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Stuttgart trauert um das Vegi Voodoo King, das Mitte November nach 31 Jahren schließt. Ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr die Gastronomie unter Druck steht. Doch was Kultlokale brauchen, sind Gäste statt Nachrufe. Wer sie erhalten will, muss sie besuchen, solange es sie noch gibt, kommentiert Uwe Bogen.
Stuttgart verliert ein Stück seiner unverwechselbaren Stadtkultur. Nach 31 Jahren schließt Mitte November das Vegi Voodoo King – eine Institution, die gezeigt hat, dass auch vegetarisches Fast Food Kultstatus erreichen kann. Hier wurde fleischlos gekocht, lange bevor es in manchen Kreisen zum Lifestyle wurde. Ein Stück Stuttgarter Esskultur, ein beliebter Treffpunkt und für viele weit mehr als nur ein Ort zum schnellen Essen. Bald ist Schluss. Und Stuttgart wird damit ein Stück ärmer.
In den sozialen Netzwerken überschlagen sich die Reaktionen. Menschen erinnern sich an legendäre Pommes, die unverwechselbare Mayo, an Mittagspausen und gute Zeiten. Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle spricht vom Verlust einer Subkultur. Und sie hat recht.
Aber bei aller berechtigten Trauer muss auch eine unbequeme Frage erlaubt sein: Wann waren all jene, die jetzt das Ende beklagen, eigentlich zuletzt selbst dort essen?
Stuttgart verliert eine Legende: Vegi Voodoo King schließt nach 31 Jahren
Noch hat das Vegi geöffnet. Vermutlich werden in den kommenden Wochen viele Menschen noch einmal vorbeischauen, um sich zu verabschieden. Das zeigt, welchen Platz der Laden in den Herzen vieler Stuttgarter hat. Doch von schönen Erinnerungen allein kann kein Gastronom seine Rechnungen bezahlen. Von Herzen unter einem Instagram-Post lässt sich keine Miete überweisen. Und unzählige Kommentare voller Bedauern ersetzen keine hundert Gäste, die regelmäßig kommen.
Das ist kein Vorwurf an die treuen Stammgäste und erst recht keiner an die Betreiber. Es ist eine Frage, die wir uns selbst stellen müssen.
Wir lieben unsere Institutionen. Aber lieben wir sie auch genug, um sie regelmäßig zu besuchen?
Die Gastronomie steht unter enormen Druck. Steigende Personal-, Energie- und Lebensmittelkosten treffen auf Gäste, die selbst stärker aufs Geld achten müssen. Selbst die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen von 19 auf sieben Prozent verschafft vielen Betrieben kaum Luft: Die Entlastung wird durch die anhaltend hohen Kosten vielfach wieder aufgezehrt. Viele Wirte kämpfen längst nicht mehr um große Gewinne, sondern ums wirtschaftliche Überleben. Erhöhen sie ihre Preise, bleiben womöglich Gäste weg. Halten sie die Preise niedrig, bleibt kaum etwas übrig.
Doch zur Wahrheit gehört auch: Selbst eine Institution kann nicht allein von ihrer Vergangenheit leben. Tradition ist ein großer Wert, aber kein Geschäftsmodell für die Ewigkeit. Das gilt für Vegi genauso wie für die alteingesessene Kneipe im Viertel, das Familienrestaurant um die Ecke oder das Café, das seit Jahrzehnten dazugehört.
Stuttgart verändert sich. Und natürlich darf sich eine Stadt verändern. Neue Konzepte entstehen, andere verschwinden. Nicht jede Schließung ist ein Zeichen des Niedergangs. Aber wenn immer mehr individuelle, inhabergeführte Orte verloren gehen, wird eine Stadt austauschbarer. Dann bleiben vielleicht die bekannten Ketten, aber immer weniger von dem, was Stuttgart unverwechselbar macht.
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Wer die Vielfalt der Stuttgarter Gastronomie erhalten will, muss sie auch im Alltag unterstützen. Nicht nur mit nostalgischen Erinnerungen im Netz, sondern auch mit analogen Besuchen. Natürlich kann nicht jeder ständig auswärts essen. Und die Verantwortung liegt nicht allein bei den Gästen. Auch Politik, Verwaltung und Vermieter müssen dazu beitragen, dass kleine Betriebe in dieser Stadt eine Zukunft haben.
Aber wir als Gäste haben mehr Einfluss, als wir manchmal glauben.
Das bevorstehende Ende des Vegi Voodoo King nach 31 Jahren ist traurig. Es ist ein Verlust für Stuttgart. Und es sollte uns daran erinnern, dass auch liebgewonnene Institutionen nicht selbstverständlich sind.
Denn die Frage ist nicht nur, warum Vegi jetzt schließt. Sondern auch, welche Stuttgarter Institution wir als Nächstes verlieren – und ob wir sie vorher noch einmal besucht haben.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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