Zum Inhalt springen

Film auch bei YouTube zu sehen

Stuttgart 21: Filmemacher Gietinger rät OB Nopper, die Rosenstein-Pläne „einzudampfen“


Uwe Bogen ·14. September 2026 ·4 Min. Lesezeit News

Neue Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs setzen Stuttgart 21 noch mehr unter Druck. EchtStuttgart sprach mit Klaus Gietinger, Autor des Films „Die sieben Todsünden von Stuttgart 21“. Er fordert den Erhalt des gesamten Kopfbahnhofs – und ein „Eindampfen“ der Rosenstein-Pläne.

Klaus Gietinger präsentiert heute in Stuttgart seinen Film "Die sieben Todsünden von Stuttgart 21" und stellt danach bei You Tube ins Netz. Fotos: privat/mit KI generiert

Was viele sich schon lange gedacht haben, scheint sich jetzt zu bewahrheiten: Das Debakel um Stuttgart 21 ist noch größer als angenommen.

Ausgerechnet Werner Stohler, der damalige Chef des Schweizer Beratungsunternehmens SMA, stellt nun die Aussagekraft jener Kapazitätsberechnungen infrage, die 2011 mit dem Stresstest die Leistungsfähigkeit des neuen Tiefbahnhofs belegen sollten. Er sagt, er habe selbst nicht an diese Berechnungen geglaubt und sie für wissenschaftlich wertlos gehalten.

Das ist keine Randnotiz. Der Stresstest sollte nach den erbitterten Auseinandersetzungen um Stuttgart 21 eine der wichtigsten Fragen beantworten: Ist der auf acht Gleise reduzierte Tiefbahnhof leistungsfähig genug?

Nun ist ausgerechnet diese Frage wieder offen.

Gietinger: „Die Realitäten zur Kenntnis nehmen“

EchtStuttgart sprach mit dem Filmemacher und Regisseur Klaus Gietinger, der Stohlers Aussagen öffentlich macht. Für seinen Kurzfilm „Die sieben Todsünden von Stuttgart 21“ führte er das Interview mit dem früheren SMA-Chef.

Der Film wird am Montagabend bei einer Veranstaltung des „Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21“ im Kunstverein erstmals gezeigt. Um 20 Uhr soll er dann für alle auf YouTube abrufbar sein.

Gietinger fordert gegenüber EchtStuttgart, dass die Bahn und die politisch Verantwortlichen „die Realitäten endlich zur Kenntnis nehmen“ müssten. Für ihn ist die Konsequenz eindeutig: Der neue Bahnhof sei zu klein.

Dabei geht Gietinger sogar über Stohlers Vorschlag hinaus. Stohler plädiert dafür, einen Teil des Kopfbahnhofs zu erhalten. Gietinger fordert dagegen, den gesamten Kopfbahnhof zu behalten.

Sein Rat an Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper ist entsprechend drastisch: „Die Pläne für das Rosensteinviertel kann er eindampfen.“

Neu gebaut – und den alten Bahnhof trotzdem behalten

Genau hier zeigt sich die ganze Tragweite der neuen Debatte.

Stuttgart 21 sollte den Kopfbahnhof ersetzen. Der Bahnverkehr sollte unter die Erde verlegt werden, oberirdische Gleisanlagen verschwinden und große Flächen mitten in der Stadt frei werden.

Aus Stuttgart 21 wird jetzt Stuttgart 31 – und der Spott kennt kein Ende

Wenn der neue Bahnhof nicht ausreicht und Teile des Kopfbahnhofs dauerhaft gebraucht werden, wäre das Ergebnis grotesk: Stuttgart hätte für viele Milliarden einen neuen Bahnhof gebaut – und könnte auf den alten trotzdem nicht vollständig verzichten.

Das würde die Grundidee von Stuttgart 21 infrage stellen.

Weniger Platz für Wohnungen

Und die Folgen träfen nicht nur die Bahn.

Die frei werdenden Gleisflächen waren von Anfang an eines der großen Versprechen des Projekts. Auf ihnen sollen Wohnungen, Grünflächen und neue Quartiere entstehen.

