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Heute sollten junge Leute gehört werden – Randale klaut ihnen ihre Stimme
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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosEindrücke von der großen Demo
Pariser Verhältnisse blieben bis zum Abend aus. Tausende zogen am Samstag beim Gen-Z-Protest durch Stuttgart – deutlich mehr als erwartet. Eindrücke von einer Demo zwischen jugendlichem Idealismus, berechtigten Forderungen, nervender Pyro und politischen Trittbrettfahrern.
Stell dir vor, die Gen Z demonstriert – und viele, die mitlaufen, sind gar nicht Gen Z. So lässt sich dieser Samstag in Stuttgart beschreiben.
Zunächst fällt etwas positiv auf: Keine Vermummten im Demonstrationszug. Auf der Königstraße malen junge Leute noch ihre Plakate. Auf einem steht eine To-do-Liste: „Frieden. Klimaschutz. Liebe & Gleichberechtigung.“
Vier Wünsche, gegen die wohl niemand etwas einzuwenden hat.
Eigentlich soll es um Bildungsnotstand, Sozialkürzungen, Wehrpflicht, Wohnungsnot und Klimaschutz gehen. Um die Zukunft einer Generation, die sich fragt, wie sie sich später eine Wohnung leisten soll und warum an Schulen gespart wird.
Doch zu hören sind vor allem Parolen gegen Faschismus, für Palästina und „Hoch die internationale Solidarität“. Zahlreiche politische Grüppchen haben sich angeschlossen. Offenbar eine willkommene Gelegenheit, ihre eigenen Botschaften vor großem Publikum loszuwerden.
Das ärgert auch einige Schülerinnen und Schüler, mit denen EchtStuttgart gesprochen hat. Sie wollen für bessere Schulen demonstrieren – nicht als Kulisse für fremde politische Anliegen dienen.
Am Straßenrand steht eine wütende Mutter. Als wieder Palästina-Rufe ertönen, fordert sie die Umstehenden auf, miteinzusteigen: „Geld für Kinder, nicht für Kriege!“
Viele stimmen ein. Ein Gegenchor vom Straßenrand. Später hört man dann auch Gen-Z-Jugendliche rufen: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr unsere Zukunft raubt.“
Die Polizei bleibt an diesem Samstag während der Demonstration weitgehend ruhig und besonnen. Und das, obwohl sie sich immer wieder Parolen wie „Ganz Stuttgart hasst die Polizei!“ anhören muss.
Am Schlossplatz werden lautstarke Demonstrierende von der übrigen Menge getrennt. Schülerinnen und Schüler sind das ganz offensichtlich nicht. Genau das hatte ein Verantwortlicher der Gen-Z-Demo im Gespräch mit EchtStuttgart gefordert: Gewaltbereite Menschen sollen von der eigentlichen Demonstration ferngehalten werden.
Anfangs bleibt alles friedlich. Doch je länger der Zug unterwegs ist, desto häufiger knallt es. Menschen erschrecken, einige laufen auseinander. Pyrotechnik in Menschenmengen geht gar nicht.
Auch eine Festnahme ist zu beobachten. Warum der Mann abgeführt wird, bleibt unklar. Hat er einen Knallkörper gezündet? Das lässt sich vor Ort nicht feststellen. Als die Polizei ihn abführt, reagieren Demonstrierende mit lauten Buhrufen.
Entgegen der Absprachen, so die Polizei, zieht die Demo über eine andere Strecke als vereinbart. „Die Versammlungsleitung hat eine Kooperation verweigert“, heißt es auf dem WhatsApp-Kanal der Polizei. Auch hätten sich immer wieder Teilnehmer in verschiedene Richtungen entfernt. Der Demonstrationszug wurde mehrfach gestoppt. Am Ende erreichen die meisten den Marienplatz. Dort werden Polizeibeamte mit Gegenständen beworfen, teilt eine Polizeisprecherin mit. Es kommt zu Verhaftungen.
In der Innenstadt haben etliche Geschäfte vorsorglich ihre Schaufenster verbarrikadiert. Nur kommt der Demonstrationszug an vielen gar nicht vorbei. Die befürchteten Verwüstungen bleiben bis zum frühen Abend aus.
Zahlreiche Zaungäste filmen und fotografieren. Nicht alle haben Verständnis.
„Die Gen Z will doch nur Work-Life-Balance und gar nicht arbeiten. Demonstrieren die jetzt fürs Nichtstun?“, spottet ein Zuschauer.
Ein billiges Klischee. Wer für bessere Bildung und bezahlbare Wohnungen demonstriert, setzt sich durchaus für seine Zukunft ein.
Doch auch andere Zuschauer kritisieren die vielen politischen Grüppchen, die mit den eigentlichen Anliegen der Jugend wenig zu tun haben.
Zur Generation Z zählen ungefähr die zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Das Z folgt schlicht auf Generation X und Y. Es ist die Generation, die mit Smartphones und sozialen Medien groß geworden ist.
In Stuttgart laufen auch viele deutlich Ältere mit. Dagegen ist nichts einzuwenden. Entscheidend ist, ob sie die Anliegen der Jugend unterstützen oder übertönen.
Um 16.47 Uhr erklärt die Polizei auf dem Marienplatz, das Ziel des Protestzuges, die Demo für beendet. Die Schülerinnen und Schüler ziehen ab, gehen wohl nach Hause. Doch etliche bleiben da, die wohl auf Randale aus sein. Es kommt zu einem Gerangel. Die Polizei setzt Pfefferspray ein. Derweil wird die Königstraße nun abgesichert von Wasserwerfern der Polizei. Die Stimmung ist aufgeheizt am Rotebühlplatz. Polizei-Busse fahren vor.
Seien wir froh: Pariser Verhältnisse sind Stuttgart – Stand 18 Uhr – erspart geblieben.
Doch bei all den Hoch-die-Internationale-Rufen, politischen Grüppchen und Knallkörpern bleibt eine Frage: Wo sind die Forderungen der Gen Z geblieben?
Die Jugend wollte gehört werden. Am lautesten waren oft die anderen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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