Die Uwe-Bogen-Kolumne
Seltene Vögel? Von wegen, Wirby und Zeus von SWR 3! In Stuttgart hat sich die Warnbake prächtig vermehrt. Sie nistet an Kreuzungen, brütet in Baugruben und steht gern im Rudel herum. Willkommen im größten Warnbaken-Biotop Deutschlands.
Es gibt Tiere, die bekommt man in Stuttgart nur selten zu Gesicht. Den Eisvogel zum Beispiel. Den Feuersalamander. Oder einen Autofahrer, der nach der dritten Umleitung immer noch gute Laune hat.
Und dann gibt es die Warnbake.
Bak. Bak. Bak.
Wirby und Zeus von SWR3 haben diesen bemerkenswerten Vogel ausführlich gewürdigt. Statt „Quak, quak, quak“ macht er natürlich „Bak, bak, bak“. Sogar den passenden Warnbaken-Sound stellten die beiden zum Download ins Netz. Ihrer naturkundlichen Beobachtung zufolge ist die Warnbake ein seltener Vogel, der vermehrt an Autobahnen vorkommt.
Seltener Vogel?
Nett.
Dann waren Wirby und Zeus offenbar länger nicht in Stuttgart.
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Hier steht die Warnbake inzwischen kurz vor der Aufnahme ins Melderegister. Sie lebt an Kreuzungen, auf Fahrbahnen, Gehwegen und rund um Haltestellen. Sie nistet neben Baugruben, bewacht Löcher im Asphalt und tritt bevorzugt in großen Rudeln auf.
Während über die Ausbreitung der Nilgans am Eckensee, Neckar und Max-Eyth-See noch diskutiert wird, hat die Warnbake längst die gesamte Stadt erobert. Vom Talkessel bis in die Außenbezirke: überall dieses prächtige rot-weiße Gefieder.
Und im Gegensatz zur Nilgans kennt die Warnbake keine natürlichen Feinde. Im Gegenteil: Sobald irgendwo ein Bagger auftaucht, sind am nächsten Morgen gleich zwölf neue da.
Bak. Bak. Bak.
Stuttgarts invasivste Art hat einen schwarzen Gummifuß.
Und eine Warnbake kommt schließlich selten allein. Kaum hat man sich an einer Kolonie vorbeigeschlängelt, wartet hinter der nächsten Kurve schon die nächste. Oft begleitet von ihrem natürlichen Partner: dem gelben Umleitungsschild.
Bak. Bak. Bak. Bak. Bak.
Andere Städte haben Wahrzeichen. Paris hat den Eiffelturm. Berlin das Brandenburger Tor. Köln den Dom.
Stuttgart hat die Warnbake.
Der Fernsehturm kann eigentlich einpacken.
Unser modernes Wahrzeichen ist rot-weiß, ungefähr einen Meter hoch und steht auf einem schwarzen Gummifuß. Und das Beste: Man muss nicht mal Eintritt bezahlen. Die Warnbake kommt zu einem. Überall.
Sie passt aber auch perfekt zu Stuttgart. Denn wo eine Warnbake steht, ist meistens eine Baustelle. Und wo eine Baustelle ist, stehen meistens noch 38 weitere Warnbaken. Und weil Stuttgart offenbar irgendwann einmal komplett fertig werden möchte, hat man beschlossen, vorsichtshalber überall gleichzeitig anzufangen.
Willkommen in Stuttgart! Ihr Ziel ist nur drei Umleitungen entfernt!
Das führt zu einem erstaunlichen Naturphänomen: der spontanen Warnbaken-Vermehrung. Warum, lieber Zeus und lieber Wirby, bekommt ihr das nicht mit? Weil ihr immer nur in Baden-Baden hockt, euch nicht dorthin wagt, wo das Leben spielt. .
Bakbakbakbakbakbakbak.
Wie machen die das? Vermutlich gibt es tief unter dem Schlossplatz eine Warnbaken-Königin. Von dort schickt sie täglich neue Arbeiterbaken hinaus in die Stadt. Ein Schwarm Richtung Bad Cannstatt, einer nach Feuerbach, einer nach Vaihingen. Besonders robuste Exemplare werden am Charlottenplatz ausgewildert.
Für Touristen könnte Stuttgart daraus endlich ein Geschäftsmodell machen: die Warnbaken-Safari.
„Meine Damen und Herren, bitte schauen Sie jetzt nach rechts. Dort sehen Sie eine prachtvolle Kolonie von rund 60 Exemplaren. Bitte nicht füttern und auf keinen Fall aussteigen. Eine der Baken könnte Ihnen spontan eine weitere Umleitung zeigen.“
Auch für Menschen auf der Suche nach einer krisensicheren Karriere gibt es eigentlich nur noch einen Rat: Vergesst Immobilien. Vergesst KI. Vergesst Start-ups.
Werdet Warnbaken-Hersteller.
Wer Stuttgart als Großkunden gewinnt, muss danach vermutlich nie wieder arbeiten.
Und falls irgendwann tatsächlich die letzte Baustelle fertig, das letzte Loch zugeschüttet und die letzte Warnbake weggeräumt sein sollte?
Keine Panik.
Dann fällt im Rathaus bestimmt jemandem auf, dass an genau dieser Stelle noch eine Leitung fehlt.
Straße wieder auf.
Bake hin.
Bak. Bak. Bak.
So klingt Stuttgart. Macht die Warnbake zum neuen Stadtwappen!
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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