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Cannstatter Volksfest

Regenbogen über dem Wasen: Pretty in Pink – und das Fass zickt


Uwe Bogen 4 Min. Lesezeit News

Die vierte Regenbogenalm ist ein Highlight für Stuttgarts queere Community. Almhütten-Royal-Wirtin Nina Renoldi freut sich über „so viele hübsche Menschen wie bei keinem anderen Event“ – und der Fassanstich hat wieder seine Tücken. Irgendwann sind es so viele Schläge, dass keiner mehr mitzählt. Der Spaß wird mit jedem Schlag größer.

Gläser voller Schaum. Das mit dem Bierzapfen müssen wir noch üben: die Veranstalter Lars Pessinger (links) und Andreas Müller mit Wirtin Nina Renoldi. Foto: Klaus Schnaidt

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer sind die Schönsten im Wasenland? Für Nina Renoldi ist die Antwort ziemlich eindeutig: die Gäste der Regenbogenalm. „Bei keinem anderen Event bei mir gibt es so viele hübsche Menschen wie hier“, sagt die Wirtin der Almhütte Royal zur Begrüßung der queeren Wasenparty.

Und Renoldi legt gleich noch einen drauf. Sie freue sich immer ganz besonders auf die Regenbogenalm – auch wenn ihre Chancen als Hetero-Frau hier eher überschaubar seien, das Ende ihres Single-Daseins zu feiern. Die Gay-Quote ist schließlich ziemlich hoch. Aber, und so viel Hoffnung muss sein: eben nicht bei 100 Prozent.

Gelächter auf der Empore. Die Stimmung ist bestens – und damit ist  schon ziemlich gut beschrieben, worum es bei der mittlerweile vierten Regenbogenalm geht: gemeinsam feiern, sichtbar sein und sich selbst nicht allzu ernst nehmen.

Gaydelight oder „& Julia“? Eine queere Terminkollision mit besonderer Pointe

Was einst ein „Skandal“ war, ist heute gelebte Normalität

Die LGBTQ-Community gehört längst ganz selbstverständlich zum Cannstatter Wasen. Was einst ein „Skandal“ war, ist heute gelebte Normalität. Und trotzdem bleibt Sichtbarkeit wichtig. Denn Vielfalt zeigt sich eben auch dort, wo Tradition besonders großgeschrieben wird: mitten im Festzelt, zwischen Dirndl, Lederhose und Maßkrug.

Und dann kommt der Fassanstich. Spätestens jetzt zeigt sich: Bei der Regenbogenalm kann man vieles planen – nur offenbar nicht, wann das Bier endlich läuft.

Unter den Gästen: die international engagierte DJane Alegra Cole (Zweite von links). Foto: Klaus Schnaidt

Großes Kino am Zapfhahn

Wer die Regenbogenalm kennt, weiß: Der Fassanstich der queeren Wasenparty ist traditionell großes Kino. Nicht unbedingt wegen perfektionierter Schlagtechnik. Eher wegen des Gegenteils.

Beim Frühlingsfest dauerte es exakt vier Minuten und 34 Sekunden, bis endlich etwas aus dem Zapfhahn kam. „Ich glaube, das dauert noch ein bisschen“, war damals irgendwann Nina Renoldi zu hören.

Diesmal übernehmen die Veranstalter Andreas Müller und Lars Pessinger das mit rosafarbenen Blumen geschmückte Fass selbst. Und wieder erlebt das Publikum einen höchst unterhaltsamen Mix aus Slapstick, Improvisation, Optimismus und langsam wachsender Verzweiflung.

Eine wichtige Information für alle, die sich fragen, ob das vielleicht einstudiert ist: Hier hat vorher niemand geübt.

Kein durchgetakteter Politiker-Fassanstich, bei dem jeder Handgriff sitzt. Kein einstudiertes Routineprogramm. Einfach Hammer nehmen und machen.

