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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosWirtschaftsempfang der Stadt bei "& Julia"
206 Kilometer reisen Musicalfans im Schnitt nach Stuttgart. Mit dieser Zahl überrascht Stage-Chefin Uschi Neuss beim Wirtschaftsempfang von OB Frank Nopper. Im Palladium sprüht sie vor Begeisterung für ihren Beruf, fordert besseren Nahverkehr und spricht über neue Musicalideen. Und „& Julia“? Bleibt nur ein Jahr.
Stuttgart muss sparen, die Kassen sind leer. Niemand weiß, wie die notwendige Sanierung der Staatsoper finanziert werden soll. Gleichzeitig gibt es Musicalfans, die freiwillig tief in die Tasche greifen – für Emotionen, großes Kino, mitreißende Musik und ein paar Stunden in einer anderen Welt. Und davon offenbar jede Menge. Deshalb verfügt die sechstgrößte Stadt Deutschlands gleich über zwei große Musicaltheater und spielt nach Hamburg die zweite Hauptrolle unter Deutschlands Musicalstädten. Das Beste für die klamme Stadtkasse: Sie muss keinen Cent zuschießen.
Wie wichtig die Musicals für Stuttgart sind, zeigt sich beim vierten Wirtschaftsempfang der Stadt im Stage Palladium Theater in Möhringen. Rund 900 Gäste aus Wirtschaft, Kommunalpolitik, Kultur und Stadtgesellschaft sind gekommen. Die Reihen sind fast vollständig besetzt. Man sieht Wirtschaftsgrößen, Entscheidungsträger wie den Dehoga-Vorsitzenden Dennis Shipley und Dehoga-Geschäftsführer Jochen Alber die Stuttgarter Architektin Shirin Frangoul-Brückner, die das Grand Egyptian Museum nahe der Gizeh Pyramiden inszeniert hat, Johannes Ellenberg, den Präsidenten des Stuttgarter Startup-Vereins, Dundu-Gründer Stefan Charisius, Intendanten wie Werner Schretzmeier und Axel Preuß, Landtags-Vizepräsidentin Muhterem Aras und etliche Gemeinderatsmitglieder. Oberbürgermeister Frank Nopper lädt ein, Stage Entertainment ist Gastgeber.
Normalerweise geht es auf dieser Bühne bei „& Julia“ um Liebe, große Gefühle und die Frage, was Julia ohne Romeo ist. An diesem Abend fragt man sich eher: Kann auch Stuttgart zur großen Liebe für Einheimische und Zugereiste werden – dank seiner Kultur? Und wie viel trägt sie dazu bei, dass Menschen gern hierherziehen?
Nach Reden und Diskussion gibt es als musikalischen Höhepunkt Kostproben aus dem Musical „& Julia“, das am Donnerstag Stuttgart-Premiere gefeiert hat.
Premiere von „& JULIA“: Ein Musical zum Verlieben – auch wenn Romeo ein Lauch ist
Gleich zu Beginn seiner Rede will Nopper wissen: Was passierte am 2. Dezember 1994 in Stuttgart? Die ersten Gäste, die er fragt, wissen es nicht. Doch einer kennt die Antwort: der Schreiber dieser Zeilen, der sie laut in den Saal ruft. An diesem Tag feierte „Miss Saigon“ Premiere im neuen Musicaltheater im SI-Centrum. Es war der Auftakt einer Erfolgsgeschichte. Mehr als 20 Millionen Besucher erlebten hier seither über 30 Musicalproduktionen.
Die eigentliche Überraschung liefert Stage-Chefin Uschi Neuss. Sie präsentiert Zahlen aus Besucherbefragungen: 72 Prozent der Musicalgäste kommen von außerhalb des VVS-Gebiets. Ihre durchschnittliche Anreise beträgt erstaunliche 206 Kilometer. Wer hätte gedacht, dass Menschen für einen Musicalabend so weit fahren?
33 Prozent übernachten in Stuttgart, im Schnitt 1,6 Nächte. Das freut Hoteliers, Gastronomen und Einzelhändler. Denn viele Gäste gehen shoppen, besuchen die Wilhelma, das Mercedes-Benz Museum, machen eine Stadtrundfahrt oder gehen essen. Musicals bringen also nicht nur Menschen, sondern auch Kaufkraft in die Stadt.
Später im Foyer gibt es bei Getränken und am Buffet eine kuriose Erkenntnis: Die Musicalfans reisen zwar von weit her an, aber aus Bayern kommen offenbar so gut wie keine. Wollen die Bayern nicht nach Stuttgart? Na gut, wenn sie was verpassen wollen.
Bei aller Begeisterung sieht Uschi Neuss Verbesserungsbedarf. Der öffentliche Nahverkehr in Stuttgart müsse deutlich besser werden, fordert sie.
Im Foyer ist zu hören, dass sich die Musicalmacher einen von der Stadt und der Stage gemeinsam finanzierten Shuttle-Service wünschen, der die Theater auf den Fildern besser mit der Innenstadt verbindet. Schließlich sollen und wollen die Gäste auch Stuttgart entdecken, hier essen gehen oder übernachten. Bei 206 Kilometern durchschnittlicher Anreise sollte es an den letzten Kilometern nicht scheitern.
Stage-Unternehmenssprecher Stephan Jaekel macht im Gespräch mit EchtStuttgart deutlich: „& Julia“ bleibt nur ein Jahr in Stuttgart, eine Verlängerung ist nicht vorgesehen. Das müsse man den Fans klar sagen, damit sie den Besuch nicht auf die lange Bank schieben.
Und was kommt danach? Uschi Neuss lässt sich keinen Namen entlocken. Sie verrät aber, wohin die Reise beim Live-Entertainment gehen soll: Stage will neue Formen finden, um das Publikum stärker ins Musicalgeschehen einzubeziehen.
