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Beim 50. Stuttgarter Weindorf stimmt zum Auftakt alles: das Wetter, volle Lauben, beste Stimmung – und ein Minister, der vor der geballten Stadtprominenz EchtStuttgart lobt. Die Kesselkehlchen sind die Stars der Eröffnung. Und die Frage der Eröffnung lautet: Verträgt sich die Tradition mit der Zukunft?
Das 50. Stuttgarter Weindorf hat einen Traumstart hingelegt. Nur kurz regnet es am Eröffnungsabend, danach zeigt sich der Sommer von seiner besten Seite. Auf dem Schillerplatz, dem Marktplatz und überall dazwischen: volle Lauben, gut gelaunte Gäste, zufriedene Wirte.
Das Weindorf ist wieder das, was es sein soll: ein großes Stuttgarter Wohnzimmer, ein großer Treffpunkt unter freiem Himmel. Und zum 50. Geburtstag wird zugleich sichtbar, dass dieses Wohnzimmer sich verändert.
Das wird bereits bei den Reden der Eröffnungsfeier im Arkadenhof des Alten Schlosses deutlich.
Doch zunächst das Wichtigste aus unserer Sicht: Innenminister Manuel Hagel hält seine erste Weindorf-Rede – und lobt gleich mal vor der geballten Stadtprominenz EchtStuttgart.
Unser Autor Uwe Bogen wird danach mehrfach darauf angesprochen. Wie es denn zu dieser tollen Werbung gekommen sei? Ob man dafür bezahlt habe?
Natürlich nicht.
Hagel, der als Minister auch für Digitalisierung zuständig ist, wollte auf das neue digitale Medium hinweisen, das ihm gut gefällt. Und er wollte, wie er später erklärt, unterstreichen, dass die Macher von EchtStuttgart „gut in den Stuttgarter Stadtthemen drin sind“.
Wir bedanken uns sehr für dieses Lob!
Der stellvertretende Ministerpräsident bezieht sich in seiner Rede auf eine Glosse in unserem Magazin, die eine kleine, aber durchaus wichtige Weindorf-Debatte schön auf den Punkt gebracht habe, so Hagel.
Zum 50. Geburtstag hat das Weindorf zum neuen weinroten Design einen neuen englischen Slogan bekommen: „Wine & Dine“. Bisher sagten die Werber „Geweinsam“-
Das Stuttgarter Weindorf bekommt zum 50. Geburtstag einen englischen Slogan
Ausgerechnet Englisch auf dem Stuttgarter Weindorf? Manuel Hagel sagt dazu: Da wird der Schwabe stutzig. Und natürlich entsteht Redebedarf.
Gerade diese Debatte zeige etwas Wichtiges, findet der Minister: Das Weindorf dürfe sich verändern – aber es dürfe sich dabei nicht verlieren.
Tradition, betont Hagel, bedeute nicht, dass immer alles so bleiben müsse. Tradition bedeute vielmehr, „dass man weiß, was einem wichtig ist – und genau dieses Wichtige weiterträgt“.
Entscheidend sei deshalb nicht allein, was auf dem Schild steht. Entscheidend sei, was unter dem Slogan passiert. Dass man sich trifft, dass man zusammenkommt und miteinander spricht.
Ein schöner Gedanke zum 50. Geburtstag.
Oberbürgermeister Frank Nopper hat sich eigentlich vorgenommen, zum 50. Geburtstag 50 Sprüche vorzutragen.
Er begnügt sich dann doch mit zehn – die restlichen 40 könne man im „Amtsblatt“ nachlesen. Mit donnerndes Stimme sagt der OB unter anderem frei nach Theodor Heuss: „Wein saufen ist Sünde. Wein trinken ist beten. Lasst uns beten.“
Manuel Hagel wiederum erzählt, ihm hätten alle geraten, bloß keine Weinsprüche in seine Rede einzubauen. Nopper werde ohnehin jeden Spruch vor ihm zum Besten geben. Denn der OB darf traditionell das erste Grußwort sprechen.
Einen Schuss hat Hagel dann aber doch frei.
Sein Spruch, nicht vom OB zuvor abgefeuert, stammt aus EchtStuttgart:
„Die Antwort ist Wein. Die Frage ist egal.“
Tradition und Zukunft – diese Diskussion wird das Weindorf gerade im Jubiläumsjahr mit englischem Slogan umtreiben.
Die Frage stellt sich sogar bei der Kleidung.
Jens Zimmermann, Vorsitzender von Pro Stuttgart, findet den Janker „antiquiert“. Tracht passe eher aufs Volksfest als aufs Weindorf, meint er.
Und tatsächlich sieht man beim 50. Weindorf unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie ein zeitgemäßer Weindorf-Look aussehen kann.
