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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosFinale in der Stuttgarter Schleyerhalle
Reinhard Mey ist der heimliche König der SWR 1 Hitparade 2026! Mit 83 Jahren schafft er es als einziger Künstler gleich zweimal in die Top Ten. An der Spitze grüßt dagegen das Murmeltier: Queen gewinnt mit „Bohemian Rhapsody“. 10.000 Fans feiern das Finale in Stuttgart. Und sonst? Gibt es überhaupt noch Überraschungen?
Man muss kein Prophet sein, um den Sieger der SWR1 Hitparade in Baden-Württemberg vorherzusagen. Queen natürlich! „Bohemian Rhapsody“ steht auch 2026 ganz oben. Zum neunten Mal hintereinander. Auf Platz zwei? Wie gehabt: „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin. So weit, so vorhersehbar. Und doch hat diese Hitparade einen Sieger, mit dem wohl nicht jeder gerechnet hat: Reinhard Mey.
Mit 83 Jahren gelingt ihm, wovon viele jüngere Musikstars nur träumen können: Gleich zweimal erobert der Liedermacher die Top Ten der SWR1 Hitparade. Sein „Narrenschiff“ segelt auf Platz drei, „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ landet auf Rang acht. Zwei Titel unter den besten zehn – das schafft 2026 kein anderer Interpret. Damit ist Mey trotz Queen der heimliche King der Hitparade.
Von wegen Altersdiskriminierung! Während die Musikindustrie unermüdlich nach dem nächsten jungen Superstar sucht, beweisen die Hörerinnen und Hörer im Südwesten, dass gute Musik kein Verfallsdatum kennt. Und sie belohnen einen Künstler, der seit Jahrzehnten nicht auf schnelle Effekte setzt, sondern auf Haltung, Poesie und Texte mit Tiefgang. Mit seinem neuen Album „Schatzhauser“ kam er in diesem Jahr auf Platz eins der deutschen Charts.
Dass Reinhard Mey mit seinem Antikriegslied „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“ auf Platz acht landet, ist mehr als eine musikalische Überraschung. Der 1986 entstandene Song, der im vergangenen Jahr nicht auf der Auswahlliste des SWR stand, was für heftige Kritik gesorgt hatte, erzählt von einem Vater, der seine Kinder nicht für die Kriege der Mächtigen opfern will. Fast 40 Jahre später klingt diese Botschaft angesichts der Kriege in der Welt erschreckend aktuell. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Meys Lied die Menschen noch immer so bewegt.
Chapeau, Reinhard Mey!
Zwischen internationalen Rockgiganten wie Queen, Led Zeppelin, Deep Purple und Metallica behaupten sich zwei schwäbische Kultfiguren: Äffle und Pferdle landen mit ihrem „Hafer- und Bananenblues“ bereits zum sechsten Mal auf Platz fünf. In dieser Hitparade der Beständigkeit darf ein Stück schwäbische Heimat nicht fehlen. Des isch oifach saumäßig guat!
Die SWR1 Hitparade ist ohnehin ein Phänomen. Wenn im Radio plötzlich Songs laufen, die zehn, fünfzehn oder noch mehr Minuten dauern, dann weiß man im Südwesten: Es ist wieder Hitparadenherbst.
Das sonst so streng durchformatierte Radioprogramm, in dem Berater und Musikcomputer darüber wachen, dass bloß kein Titel zu lang oder zu ungewöhnlich wird, macht fünf Tage lang Platz für eine musikalische Wundertüte. Eine Wundertüte, in der Songs stecken, die wir lieben, aber auch Songs, bei denen wir die Flucht ergreifen.
Da läuft endlich, was das Formatradio sonst aussortiert: vergessene Perlen, schräge Überraschungen, monumentale Rockklassiker und musikalische Exoten, die jeden Drei-Minuten-Rahmen sprengen.
Gerade auf den hinteren Plätzen liegt der Reiz dieser Hitparade. Da darf das Radio plötzlich wieder überraschen. Da wird nicht jede musikalische Ecke glatt gebügelt. Nur ganz oben, da scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es sind Songs der Erinnerungen, die einen im besten Fall zurückholen in die eigene Jugend.
