahre sind im Nachtleben eine Ewigkeit. Clubs kommen und gehen, Beziehungen auch. Ganze Generationen haben im Climax ihre ersten langen Nächte erlebt und morgens um acht blinzelnd auf der Calwer Straße gestanden. Manche haben sich hier kennengelernt und sind bis heute zusammen. Andere, so wie ich, tragen eine Geschichte mit sich, die hier begonnen hat und anderswo zu Ende ging.
Ich bereue keinen dieser Abende. Ich bin dankbar für den Tritt auf meine zu großen Füße, für die Jahre danach und für einen Ort, der all das ausgehalten hat. Das Climax hat nie gefragt, ob man glücklich oder traurig kommt. Man ging die Treppe hinunter, und unten war Musik.
Als Michael Gottschalk und Florian Buntfuss, damals noch Clubmanager, zum 25. Geburtstag gefragt wurden, was sich seit 1996 nicht verändert habe, antworteten sie mit zwei Sätzen:
„The Message is Party.“ – „And Love!“Michael Gottschalk und Florian Buntfuss, 2021
Alles Gute zum Geburtstag, Climax. Danke für jede Nacht, auch für die, die wehgetan haben. Auf die nächsten 30.
Was ist deine Climax-Nacht? Schreib uns über das Kontaktformular – die schönsten Geschichten ergänzen wir hier.
Manuel Kloker ist der Mann, der Geschichten eine Form gibt. Als interdisziplinärer Designer denkt er in Bildern, oft bevor andere überhaupt die passenden Worte gefunden haben – und genau das prägt seine Arbeit für EchtStuttgart. Geboren 1981 im Schwarzwald, fand Manuel Kloker seinen Weg nach Stuttgart und ist der Stadt seither eng verbunden. Besonders sichtbar wird das im Stuttgart-Album: Gemeinsam mit Uwe Bogen, mit dem er später auch zum Lokalteil Verlag stieß, hat er die Konzepte entwickelt und dem Mitmach-Projekt sein unverwechselbares Gesicht gegeben. Für EchtStuttgart bringt Manuel Kloker genau diese Mischung ein: den Blick fürs Bild, die Lust am Machen und ein feines Gespür dafür, wie Stuttgart gesehen werden will.
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