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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosUwe-Bogen-Kolumne
Stuttgart diskutiert über Özdemirs Dienstvilla so heftig, als wolle er den Thron im Neuen Schloss besteigen. Dabei spricht die Sicherheit für den Umzug. Nur die Miete muss auf den Tisch. Bei so viel Platz ist eine Studierenden-WG im abgetrennten Flügel noch drin. Mit Extra-Eingang – ohne Personenschutz beim Bierholen, findet Uwe Bogen.
Mehr als 400 Quadratmeter Wohnfläche für Cem Özdemir, seine Frau und den 16-jährigen Sohn? Das sorgt für reichlich Gesprächsstoff. Unter Posts über den geplanten Einzug in die Dienstvilla des Ministerpräsidenten sammeln sich unzählige Kommentare, von denen viele höchstemotional sind. Das Thema beschäftigt die Menschen offenbar gewaltig. Man könnte fast meinen, Özdemir wolle das Neue Schloss beziehen, den Schlossplatz als Privatgarten einzäunen und sein Volk zum Rasenmähen einteilen.
Natürlich sind 400 Quadratmeter für drei Personen üppig. Da kann man sich morgens auf dem Weg vom Schlafzimmer zum Frühstückstisch schon mal verlaufen. Aber der Grüne hat die Villa auf der Solitude nicht selbst bauen lassen. Das war Ministerpräsident Hans Filbinger, der dort mit seiner Frau und fünf Kindern einzog. Die Größe des Hauses ist also ein Erbe der Landesgeschichte und kein Ausdruck persönlicher Größenfantasien Özdemirs.
Die Aufregung und die bitterbösen Kommentare auf Social Media haben längst Züge einer Neiddebatte angenommen. Dabei gibt es eine überzeugenden Grund für den Umzug: die Sicherheit. Özdemirs bisherige Mietwohnung mitten in Stuttgart müsste aufwendig umgebaut und abgesichert werden. Warum sollte das Land viel Geld in eine fremde Immobilie stecken, wenn es eine eigene Villa besitzt, die für den Ministerpräsidenten vorgesehen ist? Soll man lieber die halbe Innenstadt zur Sicherheitszone erklären? Am Ende braucht jeder Nachbar noch einen Besucherausweis, wenn er seinen Müll rausbringen will.
Nach dem Auszug von Günther Oettinger aus dem üppigen Solitude-Anwesen fand sich kein dauerhafter privater Bewohner. Für die damals verlangten 6000 Euro Monatsmiete wollte offenbar niemand einziehen. Von 2013 bis 2026 nutzte deshalb der Ditzinger Maschinenbauer TRUMPF das Gebäude für Tagungen und Fortbildungen. Eine Dienstvilla als Seminarhotel für Manager – auch das ist eine bemerkenswerte Karriere für ein landeseigenes Gebäude. Nun soll es wieder seinem ursprünglichen Zweck dienen.
Natürlich wird der Regierungschef Miete bezahlen, vermutlich nicht zu knapp. Schon Gerlinde Kretschmann waren seinerzeit rund 3.000 Euro Kaltmiete zu viel. Was Özdemir tatsächlich zahlen wird, muss endlich auf den Tisch. Bisher hält er sich mit konkreten Zahlen zurück. Wer in einem Haus mit mehr als 400 Quadratmetern wohnt, sollte wenigstens bei der Auskunft über die Miete nicht mit Platz geizen. Auch die Frage, wie viele Quadratmeter privat genutzt werden, verdient eine Antwort. Transparenz gehört schließlich nicht nur ins grüne Parteiprogramm, sondern auch in die Dienstvilla. Die Miethöhe muss ja nicht erst vom Verfassungsschutz entschlüsselt werden.
Und was macht man mit so viel Platz? Vielleicht lässt sich ein Teil des Hauses abtrennen und untervermieten. An Studierende etwa, die in Stuttgart verzweifelt ein bezahlbares Zimmer suchen. Oder an Pflegekräfte und Auszubildende, die sich die Mieten kaum leisten können. Eine WG im abgetrennten Flügel der Ministerpräsidentenvilla – das wäre doch mal ein Beitrag gegen die Wohnungsnot! Mit eigenem Eingang, versteht sich. Und ohne Personenschutz beim Bierholen. Dafür könnten die Studierenden gelegentlich die Pakete der Özdemirs annehmen.
Wärmepumpe, vegetarische Maultaschen: Was Cem Özdemir auf der Solitude erwartet
Im Ernst: Der MP hat gute Gründe, in die Dienstvilla einzuziehen. Das Haus gehört dem Land, es wurde für den jeweils aktuellen Regierungschef gebaut, und seine Nutzung kann teure Sicherheitsumbauten an anderer Stelle vermeiden. Statt sich über jeden Quadratmeter zu empören, sollte man froh sein, wenn landeseigenes Eigentum sinnvoll genutzt wird.
Die Miete gehört auf den Tisch. Die Neiddebatte dagegen kann man sich ruhig sparen. Und falls tatsächlich noch Zimmer frei sind: In Stuttgart gäbe es genügend Interessenten. An Bewerbungen dürfte es jedenfalls nicht mangeln. Eine bezahlbare Studentenbude ist in Stuttgart schließlich seltener als ein Ministerpräsident, der beim Blick in den Garten fragt: „Wo pflanze ich eigentlich mein Cannabis an?“
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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