Und ewig grüßt das Murmeltier von Platz eins! Doch selbst beim hundertsten Hören sorgt diese Hymne noch für Gänsehaut. „Bohemian Rhapsody“ ist eben kein gewöhnlicher Popsong. Als Queen das Stück 1975 veröffentlichten, stellten Freddie Mercury und seine Mitstreiter die Regeln der Popmusik auf den Kopf.
Fast sechs Minuten lang, kein klassischer Refrain, dafür Ballade, Oper, A-cappella-Passagen und Hardrock in einem einzigen musikalischen Feuerwerk. Eigentlich alles, wovor Formatradio-Experten heute warnen würden.
Die Wurzeln dieser besonderen Hitparadentradition reichen bis 1989 zurück. Damals machte SDR 3 seinem Slogan „Radio für den wilden Süden“ alle Ehre. Thomas Schmidt und Stefan Siller schrieben 1989 mit den legendären „Top 1000 X“ Radiogeschichte.
Eine Woche lang moderierten die beiden Radio-Legenden rund um die Uhr und versetzten den Südwesten in einen musikalischen Ausnahmezustand, wie dies in dieser Dimension heute nicht mehr möglich ist. Das Radio wurde zum Gesprächsthema auf Schulhöfen, in Büros, Werkstätten und Familien. Schmidt, eine der beliebtesten Radiostimmen des Landes, starb am 31. Oktober 2019 völlig überraschend im Alter von 62 Jahren. Sein langjähriger Weggefährte Stefan Siller hatte sich bereits Ende 2015 in den Ruhestand verabschiedet. Was die beiden damals ins Leben riefen, begeistert die Menschen auch 37 Jahre später noch immer.
37 Jahre später hat sich die Medienwelt komplett verändert. Doch die Hitparade lebt. Vielleicht gerade deshalb, weil sie etwas bewahrt, das im modernen Radiobetrieb selten geworden ist: gemeinsames Musikhören als Ereignis. Aber die Begeisterung der Anfangszeit wiederholt sich in dieser Dimension nicht mehr.
Am Freitagabend wird die Hanns-Martin-Schleyer-Halle wieder zum Treffpunkt der SWR1-Fangemeinde. Fast 10.000 Menschen feiern gemeinsam das große Finale. Mit dabei sind die Moderatorinnen und Moderatoren Cora Klausnitzer, Matthias Sziedat, Doro Büttner, Max Oehl, Ingo Lege und Patrick Neelmeier. Stefanie Anhalt und Corvin Tondera-Klein werden aus dem rollenden Hitparaden-Studio in Öhringen zugeschaltet. Durch den Abend führt Benedict Walesch.
Nach der Bekanntgabe des Siegers ist noch lange nicht Schluss: Die SWR1 Band und die SWR Big Band sorgen für Livemusik. Mit Sidney Youngblood und Marlon Roudette stehen zudem zwei Überraschungsgäste auf der Bühne.
Queen – Bohemian Rhapsody
Led Zeppelin – Stairway to Heaven
Reinhard Mey – Das Narrenschiff
Disturbed – The Sound of Silence
Pferdle & Äffle – Der Hafer- und Bananenblues
Deep Purple – Child in Time
Journey – Don’t Stop Believin‘
Reinhard Mey – Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht
Metallica – Nothing Else Matters
Die Ärzte – Schrei nach Liebe
Natürlich finden’s manche zum Gähnen, dass sich an der Spitze der SWR1 Hitparade so wenig verändert. Queen und Led Zeppelin – alle Jahre wieder grüßt das musikalische Murmeltier. Womöglich ist aber gerade diese Beständigkeit das Erfolgsgeheimnis. Die Menschen wählen nicht unbedingt das Neueste, Lauteste oder Angesagteste. Sie wählen Musik, die ihnen etwas bedeutet. Musik, mit der sie Erinnerungen verbinden. Musik, die sie durchs Leben begleitet hat. Und nun haben sie auch noch ein Lied von Reinhard Mey in die Top Ten gesetzt, die sich klar gegen den Krieg ausspricht. Sehr gut!
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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