Stuttgart-Album
Der Nesenbach war einst Stuttgarts Lebensader. Ende des 19. Jahrhunderts verschwand er unter der Erde. Nun kehrt sein Wasser zurück: In der Nesenbachstraße wird es von Dienstag an erstmals wieder sichtbar durch eine Rinne fließen. Ein Blick zurück.
Wer heute durch die Stuttgarter Innenstadt läuft, muss schon genau hinsehen, um dem Nesenbach zu begegnen. Unter Straßen, Häusern und Plätzen verläuft noch immer sein historischer Weg – allerdings längst nicht mehr als natürlicher Bach. Ab Heslach übernimmt der Nesenbach die Funktion eines Hauptsammlers und führt vor allem Abwasser in Richtung Neckar.
Doch das soll sich zumindest in Teilen ändern. Die neue Bachwasserleitung von den Quellfassungen oberhalb von Heslach bis zum Anschluss an die bereits bestehende Leitung am Marktplatz ist fertiggestellt. In zwei Straßen wird das Wasser künftig wieder oberirdisch sichtbar. Eine davon ist die Nesenbachstraße, in der eine seit Jahrzehnten trockene Rinne nun tatsächlich Wasser führen kann.
Oberbürgermeister Frank Nopper nimmt die offene Rinne am Dienstag offiziell in Betrieb. Damit wird ein Stück Stadtgeschichte wieder sichtbar – und zugleich ein modernes Konzept für den Umgang mit Stuttgarts Wasser umgesetzt.
Cannstatt liegt am Neckar, Stuttgart am Nesenbach. Der Bach prägte das Tal, in dem sich die Stuttgarter Innenstadt entwickelte. Im 10. Jahrhundert entstand hier eine Siedlung. Der Nesenbach lieferte Wasser, speiste die Stadtgräben und war für Handwerker und Gewerbetreibende wichtig. Auch Abfälle wurden über ihn aus der Stadt gespült.
Bei Starkregen konnte der Bach allerdings zu einem reißenden Gewässer anschwellen. Gleichzeitig wurde er durch Abwasser und Unrat zur stinkenden Kloake. Besonders im Gerberviertel war das ein Problem: Für die dort ansässigen Handwerker war der Zugang zum Wasser wichtig, gleichzeitig belasteten ihre Abwässer den Bach.
Ende des 19. Jahrhunderts verschwand der Nesenbach deshalb im Talkessel weitgehend unter der Erde.
Ganz verschwunden ist der Nesenbach nie. In Stuttgart-Vaihingen entspringt der Wasserlauf und führt über Kaltental und Heslach in Richtung Innenstadt. Im Kaltental gibt es noch einen oberirdischen Bachlauf, der allerdings von Waldbächen gespeist wird.
Ab Heslach wird der historische Verlauf zum Abwasserkanal. Der Nesenbachkanal folgt unterirdisch grob dem natürlichen Bachlauf, führt durch die Innenstadt und unter dem Schlossgarten hindurch bis zum Klärwerk.
Auch für Autofahrer bleibt der Nesenbach ein Thema: Der sanierungsbedürftige Nesenbachkanal unter der B 14 an der Cannstatter Straße soll erneuert werden. Die jahrelange Baustelle wird den Verkehr erheblich beeinträchtigen, unter anderem durch den Wegfall einer Fahrspur. Gleichzeitig soll die Abwasserwärme künftig als erneuerbare Wärmequelle genutzt werden.
Mit der neuen Bachwasserleitung verfolgt die Stadt ein anderes Ziel: Quellwasser soll nicht mehr unnötig im Kanalnetz verschwinden.
Das Wasser aus den Quellfassungen oberhalb von Heslach wird über die neue Leitung in Richtung Innenstadt geführt und an bestimmten Stellen wieder sichtbar. In der Nesenbachstraße fließt es durch eine offene Rinne, die an den historischen Bachlauf erinnert.
Das Quellwasser bleibt dadurch aus dem Abwassersystem heraus und soll unter anderem die Wasserqualität des Eckensees und der Seen im Schlossgarten verbessern.
Die Rinne in der Nesenbachstraße wurde bereits in den 1990er-Jahren angelegt, um den unterirdischen Bachverlauf sichtbar anzudeuten. Wasser sollte dort zunächst allerdings nicht fließen. Aus Kostengründen wurde der geplante Zulauf nicht umgesetzt.
Nun wird aus der trockenen Rinne ein echter Wasserlauf.
Eine weitere Nesenbach-Rinne ist im Stuttgarter Süden zwischen Erwin-Schoettle-Platz und Marienplatz geplant. Auch dort verlief der Bach einst oberirdisch.
Der heute bekannte Name Nesenbach tauchte erst im 16. Jahrhundert auf und soll vermutlich auf eine wohlhabende Stuttgarter Familie zurückgehen. Zuvor trugen einzelne Abschnitte unterschiedliche Namen: Kaltentaler Bach, Heslacher Bach, Mühlbach, Alter Bach, Furtbach, Wäschbach, Neuer Bach oder Schanzengrabenbächle.
Die vielen Namen zeigen, wie eng der Wasserlauf einst mit den verschiedenen Stadtteilen und Gewerben verbunden war.
Der Nesenbach war Lebensgrundlage und Entsorgungsweg, Wirtschaftsfaktor und Hochwasserrisiko. Er verschwand aus dem Stadtbild, blieb aber unter den Straßen erhalten.
Jetzt also wird sein Wasser wieder sichtbar. Die Freude darüber ist groß. Wer künftig durch die Nesenbachstraße läuft und das Wasser durch die Rinne fließen sieht, blickt damit auf mehr als ein neues Gestaltungselement: Unter seinen Füßen verläuft weiterhin jener Wasserlauf, an dem Stuttgart entstand und der die Entwicklung der Stadt über Jahrhunderte geprägt hat.
Geboren 1980 in Kirchheim unter Teck, heute Stuttgart-Fan aus tiefstem Herzen: Patrick Mikolaj hat aus einer originellen Idee ein echtes Stadtphänomen gemacht. Was der Blogger im Sommer 2012 mit dem Unnützen Stuttgartwissen begonnen hat, entwickelte sich zu einem der erfolgreichsten Stuttgart-Projekte in den sozialen Medien. Dieser Erfolg zog weite Kreise: Seine Bücher im Lokalteil Verlag wurden zu regionalen Bestsellern. Zusammen mit Uwe Bogen und Manuel Kloker hat er zuletzt das Buch „Stuttgart – Kleine Geheimnisse einer großen Stadt“ herausgebracht. Mikolaj beschränkt sich nicht auf das geschriebene Wort, so verantwortet er mehrere erfolgreiche Stadtführungen.
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