Stuttgart sammelt für guten Zweck
Die Stones-Zunge ist welk, Motörhead spannt überm Bauch? Dann darf das Shirt weiterziehen: Ratzer Records & Beer ist neue Stuttgarter Sammelstelle von Second Bandshirt e.V. Zwischen ausrangierten Konzertklassikern schlummern echte Raritäten – verkauft wird für den guten Zweck.
Manche Kleidungsstücke wirft man einfach in die Altkleidersammlung. Bei anderen wird es kompliziert. Denn dieses verwaschene schwarze T-Shirt war schließlich dabei, damals beim legendären Konzert. Jenes Shirt stammt von der ersten großen Festivalreise. Und das andere hat man irgendwann am Merch-Stand ergattert, als die Band noch in kleinen Clubs spielte. Heute passt es vielleicht nicht mehr, aber wegwerfen? Auf keinen Fall.
Genau für solche Fälle gibt es Second Bandshirt e.V. Der Verein gibt ausrangierten musikalischen Lieblingsstücken ein zweites Leben – und macht aus ihnen Geld für einen guten Zweck. Neu für Stuttgart: Ratzer Records & Beer an der Hauptstätter Straße ist jetzt offizielle Sammelstelle. Wer Bandshirts im Schrank hat, die schon lange kein Konzert und kein Tageslicht mehr gesehen haben, kann sie dort abgeben.
„Wir freuen uns sehr, ab sofort eine der offiziellen Sammelstellen von Second Bandshirt e.V. in Stuttgart zu sein“, sagt Arnulf Woock von Ratzer Records & Beer im Gespräch mit EchtStuttgart. Die Stücke werden von dort an den Verein weitergeleitet und bei Konzerten, auf Festivals und (Floh-)Märkten sowie im Onlineshop verkauft. Die Einnahmen werden gespendet.
Dabei landen keineswegs nur Allerwelts-Shirts auf den Verkaufstischen. Zwischen den vielen getragenen Exemplaren können sich echte Raritäten verstecken: alte Tourshirts, längst nicht mehr erhältliche Motive oder Stücke von Bands aus deren frühen Jahren. Was irgendwann für ein paar Mark oder Euro am Merch-Stand gekauft wurde, kann für Sammlerinnen und Sammler heute einen deutlich höheren Wert haben.
Gerade solche Fundstücke sind für Second Bandshirt besonders interessant. Denn je begehrter ein Shirt ist und je mehr es beim Weiterverkauf einbringt, desto größer ist am Ende auch sein Beitrag für den guten Zweck. Aus einem vergessenen Stück Stoff im Kleiderschrank kann so eine beachtliche Spende werden.
Musikfans wissen schließlich: Ein Bandshirt ist selten einfach nur ein T-Shirt. Es erinnert an Konzerte, bestimmte Lebensphasen, Reisen, Freundschaften – oder an die Zeit, in der eine bestimmte Platte wochenlang in Dauerschleife lief.
Fällt das Weggeben deshalb nicht ziemlich schwer?
„Bestimmt“, sagt Woock. „Aber es gibt da auch Menschen, die hunderte von Shirts zu Hause haben und dann doch merken, dass sie sich mal zumindest von einem Teil trennen müssen. Zudem das eine oder andere wahrscheinlich auch nicht mehr passt.“
Und vielleicht fällt der Abschied ein bisschen leichter, wenn das Shirt nicht im Altkleidercontainer landet, sondern bei einem anderen Fan. Einer freut sich über einen lange gesuchten Schatz, der andere hat wieder etwas Platz im Schrank – und zugleich profitiert ein gemeinnütziges Projekt davon.
In diesem Jahr gehen die gesammelten Einnahmen unter anderem an an die AGDW (Arbeitsgemeinschaft für die Eine Welt).
Die Geschichte von Second Bandshirt begann bereits vor mehr als einem Jahrzehnt. Menschen, die sich im Umfeld von Hardcore-Konzerten kennengelernt hatten, stellten fest, dass sich bei ihnen über die Jahre jede Menge Shirts und andere Band-Devotionalien angesammelt hatten.
Zum Wegwerfen viel zu schade. Zum Herumliegen eigentlich auch.
So entstand die Idee für eine Win-win-Situation: Die bisherigen Besitzerinnen und Besitzer schaffen Platz und tun gleichzeitig etwas Gutes, andere Musikfans entdecken vielleicht ein lange gesuchtes Shirt – und gemeinnützige Initiativen erhalten finanzielle Unterstützung. Im Herbst 2014 wurde daraus Second Bandshirt e.V.
Gespendet werden überwiegend bereits getragene Shirts von Privatpersonen, gelegentlich erhält der Verein aber auch neue Ware direkt von Bands oder Labels. Vor dem Weiterverkauf recherchiert Second Bandshirt nach eigenen Angaben die Bands, um auszuschließen, dass diese dem Selbstverständnis des Vereins widersprechen.
Die Erlöse spendet Second Bandshirt zu 100 Prozent an wechselnde Vereine und Initiativen. Unterstützt werden Projekte, die sich unter anderem gegen Rassismus, Faschismus, Sexismus und andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit engagieren oder für Tierrechte einsetzen.
Dass ausgerechnet Ratzer Records & Beer zur Stuttgarter Sammelstelle wird, hat einen gewissen Charme. Schließlich gehört der Name Ratzer seit Jahrzehnten zur Musikgeschichte der Stadt.
Mehr als 40 Jahre lang betrieben Brigitte und Karl-Heinz Ratzer mit Ratzer Records einen der bekanntesten Plattenläden Stuttgarts. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte das Geschäft mehrfach den Standort – von der Paulinenstraße über das Leonhardsviertel bis in die Hauptstätter Straße beim Marienplatz.
Für viele Stammgäste war Ratzer dabei immer mehr als ein Ort, an dem man Platten kaufte. Man hörte Musik, diskutierte, traf Bekannte und blieb auch mal erheblich länger als geplant. Ein sozialer Treffpunkt für Menschen, bei denen Musik nicht bloß im Hintergrund läuft.
Ratzer Records & Beer führt diese Tradition fort. Dass dort nun auch alte Bandshirts abgegeben werden können, passt also ziemlich gut: Musikstücke wechselten bei Ratzer schon immer ihre Besitzer – jetzt gilt das eben auch für Kleidungsstücke.
Second Bandshirt sucht allerdings nicht nur Nachschub für seine Verkaufsstände. Der Verein braucht auch Menschen, die selbst mit anpacken möchten. Gesucht werden Ehrenamtliche, die Lust auf Musik, Konzerte, Festivals und gemeinsames Engagement haben. Interessierte können sich bei Ratzer Records & Beer informieren oder direkt bei Second Bandshirt melden.
Und wer jetzt vor seinem Kleiderschrank steht, sollte vielleicht noch einmal genauer hinschauen. Zwischen dem ausgeblichenen Tourshirt, dem Festival-Souvenir von 2009 und jenem Exemplar in Größe M, das aus völlig unerfindlichen Gründen nicht mehr so locker sitzt wie früher, könnte schließlich ein kleiner Schatz hängen.
Einer, über den sich nicht nur der nächste Fan freut.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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