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NewsletterDas Wichtigste aus Stuttgart, kostenlosStuttgart im Sportwahn
Stuttgart ist im Sportwahn: Run Clubs statt Kneipe, Hyrox statt Feierabendbier. Jetzt eröffnet am Hauptbahnhof ein Fitnessclub mit DJ-Pult in einem früheren Kino. Ein Rundgang vor der Eröffnung.
Fast wäre ich dran vorbeigelaufen. Der Eingang an der Stephanstraße ist ziemlich unscheinbar, ein Durchgang zwischen Schaufenstern, wie es am Hauptbahnhof Dutzende gibt. Dann schaut man nach oben: Über der riesigen Fensterfront des früheren Hindenburgbaus stehen zwei weiße Lettern, JR, so groß, dass man kurz stehen bleibt.
Hier, gegenüber vom Bahnhof, eröffnet am Freitag der erste JOHN REED Fitness Music Club Stuttgarts. Und er kommt genau zur richtigen Zeit. Denn Stuttgart ist gerade ein bisschen im Sportwahn.
Man sieht es jeden Abend im Schlossgarten: Gruppen in Laufschuhen, die gemeinsam ihre Runde drehen und danach zusammen Kaffee trinken. Run Clubs sind in Stuttgart zum sozialen Treffpunkt geworden, es gibt sogar welche speziell für Singles. Wer früher in die Bar ging, um Leute kennenzulernen, geht heute laufen. Beim Stuttgart-Lauf im Mai war der Halbmarathon mit 10.000 Startplätzen lange vorher ausgebucht.
Und wem Laufen allein nicht reicht, der macht Hyrox. Acht Kilometer laufen, dazwischen acht Stationen: Schlitten schieben, Schlitten ziehen, Burpee-Weitsprünge, Rudern, Ausfallschritte mit Sandsack, zum Schluss Medizinbälle an die Wand. Klingt nach Grundausbildung, ist aber der Sporttrend der Stunde. Die Studios ziehen nach, auch der neue Club am Bahnhof hat Hyrox-Kurse im Programm. Wer vor dem nächsten Training wissen will, ob es draußen regnet: Heute in Stuttgart hat das Wetter für den Kessel.
Drinnen steht man dann in einer Lobby, die diesen Namen wirklich verdient. Alles ist weitläufig, nichts erinnert an den engen Empfangstresen, den man aus Fitnessstudios kennt. Links geht es ein paar Stufen hinunter zu zwei großen Lounge-Bereichen: knallorange Sessel, Kegelleuchten aus Aluminium, viele Pflanzen und Lichtinstallationen, die man so eher in einer Bar erwarten würde als vor der Hantelbank. Am Boden liegt ein gemusterter Teppich, den Olaf Kitzig eigens für den Club entworfen hat. Laut John Reed ist er das Herzstück des Designs.
Rechts geht es durch die Drehkreuze, und dann steht man sofort mittendrin. An dieser Stelle merkt man auch, dass hier früher ein Kino war: Links führt eine Treppe nach oben, rechts eine, und geradeaus öffnet sich der Raum. Nach dem Krieg lief im Haus das Kino Rex, später Ambo, bis 2007. Heute liegt dort eine riesige Trainingsfläche mit Geräten, milon-X-Stationen und unzähligen Racks. Darüber hängen leuchtende Lichtrahmen, und das wirkt nicht billig, sondern richtig hochwertig. Durch die Spiegel an den Wänden scheint der Raum kein Ende zu nehmen.
Mitten im Hauptgang, zwischen den Geräten, steht das DJ-Pult. Beim Preview hat sich der DJ ordentlich ins Zeug gelegt, und man ahnt, wie es hier nach Feierabend klingen wird. Künftig sollen auch Stuttgarter DJs verschiedener Richtungen auflegen. Hinter der großen Halle folgt ein etwas kleinerer, aber immer noch beachtlicher Raum für Functional Training, und rechts liegt der Raum für Reformer-Pilates mit zwölf Geräten.
Zurück zu den beiden Kinotreppen. Die haben nämlich eine klare Aufgabe: Links geht es für Männer hoch, rechts für Frauen. Oben steht auf beiden Seiten erst mal ein Getränkespender (Wasser ist im Beitrag inklusive), dann kommen die Umkleiden, komplett spiegelbildlich gebaut. Drei Räume, in der Mitte jeweils eine lange Couch, links und rechts ganze Batterien von Spinden. Dahinter die Duschen, und noch ein Stück weiter ein Entspannungsbereich mit Liegen und die gemischte Sauna.
Für die Männer ist hier Schluss. Frauen gehen weiter in ihre eigene Sauna und von dort direkt zurück in die Frauenumkleide. Das Ganze legt sich wie ein Rahmen um die riesige Trainingsfläche in der Mitte. Ziemlich clever gelöst, vor allem für ein Gebäude, das dafür nie gebaut wurde.