Die neuen Wirte aus Tübingen in der Laube 1821 etwa tragen mit ihrem Personal Latzhosen – das gab es bisher noch nie. In der Stadtlaube der Familien Grupp, Weller und Diehl dagegen gehören Lederhosen und Dirndl zum Erscheinungsbild. Manuel Hagel trägt ganz locker Jeans, weißes Hemd und Sakko. Später aber das weinrote Trikot drüber.
Welche Variante ist die richtige?
Vielleicht lautet die Antwort: Jeder so, wie es ihm gefällt.
Denn das Weindorf steht für Vielfalt – bei der Mode, bei den Menschen, bei der sexuellen Orientierung und bei der Herkunft. Die Stadt ist bunt – das Fest darf es auch sein.
Für die große Tradition steht eine Frau wie kaum eine andere: Helli Schmieg.
Mit über 80 Jahren kommt sie noch immer jeden Tag in die Weindorf-Laube ihrer Familie auf dem Schillerplatz. Sie war bereits bei der Eröffnung vor 50 Jahren dabei.
Ob es früher besser war?
„Ja, war es“, sagt sie.
Doch das ist für sie kein Plädoyer dafür, alles beim Alten zu lassen. Im Gegenteil: „Das Weindorf darf sich und muss sich weiterentwickeln.“
Bei der Eröffnungsfeier wird Helli Schmieg geehrt. Woran sie dabei vor allem denkt, flüstert sie in der ersten Reihe unserem Autor zu: Hoffentlich gehen die riesigen Weingläser, die so alt sind wie das Weindorf, also stolze 50 Jahre, nicht kaputt.
Die Gläser haben es in sich. Zweieinhalb Liter passen hinein. Normalerweise stehen sie daheim bei Helli Schmieg. Für die Eröffnung dürfen in den Arkadenhof des Alten Schlosses.
Am Ende bleiben die Gläser heil. Und der erste Schluck aus diesen gewaltigen Kelchen ist natürlich ein besonderer Moment.
Im Publikum sitzt an diesem Abend so ziemlich alles, was in Stuttgart Rang und Namen hat: Politik, Kultur, Medien und Sport sind vertreten. Aber auch Schlagerstar Andrea Berg ist dabei.
Der eigentliche Star des Abends aber sind die Kesselkehlchen.
Der etwas andere, freche und originelle Männerchor begeistert das Publikum mit „Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein“ und „An Tagen wie diesen“. Die Stimmung steigt, die Gäste singen mit – und spätestens jetzt ist klar: Dieses Weindorf kann auch sehr gut Zukunft.
Für EchtStuttgart ist der Auftritt der Kesselkehlchen zudem eine besondere Geschichte.
Wir hatten den Chor bereits im April als erstes Medium vorgestellt. Damals probten gerade einmal zehn bis 15 Männer in einer Kreativwerkstatt nahe dem Marienplatz. Die Idee klang herrlich verrückt: ein Männerchor für alle, die gar nicht perfekt singen können.
Das Motto: „Fangesang in Schön.“
Erst Liederhalle, dann Weindorf: Die Kesselkehlchen werden zum Stuttgarter Hit
Vier Monate später ist daraus eine Erfolgsgeschichte geworden. Inzwischen gehören 35 Sänger zu den Kesselkehlchen – und es werden immer mehr. Die schwarzen Shirts mit dem markanten Kehlchen-Logo sind ihr Erkennungszeichen geworden.
Dass EchtStuttgart am Anfang über die Kesselkehlchen berichtet hat, hat der Chor nicht vergessen. Die Männer sind bis heute dankbar für diese Startunterstützung.
Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft dieses 50. Weindorfs:
Es darf neu sein, ohne beliebig zu werden. Es darf englische Slogans haben, ohne seine schwäbische Seele aufzugeben. Es darf Latzhose, Dirndl oder Janker geben. Es darf junge Chöre auf die Bühne holen und gleichzeitig eine über 80-jährige Weindorf-Ikone feiern.
Tradition ist nicht Stillstand.
Tradition heißt, das Wichtige von früher weiterzugeben und sich auf neue Ideen zu freuen.
Beim 50. Stuttgarter Weindorf scheint das ziemlich gut zu funktionieren. Obwohl das neue Design der Plakate umstritten ist. „Das erkennt keiner mehr als Weindorf – und das alte Logo war doch Tradition“, ist zu hören.
Doch an das Neue muss man sich gewöhnen. Nach diesem Auftakt darf man für die nächsten 17 Tage aber ziemlich optimistisch sein: Das Jubiläumsfest hat seinen ersten großen Schluck genommen. Im Glas mischen sich die Aromen der Zukunft – und im Abgang schmeckt man die Tradition.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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