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Heftiger Streit um Tradition und Tierwohl

20.000 Unterschriften sollen Pferdeverbot beim Umzug verhindern – Tierschützer halten dagegen


Conny Mertz 4 Min. Lesezeit News

20.000 Unterschriften will der Cannstatter Volksfestverein sammeln, um den Einsatz von Tieren beim historischen Volksfestumzug zu verteidigen. Tierschützer und die Gemeinderatsfraktion SÖS Linke Tierschutz halten dagegen. Sie fordern einen Umzug ohne Tiere. Der Streit um Tradition, Tierwohl und Sicherheit spitzt sich damit weiter zu.

Der Volksfestverein sammelt Unterschrift für Pferde beim Volksfestumzug. Foto: Andy Werner

Der Streit um Pferde und andere Tiere beim historischen Cannstatter Volksfestumzug geht in die nächste Runde. Der Cannstatter Volksfestverein hat jetzt eine Online-Petition gestartet. Das Ziel: 20.000 Unterschriften und damit das angestrebte Quorum für Baden-Württemberg auf der Petitionsplattform openPetition erreichen. Der Verein will ein deutliches Zeichen gegen die Forderung von Tierschützern setzen, künftig auf Tiere beim Festumzug zu verzichten.

Unter dem Motto, dass Tradition und Tierwohl zusammengehörten, wirbt der Volksfestverein dafür, Pferdegespanne und landwirtschaftliche Nutztiere weiterhin beim Umzug zuzulassen.

„Der Historische Cannstatter Volksfestumzug macht die Geschichte und die landwirtschaftlichen Wurzeln des Volksfestes sichtbar. Tiere und traditionelle Gespanne gehören für uns zu diesem lebendigen Kulturerbe“, heißt es im Aufruf.

Die Unterzeichner sollen sich ausdrücklich gegen die Forderung des Vereins Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg und des Kollektivs Tierbefreiung Stuttgart aussprechen, Tiere vom Umzug auszuschließen.

Volksfestverein: Ein pauschales Verbot ist nicht gerechtfertigt

In der Begründung der Petition verweist der Volksfestverein auf die mehr als 200-jährige Geschichte des Cannstatter Volksfestes. Pferdegespanne und Nutztiere würden anschaulich zeigen, wie die Menschen früher gearbeitet, Waren transportiert und Landwirtschaft betrieben hätten.

Die Tiere lediglich als „lebende Kulisse“ zu bezeichnen, werde ihrer historischen Bedeutung nicht gerecht, argumentiert der Verein.

Zugleich betont der Volksfestverein, dass die Teilnahme von Tieren nur unter geeigneten Bedingungen erfolgen dürfe. Die Pferde und Gespanne seien auf den Umzug vorbereitet, erfahrene Halter kümmerten sich um die Tiere. Auch eine tierärztliche Betreuung sei vor Ort vorgesehen. Bei Problemen könnten Tiere aus dem Festzug genommen werden.

Tiere beim Volksfestumzug: Wie lange hält Stuttgart noch an dieser Tradition fest?

„Traditionspflege und Tierwohl gehören zusammen“, heißt es in der Petition. Entscheidend sei nicht allein die Frage, ob Tiere teilnehmen, sondern unter welchen Bedingungen dies geschehe. Der Verein räumt ein, dass sich Geschichte grundsätzlich auch ohne lebende Tiere darstellen lasse. Daraus folge aber nicht automatisch, dass deren Teilnahme verboten werden müsse. Seine Position ist eindeutig: „Ein pauschales Verbot halten wir für sachlich nicht ausreichend begründet.“

Tierschützerin: „Pferde sind Fluchttiere“

Bei den Tierschützern stößt diese Argumentation auf Widerspruch. Sie sehen gerade in der besonderen Umgebung eines großen Festumzugs ein Problem für die Tiere.

Annette Bischoff vom Verein Menschen für Tierrechte Baden-Württemberg erklärt gegenüber EchtStuttgart: „Pferde sind Fluchttiere. Dies zu ignorieren, hat nichts mit Tradition zu tun.“ Auch das Argument, Kinder könnten bei einem historischen Umzug Tiere kennenlernen, lässt Bischoff nicht gelten. „Es ist richtig, dass man Kindern Tiere zeigen sollte, aber nicht in einer so unnatürlichen Umgebung wie einem Umzug. Da sollte man lieber mit seinen Kindern ein Tierheim besuchen oder einen Lebenshof.“

Für die Tierschützer steht damit nicht nur die Frage im Mittelpunkt, ob die Tiere ausreichend betreut werden. Sie bezweifeln grundsätzlich, dass ein großer Festumzug mit Menschenmassen, Musik und ungewohnten Reizen ein geeigneter Ort für Pferde und andere Tiere ist.

