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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosGoldener Volltreffer im Rathaus verliehen
„Stuttgart ist meine Stadt.“ Der gebürtige Hamburger Axel Preuß macht Stuttgart eine Liebeserklärung. Bei der Verleihung des Goldenen Volltreffers spricht der Theaterintendant am Dienstagabend im Rathaus auch über seinen Vater, der die Altstars des FC St. Pauli trainierte, und warnt vor Kürzungen bei der Kultur.
Den „Oscar von Stuttgart“ hat der frühere Oberbürgermeister Manfred Rommel den Goldenen Volltreffer der Stuttgarter Prominentenkicker einst genannt. Und wer wollte einem Manfred Rommel da schon widersprechen? In diesem Jahr geht der Preis an Axel Preuß, den Intendanten der Schauspielbühnen Stuttgart. Seit August 2018 leitet der gebürtige Hamburger das Alte Schauspielhaus und die Komödie im Marquardt. Längst ist der Kessel mit seinen wunderschönen Hügeln für ihn zur Heimat geworden. Ein Mann, der nicht nur Theater macht, sondern sich auch mit Leidenschaft für seine Stadt engagiert. Und der seine Dankesrede im Rathaus nutzt, um den Verantwortlichen in der Kommunalpolitik einige nachdenkliche Worte mit auf den Weg zu geben.
Die Auszeichnung überreicht Stuttgarts Erster Bürgermeister Fabian Mayer, der auch die Laudatio auf den Theaterintendanten hält. Für den musikalischen Glanz des Abends sorgen Tenor Loïc Damien Schlentz und Pianist Florian Fries, die bereits in der Erfolgsproduktion „Comedian Harmonists“ im Alten Schauspielhaus Triumphe feierten.
Große Gefühle, großer Applaus: Schauspielbühnen feiern ihre Publikumslieblinge
Vergeben wird der Goldene Volltreffer seit 1983 von den Stuttgarter Prominentenkickern. Der 1975 gegründete Verein zählt heute rund 600 Mitglieder. „Wer prominent ist, bestimme ich“, sagte einst der frühere ADAC-Sprecher Erich Brodbeck, der Vater der „Prokis“. Recht lustig ging es also zu bei dem 2013 verstorbenen Präsidenten Erich und den Seinen. Aber es ging niemals nur um Spaß. Es ging immer auch darum, Stuttgart voranzubringen, Menschen zusammenzuführen und etwas für die Stadt zu bewegen. Diesen Gedanken pflegt der Freundeskreis bis heute, wie sein Präsident Hans-Ulrich Jelitto betont.
Mit Axel Preuß zeichnen die Prominentenkicker einen Mann aus, der die verbindende Kraft von Kultur nicht nur beschwört, sondern lebt.
Dabei beginnt alles mit einer Überraschung. Als Impressario Michael Russ ihn zum Essen einlädt, ahnt Preuß noch nicht, was ihn erwartet. Erst beim Treffen erfährt er, dass ihm der Goldene Volltreffer für seine Verdienste im kulturellen und gesellschaftlichen Bereich verliehen werden soll.
Dass ausgerechnet die Prominentenkicker ihn ehren, hat für Preuß auch eine familiäre Note. Sein Vater gehört 1990 zu den Gründern der Traditionsmannschaft des FC St. Pauli und trainiert viele Jahre die dort kickenden Altstars. Fußball gehört in seiner Familie zum Alltag. Seine Mutter, erzählt Preuß lächelnd, sei nach den Worten seines Vaters bis zu seiner Geburt das gewesen, was man heute eine Spielerfrau nennt. Vor allem aber sei sie für die Kultur zuständig gewesen. Ihrer kleinen Bibliothek verdanke er nicht zuletzt seinen Weg zum Theater.
Fußball und Theater haben für Preuß ohnehin mehr gemeinsam, als man zunächst vermuten könnte. Bereits 2016 widmet er ihrer gesellschaftsverbindenden Kraft ein ganzes Festival, bei dem unter anderem die Erste Deutsche Fanchormeisterschaft ausgetragen wird.
Vor allem aber ist seine Rede eine Liebeserklärung an Stuttgart.
„Stuttgart – das kann ich nach acht Jahren aus vollem Herzen sagen – ist meine Stadt.“
Was ihn an Stuttgart so begeistert, ist nicht allein die bemerkenswerte Kulturlandschaft, deren Vielfalt sich durchaus mit München, Hamburg oder Berlin messen könne. Es ist vor allem die besondere Art, wie hier miteinander umgegangen wird.
„Zu den Besonderheiten Stuttgarts gehört es, dass die Akteure hier miteinander sprechen und versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden.“
Diese Lust am gemeinsamen Dialog, am gemeinsamen Schaffen, aber auch am gemeinsamen Streiten sei etwas Besonderes. Preuß sieht darin eine Stärke, die gerade in schwierigen Zeiten nicht hoch genug eingeschätzt werden könne.
