Zum Inhalt springen

Stuttgart-Album über ein Kleinod

Vom Damenkränzchen zum Downhill-Start: Die bewegte Geschichte des Teehauses


Conny Mertz ·1. September 2026 ·4 Min. Lesezeit News

Das Teehaus im Weißenburgpark gehört zu den romantischsten Orten Stuttgarts. Am Wochenende aber geht es hier um Tempo: 35 der besten Urban-Downhill-Fahrer der Welt starten zum Weltfinale von Red Bull Cerro Abajo. Ein Blick zurück auf die Geschichte eines Kleinods

Das Teehaus hieß einmal Südmilch-Pavillon. Foto: Sammlung Wibke Wieczorek-Becker

Normalerweise kommt man hierher, um Stuttgart von oben zu betrachten, auf der Terrasse zu sitzen oder durch den Weißenburgpark zu spazieren. An diesem Wochenende ist alles anders.

Wo einst Damen der Stuttgarter Gesellschaft zum Tee zusammenkamen, stehen einige der besten Mountainbiker der Welt am Start. Das Teehaus ist Ausgangspunkt von Red Bull Cerro Abajo, dem spektakulären Urban-Downhill-Rennen, das am 5. und 6. September erstmals in Deutschland ausgetragen wird. 35 Fahrer rasen von hier durch den Stuttgarter Süden hinunter zum Wilhelmsplatz.

Das Weltfinale wird live im Fernsehen und Internet übertragen – und jede Fahrt beginnt am Teehaus. Für die Öffentlichkeit bleibt dieser Teil der Strecke allerdings geschlossen. In den Startbereich dürfen nur Fahrer, Teams und geladene Gäste.

Red Bull Stuttgart Cerro Abajo

Dass einmal Mountainbiker vor diesem feinen Pavillon auf ihren Start warten würden, hätte sich sein Erbauer wohl kaum träumen lassen.

Ein Seifenfabrikant baut seiner Frau ein Teehaus

Die Geschichte beginnt mit Seife.

Ernst von Sieglin, 1848 in Stuttgart geboren, machte mit „Dr. Thompson’s Seifenpulver“ ein Vermögen. Gemeinsam mit dem Chemiker Richard Thompson hatte er in England eine pulverisierte Seife entwickelt. Sie versprach „blendend weiße Wäsche“ und ersparte den Frauen einen Teil des mühsamen Bürstens und Reibens.

Sieglin wurde zum erfolgreichen Industriellen, machte sich aber auch als Altertumsforscher und Kulturmäzen einen Namen. Für seine Zeit ungewöhnlich waren zudem seine sozialen Leistungen für die Beschäftigten: Er führte den Achtstundentag ein, gewährte bezahlten Urlaub und bot Mittagessen in Werkskantinen.

Oberhalb des Stuttgarter Südens besaß Sieglin die Villa Weißenburg mit einem großzügigen Park. Dort ließ er 1913 vom Stuttgarter Architekten Heinrich Henes das Teehaus errichten – vor allem für seine Frau Alice, eine aus Berlin stammende Geigerin. Sie traf sich in dem Pavillon mit ihren Freundinnen zum Tee.

Der Name des Gebäudes war also durchaus wörtlich gemeint.

Der Startpunkt oberhalb des Teehauses steht. Foto: Uwe Bogen

Rokoko über den Köpfen

Mehr als ein Jahrhundert später lässt sich noch immer erahnen, warum dieser Platz gewählt wurde. Das Teehaus liegt hoch über dem Kessel, wenige Schritte entfernt öffnet sich von der Aussichtsterrasse der Blick über Stuttgart.

Auch der Pavillon selbst ist ein architektonisches Schmuckstück. Säulen und Deckengemälde im Rokoko-Stil verleihen ihm eine Eleganz, die aus einer anderen Zeit zu stammen scheint.

Das Teehaus hat dabei etwas geschafft, was der eigentlichen Villa Weißenburg nicht vergönnt war: Es hat überlebt.

Die Stadt Stuttgart erwarb 1956 den früheren Privatpark der Familie Sieglin. Die Villa wurde später abgerissen, das Teehaus blieb erhalten. Das Gelände wurde zur öffentlichen Grünanlage, und aus dem privaten Rückzugsort einer wohlhabenden Industriellenfamilie wurde ein beliebter Aussichtspunkt für die Stuttgarter.

