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Kommentar

Streit um die Stuttgarter Oper: Wer alles will, bekommt am Ende nichts


Uwe Bogen ·17. September 2026 ·5 Min. Lesezeit News

Nach dem Besuch von OB Frank Nopper und Stellvertreter Fabian Mayer (beide CDU) bei der CDU-Landtagsfraktion ist klar: Ihre Opernpläne sind so nicht mehr zu machen. Jetzt muss schnell entschieden werden: günstiger Neubau oder Sanierung des alten Hauses mit privater Hilfe, kommentiert Uwe Bogen.

Die Sanierung der Stuttgarter Oper steht erneut auf dem Prüfstand. Foto: Matthias Bausch/ Staatsoper

Jetzt müsste es eigentlich jeder verstanden haben: Die große Lösung für die Stuttgarter Oper, wie sie über Jahre geplant wurde, ist in ihrer bisherigen Form politisch kaum noch durchsetzbar.

Oberbürgermeister Frank Nopper und Kulturbürgermeister Fabian Mayer (beide CDU) waren bei der CDU-Landtagsfraktion zu Gast. Danach hat die Stadt den geplanten Vorprojektbeschluss für die Interimsoper zunächst ausgesetzt. Die teure Zwischenlösung bei den Wagenhallen ist mit der CDU vom Land nicht zu machen. Zuvor hatten Stadt und Land, sprich der OB und der Ministerpräsident, bereits eine ergebnisoffene Expertenanhörung vereinbart, bei der ausdrücklich auch ein Neubau geprüft werden soll.

Das ist mehr als eine weitere Schleife in einer inzwischen jahrzehntelangen Debatte. Es ist der Moment, in dem Stuttgart sich ehrlich machen muss.

Die große Lösung ist nicht mehr vermittelbar

Die bisherige Vorstellung war gewaltig: ein teures Interim errichten, dort Oper und Ballett für Jahre unterbringen, parallel den historischen Littmann-Bau umfassend sanieren und modernisieren. Inzwischen stehen mögliche Gesamtkosten von bis zu zwei Milliarden Euro im Raum. Allein das abgespeckte Interim sollte noch maximal 289 Millionen Euro kosten.

Man muss Kultur nicht gegen Soziales ausspielen, um festzustellen: Solche Summen sind angesichts der finanziellen Lage von Stadt und Land immer schwerer zu vermitteln. Erst recht dann, wenn gleichzeitig an anderen Stellen gespart werden muss, Sozialetats unter Druck geraten und kleinere Kultureinrichtungen um vergleichsweise bescheidene Zuschüsse kämpfen.

Wie soll man einem kleinen Theater, einem Kulturverein oder einer anderen Einrichtung erklären, dass bei ihnen jeder Euro umgedreht werden muss, während für die große Oper Milliarden im Raum stehen?

Deshalb gilt jetzt: Wer auf alles setzt, könnte am Ende nichts bekommen.

Stuttgart braucht seine Oper

Die Oper ist für Stuttgart viel zu wichtig, um sie an einem maximalen Wunschprogramm scheitern zu lassen. Sie ist nicht irgendeine Spielstätte. Oper und Ballett gehören zur kulturellen Identität der Stadt und zu ihrer internationalen Ausstrahlung.

Und Kultur ist auch ein Standortfaktor. Unternehmen, die hochqualifizierte Beschäftigte aus Deutschland und aller Welt nach Stuttgart holen wollen, profitieren davon, wenn diese Stadt mehr bietet als gute Arbeitsplätze. Eine international renommierte Oper und ein herausragendes Ballett gehören dazu.

Deshalb braucht Stuttgart jetzt keine weiteren Jahre des Vertagens, sondern eine Entscheidung zwischen realistischen Wegen.

Variante eins: Eine neue Oper an anderer Stelle

Der erste Weg ist ein Neubau an anderer Stelle. Wenn ein funktionaler Neubau tatsächlich erheblich günstiger zu verwirklichen wäre, müsste man ihn ernsthaft prüfen.

Dann könnten sowohl das teure Interim als auch die aufwendige Sanierung des Littmann-Baus als Opernhaus entfallen. Für das historische Gebäude müsste eine neue Nutzung gefunden werden – etwa als Museum oder für eine andere kulturelle Einrichtung.