Konkurrenz, sagt er, sei durchaus wichtig. Sie könne antreiben und motivieren. „Aber Konkurrenz ist nicht alles. Sie muss produktiv sein und kooperativ bleiben.“
Damit ist Preuß bei einem Thema, das ihm besonders am Herzen liegt: der gesellschaftlichen Verantwortung von Kunst und Kultur. Denn angesichts wirtschaftlicher Unsicherheit, internationaler Krisen und zunehmender politischer Polarisierung brauche es mehr denn je Menschen und Institutionen, die Brücken bauen.
„Gemeinsinn und Solidarität sind – kommunal, national und international – das Gebot der Stunde.“
Mehr als 170.000 Besucherinnen und Besucher kommen jährlich in das Alte Schauspielhaus und die Komödie im Marquardt. Menschen unterschiedlicher Herkunft und gesellschaftlicher Milieus begegnen sich dort. „Unterhaltung mit Haltung“ lautet das Credo der Schauspielbühnen. Theater solle nicht nur unterhalten, sondern Menschen zusammenführen, neue Perspektiven eröffnen und zum Nachdenken anregen.
Dazu gehört für Preuß auch soziales Engagement. So beteiligen sich die Schauspielbühnen an einer städtischen Initiative gegen Einsamkeit. Denn Einsamkeit könne auch politische Radikalisierung begünstigen. Die 2019 gegründete Solidargemeinschaft Stuttgarter Theater mit ihren 16 beteiligten Bühnen ist ein weiteres Beispiel für den Zusammenhalt, den Preuß an Stuttgart so schätzt.
Deutlich politischer wird Preuß, als er auf die schwierige Haushaltslage der Stadt zu sprechen kommt. Dass Stuttgart angesichts sinkender Steuereinnahmen sparen müsse, stellt er nicht infrage. Auch die Schauspielbühnen müssten ihren Beitrag leisten. Doch eines stellt er klar:
„Um unsere künstlerische und gesellschaftsrelevante Arbeit leisten zu können, brauchen wir die bisherige Förderung seitens der Stadt.“
Dabei argumentiert Preuß nicht nur kulturell, sondern vor allem wirtschaftlich. Er verweist auf die Industrie- und Handelskammer Stuttgart, die Kunst und Kultur ausdrücklich als wichtigen Standortfaktor bezeichnet. Kultur fördere Kreativität und Innovation, ziehe Besucher an und mache die Stadt für Unternehmen und Fachkräfte attraktiv.
Besonders eindrucksvoll sind die Zahlen einer im Sommer 2026 veröffentlichten Berliner Studie: Demnach bringt jeder Euro öffentlicher Kulturförderung durchschnittlich mehr als 3,50 Euro an wirtschaftlichen Rückflüssen. Einer jährlichen Förderung von rund 528 Millionen Euro stehen laut Studie wirtschaftliche Effekte von 1,88 Milliarden Euro gegenüber. Rund 63 Prozent davon entstehen durch die Ausgaben von Kulturbesuchern, insbesondere Touristen.
Happy Birthday! Die Komödie im Marquardt wird 75 – und bekommt sogar ein Baby
Für Preuß liegt die Schlussfolgerung nahe: Auch Stuttgart sollte untersuchen lassen, welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen seine Kulturlandschaft bringt.
Als sachkundiges Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien des Gemeinderats hat Preuß bereits angeregt, die Berliner Untersuchung näher zu betrachten. Er fordert eine vergleichbare Studie für Stuttgart – und zwar möglichst rasch, bevor weitere Sparrunden bleibende Schäden anrichten.
Denn Kultur sei nicht nur eine Frage der Lebensqualität. Auch das abendliche Kultur- und Gastronomieangebot spiele eine wichtige Rolle, wenn es darum gehe, Fachkräfte zu gewinnen und Stuttgart als Wirtschaftsstandort attraktiv zu halten.
Deshalb schließt sich Preuß einer Forderung des früheren Theatermachers und Volltreffer-Preisträgers Werner Schretzmeier an. Dieser hatte anlässlich seiner Auszeichnung mit der Stuttgarter Bürgermedaille ein Moratorium bei den Kürzungen im Kulturbereich ins Gespräch gebracht.
Preuß unterstützt diesen Vorstoß ausdrücklich – und das ganz bewusst im Rathaus, wo über die Zukunft der städtischen Kulturförderung entschieden wird.
Bei aller Ernsthaftigkeit beweist Preuß auch Humor. Mit Blick auf die bisherigen Preisträger wünscht er sich, dass der nächste Goldene Volltreffer an eine Frau geht. Nach seiner Zählung wäre sie erst die siebte unter dann 43 Geehrten.
So wird aus einer Dankesrede ein leidenschaftliches Plädoyer für Stuttgart und seine Kultur. Preuß würdigt den besonderen Zusammenhalt der Stadt, fordert aber zugleich, diesen nicht durch kurzsichtige Sparmaßnahmen zu gefährden.
Seine Botschaft ist klar: Wer an der Kultur spart, sollte wissen, welchen Preis Stuttgart dafür bezahlt. Denn was über Jahrzehnte gewachsen ist, lässt sich nicht so einfach wiederherstellen.
Ein Goldener Volltreffer also – und eine Liebeserklärung an Stuttgart, die zugleich eine eindringliche Mahnung ist.
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