Der Beitrag liegt bei 60 Euro im Monat, Kurse und Hyrox inklusive. Reformer-Pilates kostet 30 Euro extra, die Plätze werden nach Verfügbarkeit vergeben. Geöffnet ist werktags von 6 bis 23 Uhr, am Wochenende von 8 bis 22 Uhr. An der Bar gibt es Proteinshakes ab 3,60 Euro, der „Green Hulk“ mit Spinat und Matcha kostet 4,50 Euro. Stuttgart ist der 49. Standort von JOHN REED, das zur RSG Group gehört, dem Mutterhaus von McFit. In Baden-Württemberg gibt es außerdem einen Club in Mannheim.
Was mir gefehlt hat, ist Stuttgart. Das Design kommt aus der hauseigenen Innendesign-Abteilung, jeder Club sieht anders aus. Laut Pressemitteilung hängen in jedem Club Werke lokaler und internationaler Künstler, einen erkennbaren Bezug zur Stadt oder zum Gebäude habe ich beim Rundgang aber nicht entdeckt. Auch Kooperationen mit der Stuttgarter Kulturszene gibt es bisher keine. Bei einem Haus, auf dessen Dach 1928 das Planetarium saß, hätte man daraus mehr machen können. Vielleicht kommt das ja noch, über die Musik zum Beispiel.
Was dagegen positiv auffällt, ist das Team. Studioleiterin Nadine Nietzel und die Kollegin aus der Pressearbeit haben sich viel Zeit genommen, alles gezeigt und offen auf jede Frage geantwortet. Der Bezirksleiter freute sich übrigens schon auf den Umbau des Arnulf-Klett-Platzes vor der Tür. Dort läuft gerade ein Planungswettbewerb, die Jury entscheidet im Juni 2027. Bis dahin wird vor dem Club wohl noch einiges gebaggert. In Stuttgart ist man das ja gewohnt.
Bleibt die Frage, ob das alles nicht ein bisschen viel ist. DJ-Pult, Designersessel, Shakebar, und anderswo kostet eine Zehnerkarte Reformer-Pilates schon mal 280 Euro. Wenn das Outfit wichtiger wird als die Technik und das Training erst zählt, wenn es auf Instagram war, geht es nicht mehr um Gesundheit, sondern um Status.
Bei John Reed sieht man das naturgemäß anders. Übertrieben? „Absolut nicht“, hieß es beim Preview. Für Studioleiterin Nadine Nietzel ist Training schlicht Lifestyle. Es gebe aber auch niederschwellige Angebote, und im Vordergrund stehe die Gesundheit. Wer sich zwischen DJ-Pult und Lichtinstallation fehl am Platz fühlt, soll persönlich betreut werden.
„Wir bedienen so gut wie jede Trendsportart.“
Nadine Nietzel, Studioleiterin JOHN REED Stuttgart
Ich glaube, beide Seiten haben ein bisschen recht. Ein Club wie dieser ist nicht für jeden, und für 60 Euro im Monat muss man sich das auch leisten wollen. Aber wenn Run Clubs, Hyrox und schöne Lounges Leute vom Sofa holen, die sonst nie trainiert hätten, ist der Sportwahn so schlecht nicht. Ob der Club mehr ist als eine schöne Kulisse, zeigt sich ab Montag, wenn hier zum ersten Mal richtig trainiert wird.
Wer erst mal ohne Vertrag mitmachen will, findet in Stuttgart genug Möglichkeiten. Man muss nur rausgehen.
Mehr über euren eigenen Bezirk erfahrt ihr im Stuttgart-Atlas. Und wer lieber zuschaut als schwitzt: Alles zum VfB gibt’s in unserem VfB-Hub.
Ihr lauft in einem Run Club, trainiert für Hyrox oder kennt ein kleines Studio im Viertel, das wir vorstellen sollten? Schreibt uns an info@echt-stuttgart.de oder über das Kontaktformular. Und wer keine Geschichte aus der Stadt verpassen will: Hier geht’s zum Echt-Stuttgart-Newsletter. Mehr große Stuttgart-Themen findet ihr in unseren Specials.
Transparenz: Echt Stuttgart hat auf Einladung von JOHN REED am Presse-Preview am 22. Oktober 2026 teilgenommen. Dieser Artikel ist nicht bezahlt und keine Anzeige.
Manuel Kloker ist der Mann, der Geschichten eine Form gibt. Als interdisziplinärer Designer denkt er in Bildern, oft bevor andere überhaupt die passenden Worte gefunden haben – und genau das prägt seine Arbeit für EchtStuttgart. Geboren 1981 im Schwarzwald, fand Manuel Kloker seinen Weg nach Stuttgart und ist der Stadt seither eng verbunden. Besonders sichtbar wird das im Stuttgart-Album: Gemeinsam mit Uwe Bogen, mit dem er später auch zum Lokalteil Verlag stieß, hat er die Konzepte entwickelt und dem Mitmach-Projekt sein unverwechselbares Gesicht gegeben. Für EchtStuttgart bringt Manuel Kloker genau diese Mischung ein: den Blick fürs Bild, die Lust am Machen und ein feines Gespür dafür, wie Stuttgart gesehen werden will.
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