Ob beispielsweise eine Nutzung durch die Staatsgalerie baulich und wirtschaftlich sinnvoll wäre, müsste selbstverständlich untersucht werden. Aber ein Haus für Ausstellungen stellt andere Anforderungen als eine moderne Oper mit hochkomplexer Bühnentechnik. Es liegt deshalb zumindest nahe, dass eine solche Nutzung mit wesentlich weniger Aufwand möglich sein könnte. 

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Variante zwei: Stuttgart rettet den Littmann-Bau

Der zweite Weg wäre der mutigere – und kulturell reizvollere: Stuttgart rettet seinen historischen Opernstandort, aber nicht allein mit Steuergeld.

Wenn die Sanierung des Littmann-Baus erhalten werden soll, braucht es eine private Finanzierungsoffensive in einer Größenordnung, wie Stuttgart sie noch nicht erlebt hat. Unternehmen, Stiftungen, vermögende Bürgerinnen und Bürger, Mäzene und das Publikum müssten sich beteiligen.

Kein symbolischer Spendenaufruf über ein paar Millionen Euro, sondern eine professionelle Kampagne mit einem ambitionierten Ziel im dreistelligen Millionenbereich.

Jetzt sind Unternehmen und Opernfreunde gefragt

Gerade die großen Unternehmen der Region hätten einen Grund, sich zu engagieren. Wer vom internationalen Wirtschaftsstandort Stuttgart profitiert, hat auch ein Interesse daran, dass dieser Standort kulturell attraktiv bleibt.

Und auch das Publikum sollte einbezogen werden. Oper und Ballett werden überdurchschnittlich von Menschen besucht, die sich höhere Eintrittspreise oder einen zusätzlichen Beitrag eher leisten können. Wer den Littmann-Bau erhalten möchte und die Oper liebt, sollte deshalb die Möglichkeit bekommen, selbst einen größeren Teil zu seiner Zukunft beizutragen.

Warum nicht eine große Bürgerkampagne? Patenschaften für Sitze, Räume oder Bauteile. Große Unternehmenspartnerschaften. Eine Kulturstiftung. Spenden von 50 Euro ebenso wie Millionenbeträge.

Ein Crowdfunding, wie es Stuttgart noch nicht gesehen hat.

Damit würde zugleich eine entscheidende Frage beantwortet: Was ist uns diese Oper wirklich wert?

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Noch mehr Warten ist keine Lösung

Eines allerdings darf aus der jetzigen Neubewertung nicht entstehen: die nächste jahrelange Prüfschleife. Schon die Stadt selbst warnt vor den Folgen des Wartens. Im Juli bezifferte Kulturbürgermeister Mayer die zusätzlichen Kosten durch Baupreissteigerungen auf rund 50 Millionen Euro pro Jahr.

Das bedeutet: Auch Nichtentscheiden kostet Geld. Viel Geld.

Die Expertenanhörung muss deshalb schnell kommen. Und schnell sollte  klar werden: Wo kann man noch Geld sparen beim Interim und bei der Sanierung der alten Oper? Luxuslösungen müssen  wegfallen. Da wie dort gilt: Abspecken, abspecken, abspecken!  Danach müssen belastbare Zahlen für Sanierung und Neubau auf den Tisch. Und dann müssen Stadt und Land entscheiden.

Stuttgart braucht eine hervorragende Oper. Aber Stuttgart braucht nicht um jeden Preis jede ursprünglich geplante Lösung.

Die Zeit der Wunschlisten ist vorbei

Jetzt geht es darum, das zu retten, was finanzierbar ist – und für das, was darüber hinaus kulturell wünschenswert ist, neues Geld zu mobilisieren.

Denn je länger Stuttgart wartet, desto teurer wird es. Und irgendwann besteht die größte Gefahr nicht mehr darin, dass die Oper kleiner ausfällt als erhofft – sondern dass für eine gute Lösung überhaupt kein Geld mehr da ist.

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Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Die große Lösung ist nicht mehr vermittelbar
  2. Stuttgart braucht seine Oper
  3. Variante eins: Eine neue Oper an anderer Stelle
  4. Variante zwei: Stuttgart rettet den Littmann-Bau
  5. Jetzt sind Unternehmen und Opernfreunde gefragt
  6. Noch mehr Warten ist keine Lösung
  7. Die Zeit der Wunschlisten ist vorbei

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