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Kommentar zur Wasenbilanz

Nur 2,5 Millionen Besucher auf dem Cannstatter Volksfest – was stimmt da nicht?


Uwe Bogen 4 Min. Lesezeit News

War das Volksfest tatsächlich so viel leerer als in den Vorjahren? Oder waren die Besucherzahlen früher zu hoch? Die Bilanz von in.Stuttgart sorgt für Verwunderung. Denn die Zahlen passen kaum zu den Eindrücken von Wirten, Schaustellern und Gästen. Warum die Marke Volksfest neue Ideen braucht, kommentiert Uwe Bogen.

Leer sieht es auf dem Cannstatter Volkfest 2026 nicht aus - kamen trotzdem 1,7 Millionen Menschen weniger als vor einem Jahr? Foto: in.Stuttgart/Thomas Niedermüller

2,5 Millionen Besucherinnen und Besucher. Diese Zahl muss man erst einmal sacken lassen. So viele Menschen sollen in den vergangenen 17 Tagen auf dem Cannstatter Volksfest gewesen sein. Vor einem Jahr waren es offiziell noch 4,3 Millionen, vor zwei Jahren sogar 4,8 Millionen. Und beim Oktoberfest in München wurde diesmal ein Rekord mit 7,4 Millionen Besuchern gemeldet.

Stuttgart erreicht also nur rund ein Drittel der Münchner Wiesn? Wer an den vergangenen drei Wochenenden über den Wasen gelaufen ist, dürfte sich verwundert die Augen reiben. Denn eines war das Volksfest 2026 , das an diesem Sonntag endet, ganz bestimmt nicht: leerer als im vergangenen Jahr.

Gerade freitags und samstags drängten sich die Menschen durch die Gassen. Die Festzelte waren voll, vor den Fahrgeschäften bildeten sich Schlangen. Natürlich gab es ruhigere Stunden. Aber einen Besuchereinbruch um fast 42 Prozent? Den hat wohl kaum jemand wahrgenommen.

Wenn die neuen Zahlen stimmen, was war dann früher?

Wurden in den vergangenen Jahren viel zu hohe Zahlen verkündet? Oder wird jetzt zu niedrig gezählt? Die neue Führung von in.Stuttgart um Geschäftsführer Guido von Vacano hat die Besucherzahlen diesmal offenbar sehr genau erfassen lassen. Wer im Gebäude der Veranstaltungsgesellschaft war, konnte sehen, wie akribisch die Zahlen dokumentiert wurden. Deshalb dürften die aktuellen 2,5 Millionen eine belastbare Größe sind.

Nur führt das zu einer unbequemen Frage: Wenn die Zahlen von heute stimmen, wie verlässlich waren dann die Zahlen von gestern?

Über Jahre waren die Millionenmeldungen vom Wasen eine Art Erfolgsgarantie. Je größer die Zahl, desto größer der Jubel. Vielleicht hat man sich zu sehr an eine Zählweise gewöhnt, die mehr mit Schätzungen als mit exakter Erfassung zu tun hatte. 

Foto: Thomas Niedermüller

Gewiss, der 3. Oktober fiel diesmal auf einen Samstag. Damit fehlte ein zusätzlicher starker Feiertagsabend. Auch ein VfB-Heimspiel gab es nicht. Und Länderspiele mit dem neuen Bundestrainer hielten Fußballfans zuhause. Das parallel stattfindende Landwirtschaftliche Hauptfest brachte zwar zusätzliche Gäste, sorgte aber dafür, dass der Großteil der Parkplätze ersatzlos wegfiel – für viele Wasengänger ein Grund, nicht so oft zu kommen.

Volle Zelte, euphorisierte Wirte

Bei den Wirten, mit denen wir gesprochen haben, ist die Stimmung sehr gut, zum Teil geradezu euphorisch – und etliche wollen kaum glauben, dass die Zahlen von in.Stuttgart stimmen. Ein Festwirt sagt: „Wir sind absolut verwundert. Die Zelte waren sehr gut gefüllt wie letztes Jahr, auch wenn weniger Bier getrunken wird.“

Ein anderer berichtet sogar von einer leichten Umsatzsteigerung, unter anderem dank größerer Reservierungen und zusätzlicher Gäste durch das Landwirtschaftliche Hauptfest.

