Bravo, Vibrancy, war das stark!
Hach, Stuttgart! Am Samstag zeigt die Stadt, warum man sich immer wieder neu in sie verliebt: Eine volle City, überall wird gefeiert – und vor der Traumkulisse des Neuen Schlosses lässt Vibrancy den Schlossplatz erbeben. Phil Hagebölling und Uwe Bogen von EchtStuttgart waren backstage dabei und lieben die Energie des Kessels.
Am Fassadennetz des Marquardt-Gebäudes steht es derzeit riesengroß, über drei Stockwerke hinweg: „Die Stimmung ist im Keller.“ Darunter sind Porträts der Comedians Emmvee und Fabi Rommel, die Richtung Schlossplatz schauen.
Halt, halt – das stimmt doch erst vom 9. Oktober an. Dann eröffnet im früheren Pop-up-Kellerclub Lerche 21 unter dem Marquardt-Gebäude der Eleven Comedy Club. Dann darf die Stimmung ganz offiziell in den Keller. An diesem Samstagabend aber muss man die Sache genau andersherum erzählen: Die Stimmung oberhalb des Kellers schäumt über, rüber bis zum Schlossplatz und zurück.
Es ist einer dieser Spätsommerabende, an denen man sich auf der Stelle in Stuttgart verlieben könnte, wenn man es nicht ohnehin schon wäre. Die Sonne hat die Stadt noch einmal ordentlich aufgewärmt, Menschen sitzen auf den Rasenflächen des Schlossplatzes, die überfüllten Straßencafés erinnern an Urlaub, die Gäste beobachten das Treiben. Zwei muskulöse Jungs haben ihre Shirts ausgezogen und fordern Passanten zu einer Liegestütz-Challenge heraus. Einer geht runter, wieder hoch, runter, hoch – und die Umstehenden zählen laut mit.
Während vorne noch Liegestütze gezählt werden, kommt von der anderen Seite der Bass. Erst hört man ihn. Dann spürt man ihn.
Vibrancy ist zurück. Zum zweiten Mal verwandelt das von zwei Stuttgarten gegründete Festival den Schlossplatz in eine riesige Open-Air-Tanzfläche, und diesmal sind 8000 Menschen gekommen. Mehr dürfen nicht hinein. 7000 feiern im großen Publikumsbereich vor der Bühne zum Eintrittspreis von 65 Euro. Weitere 1000 Elektrofans haben Premium-Karten gekauft für 140 Euro. . Die sind rund 100 Euro teurer, dafür kommt man dorthin, wo bei normalen Konzerten irgendwann die Absperrung kommt: in den Backstage-Bereich und sogar auf die Bühne.
Hinter dem DJ-Pult ist ein Podest für das Premium-Publikum aufgebaut, dort wird genauso getanzt wie davor – nur mit einem ziemlich außergewöhnlichen Blick über die Menschenmenge bis zum Königsbau.
Selbst hier gibt es noch Abstufungen, sichtbar an den verschiedenfarbigen Bändchen ums Handgelenk. Wer Gold trägt, darf ganz nah ran an den DJ. Rot ist ebenfalls ziemlich nah dran, aber eben nicht ganz so nah. Am Brunnen steht ein riesiges V, das unübersehbare Zeichen von Vibrancy. Rundherum wird getanzt, fotografiert, gefilmt und angestoßen.
Das Publikum ist altersmäßig erstaunlich gut gemischt. Die vorherrschende Kleiderfarbe dagegen ist ziemlich eindeutig: Schwarz. Schwarze Shirts, schwarze Tops, schwarze Kleider, schwarze Sonnenbrillen. Wobei etliche Männer das Problem mit der Kleiderfarbe im Laufe des Abends auf ihre Weise lösen: Sie ziehen ihr Shirt einfach aus.
Für Schmunzeln auf dem Platz sorgt der Mobilfunkempfang, der bei der Masse an Menschen phasenweise komplett weg ist. Einige Gäste unken schon scherzhaft über Jammer oder andere Sicherheitsmaßnahmen auf dem Gelände. Am Ende ist es schlicht die geballte Ladung an Smartphones, die gleichzeitig Videos der einzigartigen Kulisse mit so vielen begeisterten Menschen verschicken will.
Vor allem Melodic House treibt an diesem Abend über den Schlossplatz: druckvolle elektronische Musik, die gleichzeitig von großen Melodien und langen Spannungsbögen lebt. Je dunkler es wird, desto stimmungsvoller wird es. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass man dann einen Gin Tonic mehr hat.
Die Mauern des Neuen Schlosses werden zur illuminierten Kulisse für einen riesigen Open-Air-Club. Für ein paar Stunden verändert der Sound einen Ort, den jeder Stuttgarter kennt – und lässt ihn völlig anders wirken. Mit einer Energie, mit der Stuttgart und der VfB die Champions League gewinnen könnte.
