Spontanauftritt von Ilkan Ateş
Nach seinem Nazi-Schock auf dem Hoppenlaufriedhof steht Comedian Ilkan Ateş tags darauf überraschend im nagelneuen Eleven Comedy Club auf der Bühne. Host Marvin Endres lässt über die AfD „abstimmen“: 100 Prozent dagegen. Der Saal tobt. Und der angekündigte „Nazijäger“ gesteht: „Ich bin einfach weggerannt.“
Eigentlich wollte Ilkan Ateş in Stuttgart nur ein bisschen feiern. Doch aus dem Wochenendtrip des Berliner Comedians wird eine Geschichte, die inzwischen weit über Stuttgart hinaus für Aufsehen sorgt. Am Freitagabend flüchtet er vor einer Gruppe mutmaßlicher Neonazis auf dem Hoppenlaufriedhof. Am Samstagabend steht er plötzlich selbst im Rampenlicht – auf der Bühne des gerade erst eröffneten Eleven Comedy Clubs im Keller des Marquardtbaus.
Der neue Comedyclub von EMMVEE und Fabi Rommel feiert an diesem Wochenende seine Eröffnung. Eigentlich ist das Programm den Local-Heros der Stuttgarter Comedy-Szene vorbehalten. Doch Host Marvin Endres macht am zweiten Abend eine Ausnahme. Er hat von der Geschichte des Berliners erfahren, dessen Video vom Hoppenlaufriedhof im Netz viral gegangen ist. Und er bietet Ilkan kurzerhand an, selbst auf der neuen Bühne aufzutreten.
Der Saal ist voll, als Endres seinen Überraschungsgast ankündigt. Er erzählt von dem Berliner Comedian, der auf dem Hoppenlaufriedhof Nazis bekämpft habe. Endres erwähnt auch einen Journalisten, der über den Vorfall berichtet und ihn nach der Telefonnummer von Ilkan gefragt habe. Gemeint ist EchtStuttgart. Wir hatten am Samstag über das Video und den von der Polizei bestätigten Einsatz auf dem Hoppenlaufriedhof berichtet.
Jetzt bekommt die Geschichte eine unerwartete Fortsetzung.
Bevor Ilkan auf die Bühne kommt, nutzt Marvin den Moment für eine politische Ansage. Er fragt in den voll besetzten Saal, ob sich unter den Gästen ein AfD-Wähler befinde. Niemand meldet sich. Dann folgt die Gegenprobe: Wer hasst die AfD, „diese Wichser“? Der Saal tobt. Jubel, Beifall, eine unmissverständliche Reaktion.
„100 Prozent gegen die AfD“, erklärt Endres. Dies ist also die Botschaft, die vom neuen Eleven Comedy Club ausgehe. Eine deutliche politische Positionierung – und das am Eröffnungswochenende, an dem die Comedy im Mittelpunkt steht.
„Nazis auf dem Friedhof“: Comedian Ilkan Ateş erlebt Schockmoment – Polizei bestätigt Einsatz
Dann kommt Ilkan Ateş auf die Bühne. Ein eher schmächtiger junger Mann, dem man den gerade von Endres verliehenen Titel „Nazijäger“ nicht unbedingt zutraut. Genau damit spielt der Berliner.
„Marvin kündigt mich als Nazijäger an. Sehe ich aus wie einer, der gegen Nazis kämpft? Ich bin einfach weggerannt.“
Der Saal lacht. Mit wenigen Sätzen macht Ateş aus seinem erschreckenden Erlebnis eine Pointe. Statt sich als Held feiern zu lassen, nimmt er die eigene Flucht auf die Schippe. Aus dem Mann, der am Vorabend noch voller Adrenalin durch Stuttgart irrte, wird ein Comedian, der das Erlebte auf der Bühne verarbeitet.
Was hinter dem spontanen Auftritt steckt, hatte EchtStuttgart bereits am Samstag berichtet. Ateş war am Freitagabend auf dem Weg von seinem Hotel zum Eleven Comedy Club. Google Maps hatte ihm den kürzesten Weg vorgeschlagen – mitten durch den Hoppenlaufriedhof.
Dort hörte er Männer grölen und nach seiner Darstellung ein Lied mit SS-Bezug singen. Der Berliner bekam Angst, zückte sein Handy und filmte sich selbst. „Was zur Hölle ist in Stuttgart los, Digger?“, fragte er aufgebracht in die Kamera. Das Video verbreitete sich rasant auf Instagram und löste eine heftige Debatte aus.
Auf Anfrage von EchtStuttgart bestätigte die Stuttgarter Polizei, dass Beamte zum Hoppenlaufriedhof gerufen worden waren und dort eine Gruppe von Männern kontrolliert hatten. Einige hätten Glatzen gehabt. Ob es sich tatsächlich um Rechtsextremisten oder Neonazis handelte, konnte die Polizei allerdings nicht bestätigen. Auch nationalsozialistische Symbole wurden bei dem Einsatz nach den vorliegenden Angaben nicht festgestellt.
Ateş selbst schilderte uns am Samstag, dass er sich allein im Dunkeln bedroht gefühlt und deshalb die Polizei verständigt habe. Dass sich der Vorfall ausgerechnet auf dem historischen Hoppenlaufriedhof ereignete, sorgt zusätzlich für Betroffenheit. Die 400 Jahre alte Anlage besitzt auch einen jüdischen Friedhofsteil.
Keine 24 Stunden nach dem Vorfall hat die Geschichte eine überraschende Wendung genommen. Aus dem verängstigten Stuttgart-Besucher, der im Hotel Maritim schlief und nur einen Comedyclub besuchen wollte, wird selbst ein Teil des Eröffnungsprogramms.
Stuttgart liefert ihm an diesem Wochenende mehr Stoff, als er sich vermutlich gewünscht hat.
Uwe Bogen, Redaktionsleiter von EchtStuttgart, Buchautor und Stuttgart-Kenner, gilt seit vielen Jahren als einer der bestvernetzten Journalisten Stuttgarts. Immer wieder bringt er Hintergründe ans Licht, lange bevor sie öffentlich bekannt werden. Seine Fans schätzen seinen unverwechselbaren Schreibstil und seine Stuttgart-Liebe. In Stuttgart geboren und aufgewachsen, studierte er in Tübingen und ist seiner Heimatstadt bis heute eng verbunden. Als Reporter prägt er seit vielen Jahren die publizistische Landschaft in Stuttgart. Uwe Bogen ist Autor von bisher 21 Büchern, Mitherausgeber des Lokalteil-Verlags sowie Initiator des Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.
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