Bleiben Gleise erhalten, schrumpft der Spielraum für die Stadtentwicklung. Stuttgart müsste seine Neubaupläne reduzieren und könnte weniger Wohnungen bauen – ausgerechnet in einer Stadt, die dringend Wohnraum braucht.

Sollte sich Gietingers Forderung durchsetzen und der gesamte Kopfbahnhof erhalten bleiben, wären die Auswirkungen auf die bisherigen Rosenstein-Planungen noch erheblich größer.

Damit bekäme Stuttgart die Probleme gleich doppelt zu spüren: beim Bahnverkehr und bei der Entwicklung der Stadt.

Warum erfahren wir das erst jetzt?

Besonders bitter ist der Zeitpunkt.

Der Tiefbahnhof ist weitgehend gebaut. Milliarden sind ausgegeben. Die wesentlichen Entscheidungen lassen sich nicht mehr rückgängig machen.

Umso drängender ist die Frage, warum Stohlers Zweifel nicht schon 2011 mit dieser Deutlichkeit öffentlich wurden. Wenn der damalige SMA-Chef den Berechnungen selbst nicht vertraute: Wer wusste davon? Wie wurden seine Bedenken behandelt? Und warum konnte der Stresstest dennoch eine solche politische Bedeutung bekommen?

Die Untersuchung sollte Vertrauen schaffen. 15 Jahre später schafft sie neue Zweifel.

Stuttgart hat Stuttgart 21 über

Vielleicht ist das inzwischen die vorherrschende Stimmung in der Stadt: Erschöpfung.

Wer freut sich heute noch unbeschwert auf Stuttgart 21?

Kurz vor der Inbetriebnahme eines Jahrhundertprojekts müsste eigentlich Aufbruchsstimmung herrschen. Stattdessen wartet man beinahe reflexartig auf die nächste schlechte Nachricht.

Was wird teurer? Was kommt später? Was funktioniert anders als versprochen? Was muss zusätzlich gebaut werden?

Stuttgart 21 hat seine Vorfreude weitgehend aufgebraucht, bevor der neue Bahnhof vielleicht 2031 überhaupt eröffnet ist. Mit der neuen Bahnchefin Evelyn Palla  scheint sich etwa zu bewegen – aber zu wenig, wie Filmemacher klaus Gietinger findet. „Sie redet von Transparenz, legt aber dann doch nicht alles offen“, kritisiert der 71-Jährige im Gespräch mit unserem Magazin.  Gerade bei der Digitalisierung gebe es erhebliche  Probleme, die von der Bahn unter Verschluss gehalten würden.

Es wird wohl kein Happy End geben

Ein Happy End ist noch lange nicht in Sicht. Immer mehr Milliarden fließen in Stuttgart 21 – und am Ende könnte Stuttgart trotzdem weniger bekommen als versprochen.

Da fehlen einem die Worte. Wundern aber wird sich kaum noch jemand. Zu oft haben wir in den vergangenen Jahren erlebt, dass auf eine schlechte Nachricht die nächste folgte. Vielleicht ist genau das die bitterste Bilanz dieses Jahrhundertprojekts.

Gefällt mir
Artikel teilen
Link kopiert
Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

Alle Artikel von Uwe Bogen →

Mehr von Uwe Bogen

Mehr aus News

Inhaltsverzeichnis
  1. Gietinger: „Die Realitäten zur Kenntnis nehmen“
  2. Neu gebaut – und den alten Bahnhof trotzdem behalten
  3. Weniger Platz für Wohnungen
  4. Warum erfahren wir das erst jetzt?
  5. Stuttgart hat Stuttgart 21 über
  6. Es wird wohl kein Happy End geben

Anzeige

Face of Germany – Halbfinale, 18.10.2026, MALO Stuttgart – jetzt bewerben
Newsletter

Bleib auf dem Laufenden

Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.

Echt Stuttgart Spezial Unsere großen Geschichten Alle Spezial-Seiten mit Hintergründen, Updates und Live-Daten an einem Ort. Zu den Specials →