Diesmal dauert es zwar keine vier Minuten und 34 Sekunden. Schnell geht es allerdings auch nicht. Schlag um Schlag bekommt das Fass ab. Irgendwann sind es so viele, dass keiner mehr mitzählt.

Und wieder scheint ausgerechnet die Gummidichtung das Problem zu sein. Das bleibt im Publikum natürlich nicht unkommentiert.

Gelächter. Und irgendwie passt die Pointe ja zur Regenbogenalm: Dass es auf die richtigen Gummis ankommt, weiß die Community schließlich nicht erst seit den Safer-Sex-Kampagnen. Beim Fassanstich gilt offenbar dasselbe.

Ob die widerspenstige Dichtung tatsächlich das Problem ist – oder ob das Ganze mittlerweile heimlich zum festen Showprogramm der Regenbogenalm gehört? Fast egal. Während Müller und Pessinger mit Fass, Hahn und Gummi kämpfen, hat das Publikum jedenfalls prächtig Spaß. Je länger es dauert, desto größer scheint die Gaudi zu werden.

Und irgendwann läuft das Bier dann doch.

Die Veranstalter geben alles am Fass - trotzdem dauert es. Foto: Klaus Schnaidt
Weitere Impressionen von der Regenbogenalm. Foto: Klaus Schnaidt
Reality-Star Manuel Flickinger (rechts) und sein Partner. Foto: Klaus Schnaidt

Vom „Prince Charming“ auf den Wasen

Unter den Gästen ist auch Manuel Flickinger. Bekannt wurde der Reality-TV-Darsteller und LGBT-Aktivist 2019 durch seine Teilnahme an der ersten Staffel der Datingshow „Prince Charming“. Später war er unter anderem im RTL-Dschungelcamp zu sehen.

Zur Regenbogenalm ist Flickinger mit seinem Partner gekommen und genießt das Fest auf dem Wasen. Statt Fernsehstudio und Reality-Show gibt es an diesem Abend Dirndl, Lederhosen, Maßkrüge und ausgelassene Festzeltstimmung.

Auch das passt zur Regenbogenalm: Die queere Community muss sich nicht zwischen Regenbogen und Volksfest entscheiden. Beides gehört zusammen.

Sichtbarkeit mitten auf dem Wasen

Queere Menschen feiern längst ganz selbstverständlich auf dem Cannstatter Wasen. Dass das heute kaum noch jemanden überrascht, ist eine Entwicklung, die vor einigen Jahren so noch nicht selbstverständlich war. Und trotzdem bleibt der Regenbogen sichtbar. Das ist wichtig.

Denn Akzeptanz zeigt sich nicht nur beim Christopher Street Day, in politischen Debatten oder Kampagnen. Sie zeigt sich vor allem dort, wo Menschen ihren Alltag und ihre Freizeit miteinander verbringen: im Verein, im Fußballstadion, beim Stadtfest – und eben auch im Festzelt auf dem Cannstatter Wasen.

Ein Volksfest steht für Tradition, Heimatgefühl und Gemeinschaft. Vielfalt passt sehr gut hierher, weil ein Volk viele Farben hat.  Bei der vierten Regenbogenalm braucht es dafür keine langen Reden. Es wird gefeiert, geflirtet, getanzt und gelacht – und Andreas Müller und Lars Pessinger beweisen beim Fassanstich mal wieder,  dass ein kleiner Gummi ziemlich große Unterhaltung produzieren kann..

Andreas Müller (links), Veranstalter der Regenbogenalm, mit unserem Autor Uwe Bogen. Foto: Klaus Schnaidt
Weitere Impressionen von der Regenbogenalm. Foto: Klaus Schnaidt
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Uwe Bogen

Uwe Bogen

Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Was einst ein „Skandal“ war, ist heute gelebte Normalität
  2. Großes Kino am Zapfhahn
  3. Vom „Prince Charming“ auf den Wasen
  4. Sichtbarkeit mitten auf dem Wasen

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