Aus Alice von Sieglins Teepavillon wurde schließlich ein Ausflugslokal.

Ein Stück altes Stuttgart bleibt

Ganz ohne Alterserscheinungen ging das nicht. Zwischen 1987 und 1989 wurde das Teehaus umfassend renoviert, später folgten weitere restauratorische Arbeiten. Auch bürgerschaftliches Engagement half dabei, das Kleinod zu erhalten.

Vom Ford 17 M bis zur alten Ampel: Eine Stuttgarter Kindheit in den 1960ern

Vielleicht liegt darin ein Teil seiner besonderen Wirkung. Stuttgart hat sich rund um den Weißenburgpark grundlegend verändert. Doch oben auf dem Hügel steht noch immer dieser Pavillon, der ursprünglich für ein paar Damen und ihre Teetassen gedacht war.

Mit 60 Sachen vom Teehaus in den Kessel

An diesem Wochenende bekommt die Geschichte ein rasantes neues Kapitel.

Bei Red Bull Cerro Abajo wird aus dem Aussichtspunkt ein Startpunkt. Auf 1,2 Kilometern geht es rund 130 Höhenmeter durch den Stuttgarter Süden hinab zum Wilhelmsplatz – über Stäffele, Straßen und eigens errichtete Hindernisse. Zu den spektakulärsten gehört ein 8,5 Meter weiter Brückensprung. Geschwindigkeiten von bis zu 60 Kilometern pro Stunde sind möglich.

Jeder Fahrer startet allein, die Uhr läuft, die schnellste Zeit gewinnt. Und weil Stuttgart das Saisonfinale ist, fällt hier auch die Entscheidung um den Weltmeistertitel.

Jede dieser Fahrten beginnt an einem Ort, der eigentlich für das Gegenteil von Geschwindigkeit geschaffen wurde. Oben das Teehaus mit seinen Rokoko-Malereien, unten der Stuttgarter Kessel. Dazwischen eine Rennstrecke.

Alice von Sieglin hätte vermutlich nicht schlecht gestaunt, wenn statt ihrer Freundinnen plötzlich Mountainbiker mit Integralhelm vor ihrem Pavillon gestanden hätten.

Das Teehaus bleibt am Sonntag während des Rennens für die Öffentlichkeit geschlossen. Foto: Uwe Bogen
Gefällt mir
Artikel teilen
Link kopiert
Conny Mertz

Conny Mertz

Als Podcasterin wird sie viel gehört. Mit „Klartext – Die Wahrheit über Fehler und Mythen in der Hundeerziehung“, den die gebürtige Stuttgarterin mit dem Hundepsychologen Adam Höpfl produziert, ist sie regelmäßig in den Top 20 der meistgehörten Tierpodcasts Deutschlands vertreten. Klare Worte, Tiefgang, Witz und Verständlichkeit sind dabei ihr Markenzeichen. Viele Jahre arbeitete Conny Mertz als Radiomoderatorin, Journalistin und Nachrichtenredakteurin. Ein Berufsalltag geprägt von Stress, wechselnden Schichten, Zeitdruck – sie weiß aus eigener Erfahrung, wie man mit Druck umgeht und handlungsfähig bleibt. Dieses Wissen gibt sie heute weiter: als ausgebildete Reittherapeutin, vor allem an Kinder. Ihr Fundament ist die Musik. An der Musikhochschule Stuttgart studierte sie Klavier und Rhythmik und schloss ihr Studium als Diplom-Musikpädagogin ab. Das geschulte Hören, das feine Gespür für Takt und Zwischentöne prägen ihre Arbeit.

Alle Artikel von Conny Mertz →

Mehr von Conny Mertz

Mehr aus News

Inhaltsverzeichnis
  1. Ein Seifenfabrikant baut seiner Frau ein Teehaus
  2. Rokoko über den Köpfen
  3. Ein Stück altes Stuttgart bleibt
  4. Mit 60 Sachen vom Teehaus in den Kessel

Anzeige

Face of Germany – Halbfinale, 18.10.2026, MALO Stuttgart – jetzt bewerben
Newsletter

Bleib auf dem Laufenden

Wöchentliche Highlights, Events und Insides aus Stuttgart – kostenlos, jederzeit abmeldbar.

Echt Stuttgart Spezial Unsere großen Geschichten Alle Spezial-Seiten mit Hintergründen, Updates und Live-Daten an einem Ort. Zu den Specials →