„House wird immer mehr Mainstream“ – Vibrancy auf dem Schlossplatz fast ausverkauft
Ohnehin ist an diesem Samstag mächtig was los in der Innenstadt. In und um die Markthalle wird gefeiert, im Dorotheen Quartier ebenfalls. Wer jetzt durch Stuttgart läuft, erfreut sich an einer City, die voll, laut und lebendig ist.
Musikalisch ist bei Vibrancy einiges geboten. Internationale Namen wie Monolink, Kölsch und Argy sorgten zusammen mit Ben Böhmer, Konstantin Sibold und Henri Bergmann für ein starkes Programm. Natürlich setzt die Produktion der Jazz Open auf diesem Areal seit jeher die Messlatte hoch. Ein eigenständiges Electronic Format muss sich damit aber gar nicht vergleichen. Für die über 8000 Leute auf dem Platz stimmt die Mischung aus Sound, Partystimmung und entspanntem Miteinander.
Dass Dominik Seidenspinner und Felix Müller den Ort mit guter Organisation bespielt haben, tut dem Stuttgarter Eventkalender gut. Solche Tage bringen die Leute zusammen und machen Lust auf mehr. Das weckt auch die Hoffnung, dass Klassiker wie das Stuttgarter Sommerfest im kommenden Jahr wieder ihren Weg in die Innenstadt finden.
Einer, der die Menge besonders zuverlässig in Bewegung bringt, ist Argy. Der griechische DJ und Produzent gehört zu den internationalen Top-Acts und hat sich mit Tracks wie „Aria“, gemeinsam mit Omnya, weltweit in der elektronischen Musikszene einen Namen gemacht. Auf dem Schlossplatz zeigt sich, was diese Musik so massentauglich gemacht hat. Melodien bauen sich auf, verschwinden wieder, Stimmen tauchen auf, die Spannung wird über Minuten hochgezogen. Dann setzt der Bass wieder ein – und die Reaktion kommt sofort.
Als Bodyguards ihn später von der Bühne begleiten, kommen vor allem junge Frauen auf ihn zu. Handys werden gezückt, Selfies gemacht, noch schnell ein Foto, noch eins. Für einen kurzen Moment steht der international gebuchte DJ nicht mehr über einer Menge von Tausenden, sondern mitten zwischen seinen Fans.
Vor einem Jahr hat Vibrancy an zwei Tagen auf dem Schlossplatz gefeiert. Eigentlich hätte diesmal auch das Historische Volksfest stattfinden sollen. Das wurde aus finanziellen Gründen abgesagt. Dann war es zu spät für Vibrancy, einen zweiten Tag mit Top-Act hinzubekommen. Gefragte DJs haben ihre Termine lange im Voraus vergeben.
8000 Besucherinnen und Besucher zeigen, wie groß das Publikum für diesen Sound inzwischen ist. House ist längst aus der Clubnische herausgewachsen. Was früher vor allem nachts hinter schwarzen Türen und in dunklen Clubs stattfand, funktioniert inzwischen bereits am helllichten Nachmittag auf dem schönsten Platz der Stadt. Um 22.30 Uhr muss wegen der Anwohner Schluss sein
Später liegt Dunkelheit über dem Schlossplatz, die Handys leuchten in der Menge, Lichtkegel schneiden durch die Nacht und vor der Bühne stehen noch immer Tausende dicht an dicht. Irgendwo dazwischen tanzt der Ibiza-Kenner vermutlich weiter auf sein kaputtes Knie hin, ein paar Männer haben ihre Shirts längst aufgegeben, und hinter dem DJ-Pult bewegen sich goldene und rote Bändchen im Takt.
Veranstalter Dominik Seidenspinner blickt schon nach vorn: 2027 will er mit Vibrancy wieder an zwei Tagen auf den Schlossplatz bitten. Einen wichtigen Unterstützer hat das Festival dabei mit Finanzminister Danyal Bayaz (Grüne). Das Land ist Hausherr des Schlossplatzes – und geht mit der Vergabe bewusst zurückhaltend um. Der prominenteste Platz der Stadt soll schließlich nicht zum Dauer-Rummelplatz werden. Neben etablierten Großveranstaltungen wie den Jazz Open und dem SWR-Sommerfestival soll dort aber auch ein Angebot für ein jüngeres Publikum seinen Platz haben. Vibrancy hat das Rennen dafür gemacht – und wird mit hohem Publikumszuspruch belohnt.
Kein Witz! EMMVEE und Fabi Rommel eröffnen Stuttgarts ersten Comedy Club
Später schneiden Lichtkegel durch die Dunkelheit, der Bass wummert über den Schlossplatz und vor der rolt erleuchteten Fassade des Neuen Schlosses wogt die Menge. Tausende tanzen, springen, reißen die Arme hoch. Wer jetzt mitten auf dem Platz steht und sich umschaut, versteht wieder einmal, warum man sich in diese Stadt immer wieder neu verlieben kann.
Und drüben am Marquardt-Gebäude steht noch immer in riesigen Buchstaben: „Die Stimmung ist im Keller.“
Mag sein – ab 9. Oktober.
An diesem Samstag ist sie jedenfalls im Kessel. Und der kocht.
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