Auch aus weiteren Festzelten kommen positive Rückmeldungen. Firmenveranstaltungen hätten deutlich zugelegt, vor allem in der zweiten Woche seien die Zelte sehr gut ausgelastet gewesen.

Die Schausteller ziehen ebenfalls eine überwiegend positive Bilanz. Neue Attraktionen wie die „Wilde Maus XXL“ und das noch höhere Riesenrad hätten den Platz aufgewertet. Beim Krämermarkt sei allerdings eine gewisse Kaufzurückhaltung zu spüren gewesen.

Mehr Umsatz ist nicht gleich mehr Gewinn

Natürlich lassen sich volle Zelte und gute Umsätze nicht automatisch mit hohen Besucherzahlen gleichsetzen. Und angesichts gestiegener Kosten bedeutet mehr Umsatz noch lange nicht mehr Gewinn.

Die Rahmenbedingungen sind schwieriger geworden. Die Stadt hat die Gebühren ausgerechnet in wirtschaftlich angespannten Zeiten um 36 Prozent erhöht. Auch die Probleme bei der Bahn und der Anreise sind für ein Fest, das auf Gäste aus der gesamten Region angewiesen ist, keine Nebensache.

Beim VfB-Tag im Hofbräu-Zelt Beim Benz feiern die Profis, der singende Präsident (auf dem Foto mit Hofnarr Luigi) und der Vorstandsvorsitzende mit - einer in unserer Fotocollage ist aber kein Fußballer. Wer erkennt Leo Neugebauer? Fotos: VfB

Gute Stimmung trotz schlechter Zahlen

Bemerkenswert ist, dass in.Stuttgart trotz des drastischen Rückgangs eine positive Bilanz zieht. Guido von Vacano spricht bei seiner Volksfest-Premiere von 17 schönen und intensiven Tagen. Eine Besucherbefragung ergab die Durchschnittsnote 1,6. Auch Abteilungsleiter Christian Eisenhardt freut sich: „Ich finde es vor allem mega, dass alle zufrieden sind.“

Das zeigt: Der Erfolg eines Volksfests lässt sich nicht allein an Besucherzahlen messen. Es geht um Atmosphäre, Lebensfreude, zufriedene Gäste und darum, dass Wirte und Schausteller wirtschaftlich bestehen können. Und klar ist aber auch: Je mehr Besucher kommen, desto besser sieht es wirtschaftlich aus. 

Trotzdem muss geklärt werden, wie die Zahlen zustande kommen. Wenn sich die Zählmethode geändert hat, muss man das offen sagen. Und wenn frühere Zahlen auf großzügigen Hochrechnungen beruhten, sollte auch das kein Tabu sein.

Der Wasen braucht neue Ideen

Die 2,5 Millionen Besucher sind kein Grund zur Panik, aber ein Weckruf. Vielleicht waren es früher gar nicht so viele, wie uns immer erzählt wurde. Vielleicht wird heute nur genauer gezählt.

Entscheidend ist, was nun passiert. Stadt, Veranstalter, Wirte und Schausteller müssen gemeinsam überlegen, wie sie die Marke Cannstatter Volksfest weiterentwickeln und vor allem die schwachen Montage und Dienstage beleben können. Gefragt sind frische Ideen und neue Anreize, die zusätzliche Besucher auf den Wasen locken.

Das Volksfest bleibt ein besonderes Fest mit großer Anziehungskraft. Aber ein Selbstläufer ist es nicht. Wer auch künftig Millionen Menschen auf den Wasen locken will, muss die Tradition bewahren und zugleich den Mut haben, Neues zu wagen.

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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Wenn die neuen Zahlen stimmen, was war dann früher?
  2. Volle Zelte, euphorisierte Wirte
  3. Mehr Umsatz ist nicht gleich mehr Gewinn
  4. Gute Stimmung trotz schlechter Zahlen
  5. Der Wasen braucht neue Ideen

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