Uwe Bogen
Spenden verhindern anonyme Beisetzung
Bewegender Abschied von der Radio-Legende: Rainer Nitschke ist zurück in Stuttgart
7. August 2026
Eigentlich sollte Rainer Nitschke anonym beerdigt werden. Doch nach der Recherche von EchtStuttgart und einem Spendenaufruf findet die Radiolegende am Freitag auf dem Waldfriedhof die letzte Ruhe. Eine berührende Trauerfeier mit Gänsehautmomenten zeigt einen Mann voller Widersprüche – und voller Leidenschaft für das Radio.
Es ist ein Ende, das viele bewegt hat – und das ohne echte menschliche Solidarität nach dem Aufruf von EchtStuttgart so nie zustande gekommen wäre.
Radio-Legende Rainer Nitschke hat am Freitag auf dem Waldfriedhof in Stuttgart die letzte Ruhe gefunden. Der Moderator, über Jahrzehnte der größte Radio-Star von SDR und SWR, wurde in einem Baumgrab beigesetzt – in seiner Heimatstadt, die er nie vergessen und in die er sich immer zurückgewünscht hatte.
Die Recherchen von EchtStuttgart nach dem Tod des 79-Jährigen brachten ans Licht, dass Rainer Nitschke anonym bestattet werden sollte. Wochenlang hatten die Behörden in Kehl vergeblich nach Angehörigen gesucht. Für den Mann, dessen markante Stimme Generationen von Radiohörern begleitet hatte und der zuletzt in der Ortenau, unweit des Schwarzwaldradios, lebte, schien es keinen würdigen Abschied zu geben. Dabei hätte seine Geschichte beinahe ein trauriges Ende genommen.
Doch die Geschichte nahm eine andere Wendung – und fand ein schönes, ja versöhnliches Ende.
11.355 Euro für einen letzten Wunsch
Mit einem Spendenaufruf verhinderte EchtStuttgart die anonyme Bestattung. 11.355 Euro kamen zusammen. Den größten Einzelbetrag spendete Peter Maffay. Die Kosten für die Beisetzung sind gedeckt – und sogar darüber hinaus wird Geld übrig bleiben, das nun im Sinne Rainer Nitschkes für das Tierheim Stuttgart und den queeren Verein Weissenburg iverwendet werden kann. Der Moderator war ein Tierfreund und schwul.
„Wir haben Rainer nach Stuttgart geholt“
„Wir haben Rainer nach Stuttgart geholt. Wie schön und traurig zugleich“, sagte sein enger Freund David Sarkar, der den Radiomann in den vergangenen zehn Jahren begleitet hatte. Mit Dehoga-Geschäftsführer Jochen Alber und EchtStuttgart-Redaktionsleiter Uwe Bogen – das waren die Organisatoren – hat er Nitschkes letzten Wunsch erfüllt, in seiner Heimatstadt die letzte Ruhe zu finden.
Immer wieder kamen Trauergäste auf uns zu und bedankten sich für das Engagement, das diesem besonderen Menschen einen würdevollen Abschied ermöglicht hatte.
Weggefährten erzählten, Rainer Nitschke habe sich oft schwer damit getan, Danke zu sagen. Doch hätte er erleben können, was nach seinem Tod geschah – wie viele Menschen sich für einen würdevollen Abschied einsetzten, über 150 spendeten –, wäre er wohl tief bewegt gewesen.
Bata Illic schickte einen Blumengruß zur Beisetzung
Etwa 60 Trauergäste nahmen Abschied. Darunter zahlreiche frühere Kolleginnen und Kollegen vom SDR, SWR und WDR sowie Freunde aus Köln, wo Nitschke jahrzehntelang auch für den WDR gearbeitet hatte. Aus Strassburg ist der Sänger Marc Bianco angereist. Der Sänger Bata Illic schickte mit seiner Frau einen Blumengruß. Auch die Schauspielerin Monika Hirschle nahm Abschied.
Die Rheinländer erinnerten an legendäre Kneipenabende. Mit Rainer durch Köln zu ziehen, erzählten sie, habe immer viel Spaß gemacht. So zahlreich ehemalige Weggefährten gekommen waren – aus den Führungsebenen von SWR oder WDR war niemand erschienen. Der SWR hatte – anders als Regio TV – auch kein Kamerateam geschickt, was bei Trauergästen auf heftige Kritik gestoßen ist.
Ein bewegender Abschied
Die Trauerfeier wurde von Pfarrer Stefan Havlik und Trauerredner Dr. Kiron Patka sehr berührend gestaltet. Es gab zahlreiche Gänsehautmomente. Beide zeichneten nicht nur das Bild des berühmten Radiomannes, sondern vor allem des Menschen hinter der markanten Stimme.
Wo sich das Baumgrab von Rainer Nitschke befindet:
Abt. 35 B (nach dem vierten Brunnen)
Die Seerose als Sinnbild seines Lebens
Patka beschrieb Nitschke als einen Menschen voller Widersprüche – charismatisch, humorvoll und zugleich verschlossen. Millionen Menschen fühlten sich ihm über das Radio nah, privat jedoch fiel es ihm oft schwer, Nähe zuzulassen. So musste er die Feiertage oft alleine verbringen.