Gemeinderatsfraktion wirft Volksfestverein Drohkulisse vor

Deutliche Kritik kommt auch von der Gemeinderatsfraktion SÖS Linke Tierschutz. Besonders die Ankündigung des Volksfestvereins, bei einem Verbot von Pferden möglicherweise den gesamten historischen Umzug abzusagen, sorgt dort für Empörung. „Tradition geht auch ohne Tierleid. Der Vorstand des Volksfestvereins zeigt mit dieser Aussage, dass er keinerlei Phantasie besitzt, wie ein Volksfestumzug ohne Tiere aussehen kann“, kritisiert Stadtrat Dennis Landgraf von der Tierschutzpartei.

Landgraf wirft dem Verein vor, mit der angekündigten Konsequenz politischen Druck ausüben zu wollen. „Mit dieser fiktiven roten Linie versucht der Volksfestverein die Schuld an einem nicht stattfindenden Volksfestumzug den Aktiven im Tierschutz in die Schuhe zu schieben. Das ist ein ebenso billiges wie durchschaubares Spiel.“ Die Fraktion erwarte eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich Tradition auch ohne Tiere darstellen lasse.

Tierschützer zeigen den Volksfestverein wegen mutmaßlicher Verstöße an – aber nicht den OB

Rockenbauch zieht Vergleich mit dem Weltweihnachtscircus

Fraktionssprecher Hannes Rockenbauch (SÖS) erinnert an die früheren Auseinandersetzungen um Wildtiere im Zirkus. Auch damals hätten Gegner eines Verbots davor gewarnt, dass der Zirkus ohne Tiere nicht überleben könne. „Heute sehen wir den Weltweihnachtscircus ganz ohne Tiere und mit großem Publikumszuspruch. So wird es auch beim Volksfestumzug sein, wenn dieser ohne Tiere stattfindet“, sagt Rockenbauch. Statt mit roten Linien zu drohen, solle der Volksfestverein ein Konzept für einen tierfreien historischen Umzug entwickeln.

Die Fraktion fordert zudem, dass der Antrag auf ein Verbot von Tieren beim Volksfestumzug möglichst bald im Stuttgarter Gemeinderat behandelt wird. Nach Angaben der SÖS steht die Beratung darüber noch nicht auf der Tagesordnung. 

EchtStuttgart-Leser berichtet von schwerem Unfall mit Pferd

Dass die Diskussion nicht nur um das Wohl der Tiere, sondern auch um die Sicherheit der Zuschauer geht, zeigt eine Schilderung auf der Facebook-Seite von EchtStuttgart. Dort berichtet ein Leser, dass er als Kind bei einem Volksfestumzug von einem ausschlagenden Pferd getroffen worden sei. Die Verletzungen seien so schwer gewesen, dass er ins Krankenhaus musste.

Der Leser zieht daraus eine klare Konsequenz: Pferde hätten bei einem solchen Umzug nichts verloren. Er befürchtet, dass es eines Tages zu einem noch schwereren Unfall kommen könnte, etwa wenn ein ausschlagendes Pferd ein Kind am Kopf trifft. 

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Conny Mertz

Conny Mertz

Als Podcasterin wird sie viel gehört. Mit „Klartext – Die Wahrheit über Fehler und Mythen in der Hundeerziehung“, den die gebürtige Stuttgarterin mit dem Hundepsychologen Adam Höpfl produziert, ist sie regelmäßig in den Top 20 der meistgehörten Tierpodcasts Deutschlands vertreten. Klare Worte, Tiefgang, Witz und Verständlichkeit sind dabei ihr Markenzeichen. Viele Jahre arbeitete Conny Mertz als Radiomoderatorin, Journalistin und Nachrichtenredakteurin. Ein Berufsalltag geprägt von Stress, wechselnden Schichten, Zeitdruck – sie weiß aus eigener Erfahrung, wie man mit Druck umgeht und handlungsfähig bleibt. Dieses Wissen gibt sie heute weiter: als ausgebildete Reittherapeutin, vor allem an Kinder. Ihr Fundament ist die Musik. An der Musikhochschule Stuttgart studierte sie Klavier und Rhythmik und schloss ihr Studium als Diplom-Musikpädagogin ab. Das geschulte Hören, das feine Gespür für Takt und Zwischentöne prägen ihre Arbeit.

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Inhaltsverzeichnis
  1. Volksfestverein: Ein pauschales Verbot ist nicht gerechtfertigt
  2. Tierschützerin: „Pferde sind Fluchttiere“
  3. Gemeinderatsfraktion wirft Volksfestverein Drohkulisse vor
  4. Rockenbauch zieht Vergleich mit dem Weltweihnachtscircus
  5. EchtStuttgart-Leser berichtet von schwerem Unfall mit Pferd

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