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Kommentar zu den Wasen-Zahlen

Ist Cannstatt noch Deutschlands Volksfest-Nummer zwei? Ein Lob auf die neue Ehrlichkeit


Uwe Bogen 3 Min. Lesezeit News

Jahrelang über vier Millionen Besucher, jetzt nur noch 2,5 Millionen: Am Montagabend befasst sich der Aufsichtsrat mit den Zahlen. Ist Cannstatt noch Deutschlands Volksfest-Nummer zwei? Das schönste bleibt es für uns allemal. Warum der neue Chef Guido von Vacano Lob statt Häme verdient, kommentiert Uwe Bogen.

Foto: in.Stuttgart

Guido von Vacano hatte schlaflose Nächte. Da übernimmt einer die Verantwortung für eines der größten Volksfeste der Welt, erlebt einen prächtigen Auftakt mit vollen Gassen und begeisterten Gästen – und muss feststellen: Die Besucherzahlen passen überhaupt nicht zu dem, was Stuttgart seit Jahren gewohnt ist. Nachts hat er immer wieder darüber nachgedacht: Haben wir beim Zählen vielleicht doch Fehler gemacht?

Schon nach dem ersten Wochenende wurde dem neuen Geschäftsführer von in.Stuttgart klar: Selbst wenn der Wasen bis zum Ende so gut besucht bliebe, wären die gewohnten vier Millionen nicht zu erreichen. Am Ende wurden es 2,5 Millionen.

Wurden die Wasen-Zahlen früher geschönt? Das sagt in.Stuttgart zu dem Verdacht

Seit 2014 meldete Stuttgart fast immer mindestens vier Millionen Volksfestbesucher. Nur 2019 lag die offizielle Zahl darunter. Im vergangenen Jahr sollen es 4,3 Millionen gewesen sein, 2024 sogar 4,8 Millionen.

Sind plötzlich 1,8 Millionen Besucher verschwunden? Oder waren sie früher nur auf dem Papier da?

Wer das  Volksfest 2026 erlebt hat, kann über den angeblichen Einbruch nur staunen. Auch ich habe ein wunderbares Fest erlebt: schönes Wetter, meist volle Zelte, prächtige Stimmung. Von einem Absturz war nichts zu spüren.

Im Rathaus wird Klartext geredet – fast

Am Montag lud die Stadtverwaltung mehrere Journalisten zu einem Hintergrundgespräch ein – am Abend tagt der Aufsichtsrat von in.Stuttgart zu den überraschenden Zahlen. Beim Gespräch mit der Presse dabei waren Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann, Marcel Benz und Michael Wilhelmer als Vertreter der Wirte und Mark Roschmann als Vertreter der Schausteller sowie Guido von Vacano und sein Abteilungsleiter Christian Eisenhardt. Sogar ein Journalist der Süddeutschen Zeitung war gekommen. München hat diesmal über sieben Millionen Wiesn-Besucherinnen und -Besucher gemeldet, sofern wenigstens dort richtig gezählt wird. Das Gespräch im Rathaus wurde dann doch ausdrücklich zur Berichterstattung freigegeben.

Die bemerkenswerteste Erkenntnis: Die Teilnehmer waren sich weitgehend einig, dass die früheren Besucherzahlen nicht realistisch gewesen sein können.

Seit April ist Guido von Vacano der Chef von in.Stuttgart. Foto: Thomas Niedermüller
Christian Eisenhardt ist als neuer Abteilungsleiter zuständig für das Volksfest. Foto: Thomas Niedermüller

Rund 40.000 Euro kostet das neue technische Zählsystem. Zusätzlich wurde manuell kontrolliert. Gut angelegtes Geld, wenn dadurch endlich verlässliche Zahlen entstehen.

Erstaunlich nur: Kritik an den früher Verantwortlichen war kaum zu hören. Auf die Frage von EchtStuttgart, ob von Vacano mit seinem Vorgänger über die gewaltige Differenz gesprochen habe, antwortete er: Ja, das habe er. Der Vorgänger habe erklärt, die Zahlen seien ihm so vorgelegt worden.

Aber wer hat sie ermittelt? Wer hat sie überprüft? Und warum wurden sie jahrelang nicht hinterfragt? Auch wir Journalisten haben diese Zahlen nicht angezweifelt. Trotz der gewaltigen Differenz ist aber  bewusste Trickserei noch lange  nicht bewiesen. Doch die alten Zahlen gehören aufgearbeitet.

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Lob statt Häme für den neuen Chef

Es wäre absurd, wenn ausgerechnet Guido von Vacano nun als Verlierer dastünde, weil er niedrigere, aber offenbar realistischere Zahlen veröffentlicht. Er hat den Mut, mit einer fragwürdigen Zahlentradition zu brechen. Dafür verdient er Respekt.

Nicht derjenige ist das Problem, der heute ehrlich zählt. Sondern die Frage, warum früher offenbar so großzügig gerechnet wurde.

Bleibt die spannende Frage: Ist Cannstatt nach dem Oktoberfest überhaupt noch Deutschlands zweitgrößtes Volksfest? Andere Kirmesveranstaltungen melden ebenfalls vier Millionen Besucher.

Die Verantwortlichen im Rathaus sind überzeugt: Cannstatt gehört weiterhin ganz nach oben. Wegen seiner Qualität, seiner Festzelte, Attraktionen und einzigartigen Atmosphäre. Da ist viel dran. Nur sollte man Qualität und Besucherzahlen nicht verwechseln.

Jetzt braucht das Volksfest neue Ideen

Das Volksfest 2026 war aus meiner Sicht ein großer Erfolg. Doch die realistischeren Zahlen sind auch ein Auftrag, besser zu werden. Vor allem die schwachen Montage und Dienstage sowie die Mittagsstunden brauchen neue Angebote. Dazu gehören ein stärkerer Einsatz digitaler Möglichkeiten, mehr internationale Werbung, kreative Formate und eine bessere Ansprache zusätzlicher Besuchergruppen.

Auch steigende Gebühren und Probleme bei der Anreise dürfen nicht ausgeblendet werden.

Das Volksfest muss sich nicht größer machen, als es ist. Seine besondere Klasse steht außer Frage. Und Guido von Vacano hat mit seiner Offenheit einen wichtigen Anfang gemacht.

Lieber echte 2,5 Millionen als vier Millionen, an denen man zweifeln muss.

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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Im Rathaus wird Klartext geredet – fast
  2. Lob statt Häme für den neuen Chef
  3. Jetzt braucht das Volksfest neue Ideen

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