Eindrucksvoll schilderte der Trauerredner diesen Gegensatz mit einer poetischen Metapher: Immer wenn im Studio das Mikrofon geöffnet wurde, „ging Rainer auf wie eine Seerose“. Dann sei er „ganz Stimme, ganz Radio, ganz Nähe“ gewesen. Verstummte das Mikrofon, habe sich die Seerose wieder geschlossen. Treffender lasse sich der Mensch Rainer Nitschke kaum beschreiben – ein Moderator, der die Massen berührte, sich selbst aber oft hinter einer unsichtbaren Wand verbarg.
In der Ferne hat Rainer „ganz viel Weite eingesammelt“, sagt Daniel Funke, sein Reisebegleiter
Nitschke reiste viel – von Südamerika bis nach Australien -, fuhr mit seinem Mini gern nach Straßburg, um Schallplatten zu kaufen. Einer seiner Reisebegleiter war Daniel Funke, der heutige Ehemann von Jens Spahn. Rainer hat ihm die Welt gezeigt und gleichzeitig selbst, wie Daniel es im Gespräch mit dem Trauerredner formuliert hat, „ganz viel Weite eingesammelt“.
Beim Schwarzwaldradio, seiner letzten Station als Moderator, stellte er französische Chansons vor, denen seine wahre musikalische Liebe galt. Sein Vater war ja auch Franzose.
Ein Mensch voller Widersprüche
Freunde schilderten ihn als loyal, hilfsbereit und großzügig, zugleich aber als jemanden, der seine Ehrlichkeit häufig vor die Höflichkeit stellte und deshalb mitunter ruppig war. Er habe es einem nicht immer leicht gemacht, ihn zu mögen. Patka sprach von einem ambivalenten Menschen, dessen Gegensätze ihn letztlich so faszinierend gemacht hätten.
Fast sechs Jahrzehnte Radiogeschichte
Der Trauerredner erinnerte an Nitschkes außergewöhnliche Laufbahn. Fast 60 Jahre habe er das Radio in Deutschland geprägt. Seine Stimme, seine Musikauswahl und sein Gespür für neue Künstler hätten Generationen von Hörern begleitet. Radio sei jedoch ein flüchtiges Medium, sagte Patka – umso wichtiger sei die Erinnerung der Menschen.
Dank an die Unterstützer
Bewegend war der Rückblick auf die letzten Monate. Patka erinnerte daran, dass Rainer Nitschke einsam gestorben war und zunächst niemand da gewesen sei, der ihn bestatten konnte. Sein ausdrücklicher Dank galt deshalb den Initiatoren der würdevollen Beisetzung sowie allen Spenderinnen und Spendern.
Pfarrer Stefan Havlik dachte früher, „er sitzt im Radio“
Pfarrer Stefan Havlik erzählte, dass Rainer Nitschke ihn praktisch seit seiner Kindheit begleitet habe. Als kleiner Junge habe er geglaubt, der Moderator müsse in dem kleinen schwarzen Radiogerät sitzen. So präsent sei dessen unverwechselbare Stimme gewesen.
Freunde aus Köln erzählten lieber von den fröhlichen Seiten des Radiomannes. Von langen Kneipenabenden, guten Gesprächen und viel Gelächter. Wer ihn dort jedoch beim Essen oder im Gespräch störte, bekam manchmal nur ein knappes: „Nein, nicht jetzt.“ Dazu machte er eine Fingerbewegung, die seine Kölner Freunde beibehalten haben.
„Bitte nicht stören“
Genau deshalb kam ein kleines Detail am Grab so gut an.
An dem Baumgrab (befindet sich nach dem vierten Brunnen rechts) hängt ein Schild mit der Aufschrift „Bitte nicht stören.“ Patka erklärte, ein Radiostudio brauche schließlich ein solches Hinweisschild – und jeder, der Rainer gekannt habe, wisse: Genau das war sein Humor. Seine Kölner Freunde mussten schmunzeln. Denn genau diesen Satz hätten sie von Rainer auch in mancher Kneipe gehört, wenn Fans mitten in einem Gespräch auf ein Selfie hofften.
Ein würdevoller Abschied
So endet eine Geschichte, die mit großer Einsamkeit begann und schließlich doch von großer Menschlichkeit erzählt.
Rainer Nitschke musste nicht anonym beerdigt werden. Er ist dorthin zurückgekehrt, wo er immer hingehörte: nach Stuttgart. „Wir können stolz auf uns sein“, sagt David Sarkar zu seinen Mitstreitern Jochen Alber und Uwe Bogen.
Und vielleicht passt auch das Bild der Seerose zum Schluss noch einmal: Nach unzähligen Sendungen hat sie sich immer wieder geschlossen. Nun ist sie endgültig zur Ruhe gekommen. Seine Stimme aber wird vielen Menschen im Gedächtnis bleiben.
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