Die neue Musical-Lounge mit Bistrotischen und Stühlen ist ein Anfang, für ein neuartiges Theatererlebnis zu sorgen. Ursprünglich war dort eine Partyzone wie in einem Club geplant, doch jetzt können sich Gäste doch setzen.
Wer Uschi Neuss auf der Bühne erlebt, merkt schnell: Diese Frau lebt für Entertainment. Man spürt, wie sehr sie und ihr Team fürs Musical brennen. Ihr geht es um Emotionen, die noch lange nach dem Musicalbesuch beim Publikum nachwirken. „Ich bin begeistert von dem, was ich tue“, sagt sie. Und man glaubt es ihr sofort.
Stage Entertainment wurde 1998 in Amsterdam gegründet und gehört seit 2018 vollständig dem privaten US-amerikanischen Medienunternehmen Advance. Der Umsatz lag 2025 mit 2500 Mitarbeitenden bei 556 Millionen Euro. Aktiv ist die Stage außer in Deutschland auch in den Niederlanden, Frankreich, Spanien, Italien und dem Vereinigten Königreich.
Bemerkenswert ist allerdings, wer in Uschi Neuss’ ausführlichem Blick auf das Unternehmen nicht vorkommt: Rolf Deyhle, der Stuttgart einst zur Musicalstadt machte. Kein Wort über den Pionier, ohne den die Erfolgsgeschichte am Standort kaum denkbar wäre. Deyhle, der sich 2014 das Leben nahm. gilt in der Branche bis heute als umstrittene Figur.
Ähnlich wie bei den Jazz Open tragen auch bei den Musicals private Veranstalter das wirtschaftliche Risiko selbst. Anders als die öffentlich getragene Oper kommen sie ohne vergleichbare institutionelle Förderung aus. Gerade in Zeiten knapper Kassen zeigt sich, wie wertvoll privates Engagement für die Kultur ist. Allerdings hat das Geschäftsmodell auch seinen Preis: Wer Gewinne erwirtschaften muss, setzt lieber auf publikumswirksame Erfolgsshows als auf künstlerische Experimente. Das Wagnis, auch mal etwas Sperriges oder Unbequemes auf die Bühne zu bringen, bleibt eher den öffentlich geförderten Theatern überlassen.
Kultur ist längst mehr als ein schönes Freizeitangebot. Unternehmen, die qualifizierte Mitarbeiter gewinnen wollen, müssen ein attraktives Lebensumfeld bieten. Wer für einen neuen Job nach Stuttgart ziehen soll, fragt nicht nur nach Gehalt und Karrierechancen, sondern auch danach, was die Stadt außerhalb der Arbeitszeit zu bieten hat.
Konzerte, Theater, Festivals, Museen und Gastronomie können bei der Entscheidung für einen Arbeitsplatz eine Rolle spielen. Lebensqualität wird im Wettbewerb um Fachkräfte zum Standortvorteil.
Das Problem ist womöglich weniger das Angebot als die Art, wie wir darüber sprechen. Genau hier setzt Armin Dellnitz, Geschäftsführer von Stuttgart-Marketing, in der von Laurien Weinbrenner moderierten Gesprächsrunde an. Mit ihm diskutieren Stage-Chefin Uschi Neuss, Unternehmer Andreas Lapp und Christina Schenck, die bei Mercedes-Benz für Digital & Communications sowie Investor Relations verantwortlich ist.
Dellnitz’ Botschaft: Wir Stuttgarter sind viel zu bescheiden. Wir sollten selbstbewusster auftreten und zeigen, was unsere Stadt alles kann. Denn die Marke Stuttgart ist nicht allein Sache des Stadtmarketings. Sie lebt von den Unternehmen, den Kultureinrichtungen und vor allem von den Menschen, die hier leben und etwas bewegen.
„Wir sind Stuttgart“ – diese Haltung sollten wir gemeinsam nach außen tragen. Genau dafür steht auch EchtStuttgart: Wir wollen zeigen, warum unsere Stadt so besonders ist und wie wir sie mit Ideen, Leidenschaft und Engagement voranbringen.
OB Frank Nopper versprüht, wie man von ihm’s gewöhnt ist, eine XXXL-Version von Selbstbewusstsein. Die Stadt Stuttgart gehöre weiterhin zu den wirtschaftsstärksten Großstädten Deutschlands, betont er. Trotz der Probleme der Automobilindustrie verweist er auf Innovationskraft, neue Investitionen und Zukunftsperspektiven.
Sein Fazit, angelehnt an Wolfgang Schäubles berühmte Formulierung: „Isch over“, lautet: Nichts ist vorbei. Jetzt müsse es erst richtig losgehen.
Vielleicht ist die Musicalbühne tatsächlich der richtige Ort für diesen Wirtschaftsempfang. Denn „& Julia“ erzählt davon, dass eine Geschichte nicht zwangsläufig so enden muss, wie alle es erwarten.
Auch Stuttgart muss sich nicht auf die Rolle einer Automobilstadt reduzieren lassen, die sorgenvoll auf ihre industrielle Zukunft blickt. Die Stadt hat weit mehr zu bieten: Wissenschaft, Technologie, innovative Unternehmen, Gastronomie und eine Kulturlandschaft, für die Menschen bereit sind, im Schnitt 206 Kilometer anzureisen.
Das ist doch eine Nachricht, mit der man selbstbewusst umgehen kann.
Vielleicht sollten wir uns dabei etwas von Uschi Neuss abschauen: Begeisterung für das, was man tut, ist ansteckend.
Jetzt müssten wir nur noch die Bayern davon überzeugen.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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